Ohne Sorgen in die Freiheit
Am 1. Oktober wird wieder ein afrikanischer Staat unabhängig „Na, wenn schon", wird der geneigte Leser denken und sich erinnern, daß es im August acht Staaten waren „Und jetzt nur einer, ein einziger?" Aber bitte, bedenken Sie, jene acht Staaten hatten eine oder zwei oder drei Millionen Einwohner, in Nigeria aber lebt ein Fünftel aller Bewohner des schwarzen Afrika. Nigeria hat 35 Millionen Einwohner. Nigeria ist der größte Staat Afrikas, weit größer als die Südafrikanische Union oder das volkreiche Ägypten.
Und wichtiger noch: Nigeria ist — anders als. der Kongo — seit vielen Jahren auf diesen Augenblick vorbereitet worden. Seit fünf Jahren tragen die Nigerianer selber die Verantwortung für ihre Finanzen; vor zehn Jahren wurde in Ibadan die Universität gegründet, wie mir schien, die grollartigste Anlage dieser Art in ganz Afrika. Vor allem, und dies ist einzigartig in Schwarz Afrika, ein Drittel des Lehrkörpers sind Afrikaner. Rund 1100 Studenten studieren in Ibadan und weitere 5000 Nigerianer in Europa und Amerika (Vergleichsweise: Es gibt zur Zeit nur rund 400 kongolesische Studenten ) Nigeria hat das größte Krankenhaus Westafrikas, und das Land ist stolz auf seine 900 Ärzte. Freilich, wenn man bedenkt, 900 Ärzte für 35 Millionen Einwohner? Den zwei Millionen Hamburgern stehen weit über 2000 Ärzte zur Verfügung. Die „Afrikanisierung" ist in Nigeria schon vor dem Unabhängigkeitstag weit gediehen. Alle Minister sind Afrikaner; das Parlament blickt auf eine verhältnismäßig lange Erfahrung; politische Parteien gibt es seit über 20 Jahren. In den meisten anderen jetzt selbständig gewordenen Staaten gibt es entweder eine einzige Partei (wie in den Volksdemokratien) oder ungezählte — zum Beispiel im Kongo (wie einst in Weimar). In Nigeria aber gibt es drei große Parteien, und keine ist stark genug, um allein regieren zu können. Und es gibt drei voneinander unabhängige, aber einander wirtschaftlich ergänzende Länder, die gemeinsam die Föderation Nigeria bilden.
Dsr alte englische Wunschtraum les „balance of power" ist hier verwirklicht worden. Wird es gelingen, dieses kunstvolle Gebilde am Leben zu erhalten? Oder wird es der Zentralisierung atiheimfallen oder sich in seine drei Bestandteile auflösen? Ich glaube, die Chancen für eine kontinuierliche Entwicklung sind nicht schlecht.
Aufnahmen: Peter Obi, „Daily Times"Lagos (6); AP; Archiv
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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