Raoul Salan, der "Chinese"

General einer unglücklichen Armee / Von Sigfrid Dinser Paris, im September

Meine Freunde! Ich rufe euch zu: Vive la France! Vive l Algerie francaise!" Er erhebt seinen Arm, grüßt und dreht sich um. Unter dem blauen Himmel von Algier steht General Salan vor einer erregten Volksmasse. Delbecque (UNRAbgeordneter, im Herbst 1959 nach dem Versuch, die Regierung Debre zu stürzen, aus der Partei ausgestoßen — die Red ) steht neben ihm und zischt ihm ins Ohr: „Rufen Sie Vive de Gaulle!" General Salan, abgespannt und unsicher, macht eine Vierteldrehung wie im Trancezustand, wendet sich zurück und sagt mit halber Stimme ins Mikrofon: „Vive de Gaulle!" „Da haben Sie es also geschafft!" schleudert Madame Salan Delbecque ins Gesicht. Geistesabwesend geht General Salan in sein Büro zurück: „Ich habe nicht Vive de Gaulle! geschrien. Sie haben verlangt, daß ich es tue. Nun gut. Um so schlimmer. Ich bin einverstanden " So schildert R. Tournoux in seinem Euch „Secrets dEtat" die Szene, die schließlich die Revolution von Algier im Mai 1958 zugunsten von General de Gaulle entschied. Nachdem Salan am 15. Mai, vormittags 11 Uhr, auf dem Forum in Algier „Vive de Gaulle" gerufen hatte, war für General de Gaulle in Paris die Bahn frei. Die Armee hatte ihr Machtwort und gleichzeitig das Todesurteil über die vierte Republik gesprochen. Heute, knapp zweieinhalb Jahre später, vird der gleiche General Salan von General de Gaulle als Verräter hingestellt. Weil er in Algier am 14. September 1960 „Algerie frangaise" sagte, wurde er nach Paris zitiert, unter Polizeiaufsicht gestellt, und es wurde ihm verboten, an seinen Ruhesitz, in sein Haus nach Algier, zurückzukehren. General Salan hat sich in ein Pariser Hotel einquartiert. „Ich werde nicht schweigen", erklärte er nach seiner Verurteilung.

Was wird er tun, was kann er tun? Bedeutet die Affäre Salan nur den Anfang einer neuen Revolte der französischen Armee gegen die Regierung? Bricht jetzt der offene Krieg aus zwischen der Armee und de Gaulle? Oder wird sich in der Armee selbst nun doch die Spaltung vollziehen, die de Gaulle im Januar vor den Barrikaden von Algier noch einmal verhindern konnte? Wer weiß es? Salan? Nach Dien Bien Phu, 1954, da stellte die Armee die Frage: Hat uns Paris, hat uns das Vaterland verraten? Dann kam der Verzicht auf Marokko und auf Tünesien. Es kam Suez. Und jetzt will Paris die Armee auch noch urn den Sieg in Algerien bringen! Es gibt keinen französischen Offizier, der die Dinge nicht so sieht. Genauso: „Wir wurden immer verraten. Wir waren immer die Schuldigen, und das Schlimmste: Wir waren immer die Besiegten. Und warum? Nur weil wir uns an das erste Gebot des Soldaten gehalten haben: Disziplin. Die Disziplin ist unser hundertmal wiederholter Selbstmord. Die Disziplin gegenüber Paris. Mag der Mann, der Zivilist, der dort sitzt, heißen wie er will, mag der Mann General gewesen sein, einer von uns, wie de Gaulle, es ist immer das gleiche " Diese Sätze haben wir uns im April 1958 irgendwo „an der Front" in Algerien notiert. Ein junger Hauptmann dieser unglücklichen Armee faßte auf diese Weise zusammen, was viele dachten. Vielleicht hat er sechs Wochen später im Mai wie sein Chef Salan „Vive de Gaulle" gerufen, vielleicht aber gehört er auch zu denjenigen, die sich rühmen, es nicht ein einziges Mal getan zu haben (weil sie „nichts mit Politik zu tun haben wollen"). Fest steht nur, daß er sicherlich heute wie 1958 die gleiche Anklage gegen Paris führt, gegen die dortige Regierung, gegen das gleichgültige Volk, gegen alles, was nicht Armee heißt. Besteht diese Milliönenarmee, die mit Abstand stärkste Armee Westeuropas, also aus einer Million Meuterern? Wird diese Armee von der politischen Zentrale Paris nur noch beherrscht, weil deren Soldaten und Offiziere sich der „Exerzierregel" Disziplin unterwerfen? Und weil Paris noch die Autorität besitzt, wie im Fall Salan auf Disziplin zu bestehen? Hat diese Armee während der vergangenen zwanzig Jahre, in denen sie beinahe ohne Unterbrechung — verlorene — Kriege führte, sowohl die Zusammengehörigkeit mit dem Volk wie den Glauben an die Nation und an die Fahne verloren? Die Armee weiß schon lange nicht mehr, wofür sie kämpft, aber sie getraut sich nicht, aus dieser Erkenntnis die Konsequenz zu ziehen.

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„Vergessen Sie nicht, Offiziere sind dumm", sagte einmal General de Gaulle zu einem aus der Armee ausgetretenen Obersten (Remy). General Salan gilt als ein außerordentlich intelligenter Mann „Ohne den klügsten Politiker der französischen Armee wird unsere Revolution scheitern", sagten die Männer des 13. Mai in Algier, bevor sie Salan „bekehrt" hatten. General Raoul Salan über sich selbst: „Ich verstehe nichts von Politik. Ich bin ein Soldat wie jeder andere " Tatsächlich findet man kaum einen typischeren Repräsentanten dieser Armee ohne Fortune, dieser vom Soldatenglück verlassenen französischen Armee. Kaum einen, der sich stummer (oder „dümmer") gegenüber der Politik verhalten hätte als Salan. Und doch auch kaum einen, der besser die militärisch politische Lage beurteilte. Und bestimmt keinen, der ebensoviel mitgemacht hat, wie er.

„Nehmen Sie das Leben von Salan, dann haben Sie die Geschichte der Armee während der letzten 40 Jahre", so heißt es. 1917 als Achtzehnjähriger ist er Kriegsfreiwilliger „Der schönste Tag meines Lebens war, als ich Leutnant wurde 1921 schlug er sich im Libanon mit den Drusen herum. Drei Jahre später ist er in Indochina. Als Mussolini Abessinien eroberte, war er getarnt als Journalist auf Seiten der „Kaiserlichen" mit dabei. 1938, rechte Hand von Kolonialminister Mandel. 1942 Nordafrika, 1944 eroberte er Toulon und besiegt die schon geschlagenen Deutschen bis hinauf zur Donau Dann wieder zurück nach Indochina, eine Zeitlang als Oberkommandierender. 1953 wird er abgelöst. Als er in Paris Dien Bien Phu prophezeite, verdächtigte man ihn des Verrats. Er kümmerte sich nicht um diese „Zivilisten", er blieb stumm. 1956 schickte man ihn nach Algier. Salan, der „Chinese", der „Elefant", wie man ihn in Indochina nannte, war nicht der Typ der Ultras. Er war zu ruhig und zu undurchsichtig, der Mann mit dem Römerkopf. Er war verdächtig. Wer hatte ihm die acht Ordensreihen auf die Brust geheftet? Paris. War er vielleicht der höchstdekorierte Soldat der Armee, weil er vor Paris immer kuschte? Man glaubte, er gehöre auch zu denen, die Blut sparen wollen und die in Wahrheit die Schlacht und das Land verlieren.

„Man" — noch heute weiß man nicht, wer „man" eigentlich war — versuchte, ihn mit Hilfe zweier Bazookas im wörtlichen Sinne des Wortes abzuschießen „Man" legte eine Bombe in sein Auto, man schoß mit — französischen — Gewehren auf ihn. Bei den Bazookaattentat kam sein Adjutant ums Leben, seine Tochter wurde schwer verletzt. Wenig später fiel sein Sohn im Kampf gegen den FLN Salan wurde politisch. Und Salan bekam zum Zeichen dafür, daß man ihn in der „Gesellschaft" von Algier aufgenommen hatte, einen neuen Beinamen; „Kalb" nannte man ihn. Aber noch immer war er nicht beliebt wie Massu, der „Hase", oder Soustelle, der „dicke Kater". Heute freilich, heute würde Algier für ihn durchs Feuer gehen. Denn er ruft „Algerie franfaise" auch dann, wenn es verboten ist „Mein Sohn liegt bei euch begraben, darum gehöre ich zu euch Und er gehört auch deshalb zu den Ultras, weil er das sagt, was zumindest ein Offizier, der die Exerzierregeln beherrscht, nicht sagen dürfte: „Ich bin nie in meinem Leben Gaullist gewesen Raoul Salan, von dem früher die Fanatiker von Algier behaupteten, er sei nicht zuverlässig, denn er habe in Ostasien allzulange Bekanntschaft mit dem Opium genossen, ist zu einem Hort des Widerstands gegen Paris geworden.

Salan hat noch einen zweiten Sohn, den Sohn einer Annamitin. Auch er ist Soldat. Audi sein Kampf wäre nach Ansicht Salans sinnlos, wenn General de Gaulle Algerien die Möglichkeit schafft, sich mit Hilfe der Selbstbestimmung von Frankreich zu trennen.

 
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