Schwarz am Zug
Auf die etwas beunruhigende Nachricht hin, unter den Zimmervermieterinnen der Bundeshauptstadt herrschten Rassenvorurteile, habe ich neulich eine Probe aufs Exempel gemacht. Ich habe verschiedene Damen dieses Gewerbes aufgesucht und mich scheinbar für die von ihnen offerierten Zimmer interessiert.
Die ersten drei Besuche verliefen insofern negativ, als ich diese Zimmer gar nicht erst zu Gesicht bekam. Ein Blick auf mich, schon an der Wohnungstür, genügte offenbar. In einem Falle gelang es mir immerhin, bis in die Diele vorzustoßen, aber das lag wohl nur an den schlechten Lichtverhältnissen. Auf eine nähere Überprüfung meines Äußeren hin wurde ich auch hier schnell wieder verabschiedet.
Immerhin ist mein Vprsueh schließlich , 40eh licht ganz erfolglos geblieben Ich weiß jetzt, warum man Leute wie mich nicht nehmen will, Das verdanke ich Frau Schmilz, einer Dame, die >o weit ging, mir das Zimmer, das ich nicht bewohnen durfte, zu zeigen.
„Warum", fragte ich Frau Schmitz, „kann ich licht bei ihnen vohnen?" Ich wußte natürlich, daß ich dem Idealbild aller Zimmerwirtinnen von einem Untermieter Menschen — ein Beamter, der im Ersten seine Miete zahlt und sich bis zum nächsten Ersten nicht mehr blicken läßt — nicht sntspreche. Aber so viele Vertreter dieses Idealaildes existieren ja gar nicht, und manche Zimmerrermieterin muß sich daher schon mit einem Mie:er wie mir begnügen: einem ruhigen, nachgiebigen Menschen, dem manche Vermieterin — aus welchen Gründen auch immer — bei seinem Austug bittere Tränen nachgeweint hat, der kochen and waschen weder kann noch will und keine Dame kennt, die unbedingt darauf bestehen würde, ihren Besuch auf die behördlich als unsittlich empfundene Zeit nach 22 Uhr auszudehnen. Das Bonner Klima mächt bekanntlich müde. So ähnlich legte ich meinen Fall auch Frau Schmitz dar und vergaß auch nicht hinzuzufügen, daß ich mich ihren Preiswünschen voll und ganz 1auszuliefern gedächte. Sie aber ließ sich nicht erweichen.
„Persönlich habe ich nichts gegen Sie", versicherte sie mir, „es ist nur wegen Ihrer Hautfarbe " „Das muß ein Irrtum sein. An sichbin ich weiß, die braune Farbe stammt noch von meinem letzten Italienurlaub", hielt ich ihr beschwörend entgegen.
„Das Ist es ja. Ich hatte Sie hereingelassen, weil ich Sie wenigstens für einen Indonesier hielt. An Weiße vermiete ich meine Zimmer nicht " „Aber, Frau Schmitz, was haben Sie denn gegen die Weißen?" „Nichts", sagte Frau Schmitz, „gar nichts. Aber als Frau, die einmal bessere Tage gesehen hat und nur notgfedrungen vermieten muß, hat man an später zu denken. SchließlKh liest unsereiner Zei tung. Von, den Weißen ist nicht mehr viel zu erwarten. Die rücken ja überall aus. Die" Zukunft gehört den Schwarzen, das ist sonnenklar. Und darum sollte man sich gut mit ihnen stellen, je früher, desto besser. Mein Mann, meine Tochter und ich lernen seit einer Woche Kisuaheli. Sie verstehen?" „Kisuaheli? Leider nein. Aber jetzt verstehe ich natürlich, w arum Sie Ihre Zimmer nur noch an Schwarze vermieten „Nicht, wahr? In jedem dieser jungen afrikanischen Studenten könnte doch ein zukünftiger Lumumha stecken! Soll ich mir mein Leben lang vorwerfen, einem Ministerpräsidenten die Tür gewiesen zu haben? Vielleicht werden wir eines Tages als Staatsgäste nach Afrika eingeladen, weil sich ein Lumumba bei uns so wohlgefühlt hat. Im übrigen ist das auch ganz im Sinne unserer Regierung. Die sagt doch dauernd: Seid nett zu den Schwarzen! Ich will nicht schuld daran sein, wenn die da unten alle russisch werden, ich nicht!" Frau Schmitz hatte durchaus recht. Aber ich würde doch gern, wissen, ob es noch irgendeine Regierung auf der Welt gibt, die den Rat erteilt, nett zu uns Weißen zu sein. Was können wir denn, dafür, daß wir als Weiße geboren wurden?
- Datum 30.09.1960 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1960 Nr. 40
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