Nordrhein Westfalen "Sie kommen vor das Standgericht"

Erschossen in jenen Tagen — Versorgungsamt bestreitet Rentenanspruch. gru/Witten

T j ü r uns ist das Leben nur Kampf um die Ver- sorgung", sagt die 49jährige Hertha Burr. „Und das schlimmste ist: Wir sind für die Beamten nur lästige Bettler Seit ihrer Flucht aus der Zone im Jahre :1956 bemüht sich die Familie Burr, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Ihr Fazit nach vierjährigem Aufenthalt: Der Vater Herbert Burr, 51 Jahre alt, ist wieder arbeitslos: „Zu alt Die Neubauwohnung in der Mozartstraße 17 in Witten an der Ruhr, die der vierköpfigen Familie vom Wohnungsamt zugewiesen wurde, ist zu teuer — 103 10 DM monatlich. Die Möbel sind noch nicht bezahlt. Drei Anträge von Herbert Burr auf ein Existenzaufbaudarlehen wurden abgelehnt, ebenso wie der Antrag auf Entschädigung, den Hertha Burr für ihren 18jährigen Sohn Sepp Dieter aus erster Ehe stellte. Diesen Bescheid empfindet Hertha Burr als besonders hart: „Mein Junge muß dafür büßen, daß die Nazis seinen Vater erschossen haben. Er wollte ebenso wie sein Vater technischer Kaufmann werden. Aber ich konnte ihn auf keine Schule schikken. Er wurde Schlosser und ernährt als Achtzehnjähriger unsere Familie " Der technische Kaufmarin Kurt Kindermann aus Berlin, der erste Mann der Hertha Burr und Vater von Sepp Dieter, wurde am 5. März 1945 von einem Standgericht in Frankfurt an der Oder „als Plünderer zum Tode verurteilt". Das Entschädigungsamt entschied: „Eine nationalsozialistische Verfolgung hat nicht vorgelegen Trotz dieser Mitteilung will die Witwe des Verurteilten weiter versuchen, die Unrechtmäßigkeit des Todesurteils zu beweisen, „schon allein, um die Ehre meines Mannes wiederherzustellen".

Kinderniann arbeitete elf Jahre lang als Angestellter des Auto Union Zweigbetriebes in Berlin. Das Werk wurde 1944 von Berlin nach Frank furt an der Oder ausgelagert. Kurt Kindermann betreute das Ersatzteillager des Betriebes. Seine Frau und den Jungen hatte er in Berlin zurückgelassen. Sein damaliger Vorgesetzter, der erst kürzlich ausfindig gemacht werden konnte, schreibt über diese Zeit:„ Der Betrieb war in ehemaligen Kasernen untergebracht. Sie lagen etwa 20 km von Frankfurt entfernt. Die räumliche Trennung der Kaserne von der Stadt und die Verdunkelung waren die Gründe, daß sich die Arbeitskollegen eng zusammenschlössen " Zu dem Kollegenkreis um Kurt Kindermann gehörte auch eine junge Karteiführerin mit ihrer Freundin. Diese Freundin war als Hausmädchen bei dem Inhaber eines Frankfurter Kaufhauses beschäftigt. Der Zeuge schreibt:„ Im Winter 1945 wurde Frankfurt an der Oder durch die Russen sehr stark bedroht und wurde zum großen Teil von der Zivilbevölkerung geräumt Auch der Kaufhaus Chef flüchtete mit seiner Familie. Dem Hausmädchen sagte der Hausherr beim Abschied noch:„ Wenn die Russen kommen, dann verteile die Sachen, die noch im Hause sind " Wenige Tage später, am 25. Februar, begann man, das Werk nach Mecklenburg zu evakuieren. Die Russen standen inzwischen am änderen OderUfer. In Frankfurt wurde gekämpft. Am gleichen grulWitten Abend trafen sich: fünf junge Männer des Betrie-, bes in der Wohnung des Kaufmanns, darunter auch Kurt Kindermann. Das Mädchen verteilte Wäschestücke an jene, die wenig hatten. In diesem Augenblick kam der Bruder des Kaufmanns, ein Richter,hinzu. Er kannte die Anweisung seines Bruders nicht und drohte den sechs jungen Leuten erregt mit einer Anzeige wegen Plünderung ner Frankfurt an der Oder. Kindermanns Vorgesetzter schreibt:„ Die Auto Union mit ihrem gesamten Troß hat im Nachtmarsch Frankfurt über die Autobahn verlassen und ging zunächst nach Berlin Halensee. Hier waren wir kaum angekommen, als Frankfurter Kriminalbeamte erschienen und den Kreis der jungen Leute um Kurt Kindermann verhafteten Um diese Zeit wußte der Vorgesetzte bereits von dem abendlichen Vorfall im Frankfurter Kaüfmannshaus. Kindermann hatte ihm davon berichtet.

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„Die Gestapo kam in unsere Wohnung und fragte: Sind Sie Kindermann? Sie kommen vors Standgericht Die Frau erzählt, weiter: „Wir wußten beide nicht, was ein Standgericht ist, Mein Mann ist mitgegangen, wie er immer zur Arbeit ging: mit Mantel, Hut und Aktentasche. Und er sagte noch: In ein paar Tagen bin ich wieder zurück " men. Seine Frau ging sofort zu dem Reichsverteidigungskommissar Wohlfart in Berlin, um ein Gnadengesuch einzureichen „Da war ein ganz junger Mensch. Er lachte nur, als ich ihm die Leumundszeugnisse von der Firma meines Mannes vorlegte, und sagte: Ein Leumundszeugnis von der Firma ist ja sehr schön, aber ein politisches wäre mir lieber Das konnte die Frau nicht vorlegen, denn Kurt Kindermann war nicht in der Partei. Um diese Zeit hätte ihm seine Parteizugehörigkeit auch nichts mehr genützt: Das Todesurteil war bereits vollstreckt — ohne Unterschrift des Reichsverteidigungskommissars. Der ehemalige Vorgesetzte aus dem Auto Union Betrieb schreibt heute: „Ich habe Monate gebraucht, um über dieses grauenhafte und ungerechte Geschehen hinwegzukommen " noch einmal versuchen, ihren ersten Mann von dem Vorwurf der Plünderung zu reinigen. Ihr Rechtsberater vom „Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen e V " verweist auf § l, Absatz 2 des Bundesversorgungsgesetzes: „Einer Entschädigung im Sinne stehen Schädigungen gleich, die herbeigeführt worden sind durch eine mit militärischem oder militärähnlichem Dienst oder mit den allgemeinen Auflösungserscheinungen zusammenhängende Straf- oder Zwangsmaßnahme, wenn die den Umständen nach als offensichtliches Unrecht anzusehen ist Er hofft, damit wenigstens eine Entschädigung aus dem Härtefond für den achtzehnjährigen Sepp Dieter Kindermann zu bekommen.

wieder " Noch in der gleichen Nacht verließen die MänHertha Burx erinnert sich genau an jenen Tag: Kurt Kindermann ist nie wieder zurückgekomMit dieser Zeugenaussage will Hertha Burr nun Frau Burr: „Seinen Vater bringt niemand

 
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