Vor Beginn der Vollversammlung...

Die dreißig Minuten, ehe der Ire zum Hammer greift / Von Egon Vacek

10 Uhr 10: Polizeisergeant Ralph Dracon bindet sein Pferd „Augustus" von einer der Holzbarrieren los, mit denen die First Avenue und das UNOGebäude am East Rvuer gegen Demonstranten gesichert sind „Auf gehts", ruft er mir zu. Zwei Omnibusse schaffen Verstärkungen für die Wach- rechte Saalecke: Fidel Castro und seine Kumpanen registriert und kommentiert. mannscharten vor dem Glasoalast heran. Ein em- ;„j „„„ ir c: i M i- . mannschaften vor dem Glaspalast heran. Ein einsamer ungarischer Flüchtling lehnt sein Schild an den Zaun: „Chruschtschow ist ein Mörder". Er setzt sich auf eine Treppenstufe und ißt ein Käsebrot, das ihm einer der Polizisten gegeben hat. 10 Uhr 12. In der Eingangshalle müssen die Photographen ihre Teleobjektive auseinanderschrauben. Jemand hat die Russen angerufen und ihnen gesagt, deutsche Ex Gestapoagenten wollten Chruschtschow mit einem Kamera Gewehr umlegen. Die Kollegen von der Feder stehen um Sitzungskarten an: Zweitausend Journalisten, dreihundertfünfzig Presseplätze. Man hat einen Schlüssel entworfen, der alle Zeitungen und Zeitschriften unter 100 000 Auflage ausschaltet und den Anmarschweg der Korrespondenten berücksichtigt. Jeden Tag gibt es Proteste der Enttäuschte.

10 Uhr 14. Der Sitzungssaal ist fast leer. 10 Uhr 15. Als erste marschieren drei Afrikaner herein, einer mit knallgelbem Topfhut, alle mit neuen gelben Aktentaschen. Sie kommen aus Dahomey, Hostess Wo:~g aus China zeigt ihnen den Platz. Die nächsten Delegierten sind wieder Afrikaner, die Delegation Guineas. Sie tragen elegante Einreiher.

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10 Uhr 17. Eine Sekretärin stellt eine Wasserkaraffe auf den Präsidententisch. Frankreichs Abrüstungsexperte Jules Mach steaert zielsicher seinen Platz an. Er kennt sich hier a us. Krishna Menon, der Vertreter Indiens, bringt die Tribüne der Besucher zum Raunen. Aber eine Roihaarige mit Silbernerz Cape stiehlt ihm die Schau. Ihr folgen die meisten Blicke. Die Fernsehkameras richten sich ein: Eine wird immer auf Chruschtschow, eine auf Herter, eine auf Castro und eine auf die Afrikaner gerichtet bleiben. Jetzt schwenkt eine Linse der Rothaarigen nach. Der Einzug der Delegationen hat einen Modeteil, das Weltforum wird für Minuten zum Laufsteg.

10 Uhr 18: Pressekarten sind rar? Hinter mir fragt eine „Kollegin" den UNO Sicherheitsbeamten, der dem Forum ständig den Rücken zukehren und die Journalisten stets im Auge behalten muß: „Sagen Sie, war Zypern nicht französisch?" „Nein griechisch (Es war britisch ) Die „Kolle- James Wadsworth kommt, kurz darauf auch Hergm" ists zufrieden. Der Saal füllt sich. Ein Mann mit grauwelligem Haar wartet in einem Reihengang geduldig, bis man ihn vorbeiläßt. Keiner scheint ihn zu erkennen: Es ist Frankreichs Außenminister Couve de Murville. In dieser politischen Monstreschau sind selbst Außenminister nur Statisten.

10 Uhr 19: Die Photographen eilen in die sind eingetroffen. Sie wirken in ihren olivgrünen Drillichuniformen exotischer als die Stammesfürsten aus Togo und Nigeria in ihren bunten wallenden Gewändern. Fidel winkt zu den Farbigen herüber. Die Photographen kommen auf ihre Kosten: Castro schließt einen Mann aus Ghana in die Arme. Außer den Kubanern trägt nur noch ein Delegierter Uniform: Es ist der Oberbefehlshaber von Ghana, der seinen britischen Offiziersdreß um einige Goldlitzen angereichert hat und ein elegantes schwarzes Stöckchen schwingt. 10 Uhr 20: Der erste Ostblockvertreter. Janos Kadar schiebt sich fast scheu auf seinen Platz. Er steckt, wie immer, sofort die Finger der rechten Hand in den linken Ärmel und die der linken in den rechten: Stalin hat ihm die Fingernägel ausreißen lassen. Gomulka kommt, winkt zu Kadar herüber.

10 Uhr 22: Nikita Chruschtschow, bahnt sich händeschüttelnd einen Weg zum Sowjetplatz und läßt sich schwer fallen. Sein Hintermann lächelt süß sauer: Er ist im gleichen Augenblick von der anderen Seite gekommen, Jugoslawiens Marschall Tito, den die Platzänderung durch die Neuaufnahme von 14 Nationen unmittelbar hinter seinen Feind Freund placiert hat, Chruschtschow dreht sich tim, drückt auch Tito die Hand. Gromyko flüstert ihm etwas zu. Chruschtschow springt auf, geht zum Vertreter Guineas, drückt ihm die Hand. Castro steht auf, winkt zu Chruschtschow, Chruschtschow winkt zurück. Die Photographen stehen startbereit. Wird er wieder herübergehen, gibt es ein zweitesmal jenes komische Bild, das die beiden Cs in herzlicher Umarmung zeigt — C aus Moskau seinen Kugelkopf in den Bart des C aus Havana schmiegend? Aber Chruschtschow setzt sich wieder hin.

10 Uhr 25: Gomulka kommt zu Chruschtschow herüber, auch Ghiorghiu Dej und Prags Novotny umringen ihren Führer. Man tuschelt und lacht. 10 Uhr 27: „Ich sehe die Engländer gar nicht", sagt ein Kollege „Dort drüben sitzt doch der Lord Home — „Ach der? Wann ist der denn gekommen?" — „Als Castro kam — „Na dann " Auch Außenminister Home ist kein Star der Versammlung. Die Kommumscen, Castro und die Afrikaner lenken alle Aufmerksamkeit auf sich. 10 Uhr 28. Der bullige neue US Chefdelegierte ter. Die Photographen blitzen noch immer an Fidel Castros Platz. Mit wem spricht er? Tito fehlt. Er hat das Ostblockpalaver vor seiner Nase nicht mitgemacht und drückt Castro zum erstenmal die Hand — von Partisan zu Partisan. Immerhin, so raunen die Auguren: Tito wird Eisenhower seh er. und zwischen Washington und Havana vermitteln! Hier wird jeder Händedruck, jedes Klatschen 10 Uhr 30: Jetzt sollte:die Sitzung beginnen, Aber noch sind längst nicht alle Delegationen da, noch steht man in den Gängen „Erkennen Sie die wieder?" „Wen?" „Na, die Negerin. Gestern karr, sie noch im Umhang, heute hat sie ein fesches weißes Schneiderkostüm an. Können Sie erkennen, woher sie kommt?" — „Warten Sie m a l , Tschad " „Gibt es so etwas?" „Ja, das gibt es " „Ach " 10 Uhr 32: Die Nationalchinesische Delegation drückt sieb, an Chruschtschows Hof vorbei "Nikita hat sie gesehen, blickt jetzt aber betont zur anderen Seite. Und sofort wenden sich auch Gomulka und Kadar ab.

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