Von Robert Neumann

Gut, ich will es bekennen. Im besten Stil sozialistischen Selbstkritik. Ich hatte mit diesem Andersch einen „Konflikt“, vor anderthalb Jahren – nein, er hatte ihn mit mir, ich hatte ihn bloß ein wenig durch die Milchschokolade gezogen; er reagierte stur, humorlos und provinziell: Wart’, dachte ich mir, diesen Andersch schaust du dir noch einmal an. Es war damals, daß ich der ZEIT sagte: Wenn der nicht etwa in seine billig routinierten Rundfunkmontagen zurücksinkt, wenn der noch einmal ein Buch schreibt – das schickt doch bitte mir zur Rezension.

Dann dachte ich nicht mehr daran. Und dann, unversehens, vorige Woche, kam dieses Buch –

Alfred Andersch: „Die Rote“; Walter-Verlag, Olten; 294 S., 14,80 DM.

Das schickst du ungelesen zurück, war mein erster Impuls. Aber – ich bekannte es kürzlich erst – ich bin ein bestechlicher Mensch! Ich habe dieses Buch zu lesen begonnen, und es hat mich bestochen. Nicht nur dazu, es voll Interesse zu Ende zu lesen, sondern auch dazu, vor dieser nun einmal für mich reservierten Kritik nicht zu kneifen – was so viel bequemer wäre, als jetzt bekennen zu müssen: So primitiv und subaltern, wie ich diesen Andersch damals sah, so ist der ja gar nicht. Der ist ja ganz anders. „Man tut unrecht daran“, so hätte ich damals etwa eine Kritik begonnen – „man tut unrecht daran, Alfred Andersch immer wieder mit Günther Anders und Stefan Andres zu verwechseln. Ist er auch weniger intelligent als der eine und weniger begabt als der andere, so hat er innerhalb seiner gewiß engeren Grenzen doch durchaus ein zwar mit grobem Meißel in etwas bröckelnden Sandstein gehauenes, aber doch erkennbar individuelles Profil.“

Hätte ich damals gesagt. Und natürlich läßt sich das auch heute noch sagen. Aber nach dieser „Roten“, einem seinen zahlreichen Fehlern zum Trotz (nein, infolge seiner zahlreichen Fehler) doch immerhin sehr interessanten Buche, bedarf diese Aussage der Präzisierung und zum Teil der Revision.

Zunächst die Story. Eine junge Frau aus Deutschland – der Autor hat sich das Handicap auferlegt, sie mit scharfem Kurs an der Schnulze vorüber zu einer „faszinierenden Rothaarigen“ zu machen – ist des Lebens in einer Dreieckbeziehung mit ihrem Mann und dem Chef ihres Mannes überdrüssig, läßt ihren Mann in Mailand im Kaffeehaus sitzen, kauft am Schalter des Hauptbahnhofs eine Fahrkarte („Wohin?“ – „Irgendwohin!“ – wie man das nun einmal an Schaltern zu sagen pflegt) – und gelangt so gepäcklos und geldlos nach Venedig.