Entwicklungshilfe Faß ohne Boden?
Wir haben uns bisher alle etwas vorgemacht / Von Fritz Baade
Es wird immer klarer, daß die Hilfe der westlichen Welt für die Entwicklungsländer endlich aus dem Zustand von Stückwerk und Zufall heraus muß. Sie muß genau wie seinerzeit die Hilfe der Vereinigten Staaten für das vom Kriege zerstörte Europa aus der Wirrnis zufälliger Hilfen zu einem langfristigen und durchdachten Plan entwickelt werden. Die Devise dieser Hilfe muß die gleiche sein wie die des Marshall Planes: den Beschenkten zu helfen, sich selbst zu helfen. Die Bundesregierung hat sich bereit gezeigt, eine Summe in der Größenordnung von 3 Mrd. DM zur Verfügung zu stellen. Und zwar nicht nur für ein Jahr, sondern für eine ganze Reihe von Jahren, wobei die Mittel, die aus dem Haushalt kommen, also auf Kosten des Steuerzahlers gehen, einen von Jahr zu Jahr wachsenden Anteil an dieser Summe ausmachen sollen (3 Mrd. DM: das wäre das Doppelte dessen, was wir heute an Hilfe für eines unserer eigenen unterentwickelten „Gebiete" — die deutsche Landwirtschaft — im Rahmen des „Grünen Planes" jährlich aufbringen müssen ) fr Die heutige Erdbevölkerung läßt sich in drei Gruppen einteilen, 1 die Völker westlicher Lebensart mit parlamentarischer Demokratie und einer vorwiegend auf Privateigentum aufgebauten Wirtschaft, 2 die östlichen Völker des kommunistischen Blocks, 3 die Völker, die weder zur einen noch zur anderen Gruppe gehören, die fast alle unter dem Begriff der sogenannten Entwicklungsvölker zusammengefaßt werden.
Von den etwa 2 77 Milliarden Menschen auf der Erde entfallen heute 0 77 Mrd auf die Länder mit „westlicher" Lebensart, fast l Mrd auf den kommunistischen Block und l Mrd auf die Entwicklungsländer. Bis zum Jahre 2000 wird sich dieses Bild grundlegend ändern. Die Bevölkerungszahl in den Ländern westlicher Prägung wird voraussichtlich auf nur l bis 1 2 Mrd ansteigen; die Bevölkerung in den Ländern des kommunistischen Blocks und in den Entwicklungsländern aber auf je etwa 2 5 Mrd. Menschen.
Ein wesentlicher Teil jenes Wettlaufs zum Jahre 2000 zwischen der kommunistischen und der nichtkommunistischen Welt geht also um die Beyölkerung der Entwicklungsländer. Verliert die westliche Welt diesen Kampf, so wird es in der Welt unserer Kinder und Enkel nur noch einen sehr kleinen Raum geben, der nicht kommunistisch ist. Persönliche Freiheit auf Grund parlamentarischer Demokratie, Wirtschaftsbetätigung auf der Grundlage von Privateigentum an Produktionsmitteln, landwirtschaftliche Produktion auf der Basis bäuerlichen Bodeneigentums, all dies wird dann bei fünf Sechsteln der Weltbevölkerung nicht mehr vorhanden sein.
Die wirkliche Größenordnung des Problems E„Entwicklungshilfe" begreifen wir aber erst, wenn wir uns klarmachen, daß für den größten Teil der Bevölkerung in den Entwicklungsländern auch heute noch die Malthusscbe Doktrin gilt, die besagt, daß die Menschen die Tendenz haben, sich rascher zu vermehren, als die Nahrungsmittelproduktion wächst.
Am deutlichsten wird dieser Tatbestand in dem Land, das in der Gruppe der Entwicklungsländer auch zahlenmäßig das wichtigste ist, in Indien, Alle Versuche zur Hebung der landwirtschaftlichen Produktion, insbesondere alle großen und kleinen Bewässerungsprojekte haben bisher nichts an der Tatsache ändern können, daß Indien ein chronisches Ernährungsdefizit aufweist, das heute mit Geschenken des amerikanischen Steuerzahlers gedeckt wird. Ein Ernährungsdefizit, das nicht von Jahr zu Jahr kleiner, sondern von Jahr zu. Jahr größer wird.
Eine Kommission von erstklassigen amerikanischen Fachleuten, die auf Bitten der indischen, Regierung von der Ford Foundation nach Indien geschickt worden ist, hat festgestellt, daß das Tempo der landwirtschaftlichen Produktionssteigerung (durch Intensivierung) verdreifacht werden muß, wenn erreicht werden, soll, daß die Nahrungsproduktion wenigstens ein bißchen rascher steigt als die Bevölkerung. Wenn dies nicht geschieht — sagt die Kommission voraus — würde bereits im Jahre 1965 in Indien ein Nahrungsdefizit in der Größenordnung von 28 Mill. Tonnen Getreide wert oder 2 8 Milliarden Dollar bestehen. Selbst die heute ; für astronomisch gehaltenen Getreideüberschüsse der Vereinigten Staaten würden nicht ausreichen, um dieses Defizit zu decken.
Nicht weniger erschreckend ist die Feststellung der gleichen Kommission, daß der Nutzeffekt der Bewässerung in Indien bisher völlig unzulänglich ist. Auf dem neu irrigierten Land werden nur Mehrerträge in der Größenordnung von 25 vH erzielt, während bei richtiger Fruchtfolge, Verwendung leistungsfähigen Saatgutes, moderner Schädlingsbekämpfung und — was vielleicht das Wichtigste ist — ausreichender Ernährung der Pflanzen durch Naturdünger undHandelsdünger eine Verdreifachung der Erträge zu erzielen sein würde.
Ich hatte Gelegenheit, als Chef des Teams, das von der Food and Agriculture Qrganization of the tion in der Türkei zu studieren. Wir sind hier zu einem ebenso alarmierenden Ergebnis gelangt: Es gibt keine Reserven an kultivierbarem Land, im Gegenteil, es ist viel zuviel trockene Steppenweide umgepflügt worden, die mit großen Kosten wieder in Weide zurückverwandelt werden muß. Die einzige große Reserve liegt in der Bewässerungswirtschaft. Aber hier muß vor allem genau wie in Indien der jämmerlich niedrige Nutzeffekt verbessert werden. Daß dies möglich ist, haben wir seinerzeit in der Türkei durch die Stiftung Deutsch Türkische Demoastrations- und Mustergüter bewiesen. Aber allein die Türkei hat 40 000 Dörfer und wir können froh sein, wenn 1000 Dörfer in absehbarer Zeit von der Welle des Fortschritts erfaßt werden. Indien hat mehr als 500 OOQ Dörfer.
Diese erste strukturelle Schwäche führt zwangsläufig zu einer zweiten, nämlich zum Defizit in der Zahlungsbilanz. Ich hatte jetzt im Auftrag der OEEC die Verbesserungsmöglichkeiten der türkischen Deviseneinnahmen aus Exporten und Diensten zu untersuchen und bin dabei zu demselben Ergebnis gekommen wie ein Jahr früher im FAO Berieht: Solange die strukturelle Schwäche in der JirnährungsbiJanz nicht überwunden wird, bleibt auch das Defizit in der Zahlungsbilanz bestehen. Ein einseitig agrarisch orientiertes Land bei dem mehr als 75 vH aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft beschäftigt sind, sollte einen Export Überschuß an Agrarprodukten haben, mit dem es wenigstens einen Teil seines Einfuhrbedarfs an Industrieprodukten, insbesondere an Rohstoffen und Maschinen bezahlen kann. Wenn es bereits in der Ernährung von den Geschenken des amerikanischen Steuerzahlers abhängig ist, so sind auch alle Rechnungen, die Zahlungsbilanz durch agrarische Exporte in Ordnung zu bringen und darüberhinaus gar alte oder neue Schulden zu verzinsen und zurückzuzahlen, reine Träumereien. Es muß ganz kraß ausgesprochen werden, daß jeder Kredit an ein Land mit strukturellem Defizit in der Ernährungsbilanz und in der Zahlungsbilanz praktisch ein Geschenk des Geberlandes und nicht ein Kredit ist, sofern nicht begründete Aussicht besteht, daß das Empfängerland während der Laufzeit des Kredites seine strukturelle Schwäche überwindet.
Angesichts der Größenordnung des Problems ist es klar, daß die Aussichten für den Erfolg der Entwicklungshilfe nicht sonderlich rosig sind. In welchem Umfang gutgemeinte Hilfsgelder schon vergeudet worden sind und in welchem Umfang ein Vergeudung fast unvermeidlich erscheint, wenn man nicht zu völlig neuen Methoden gelangt, dafür mag wieder das Beispiel der Türkei erwähnt werden.
Die Türkei war im Jahre 1958 in eine schwere Krisis ihrer Zahlungsbilanz geraten. Die Einnahmen aus den Exporten reichten nicht annähernd aus, um auch nur die am dringendsten benötigten Einfuhren an Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Ersatzteilen zu bezahlen. Daraufhin erhielt die Türkei eine multilaterale Hilfe in Gestalt eines Kredites von 359 Millionen Dollar, an dem die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten mit dem größten Posten beteiligt waren. Im Jahr darauf wurden die alten Schulden der Türkei „bereinigt", es wurde ein Verzinsungsund Abzahlungsplan festgelegt, durch welchen die krank gewordenen, insgesamt rund 400 Millionen Dollar alter Schulden „gesundgeschrieben" sein sollten. Schließlich gelang es dem Außenminister der jetzt gestürzten und verhafteten Regierung Menderes, im April 1960 von der Bundesrepublik noch einen „Kassenkredit" von 35 Millionen Dollar und dazu 15 Millionen zusätzliche Hermes Bürgscliaften zu erhalten.
Dieses ganze Geld ist praktisch nutzlos vertan. Die Türkei wird, solange die gegenwärtige strukturelle Krankheit ihrer Ernährungsbilanz und ihrer Zahlungsbilanz fortbesteht, niemals einen Pfennig von den hier unterschriebenen Verpflichtungen an Zinsen und an Amortisationszahlungen leisten können. Wenn sie etwas davon zahlt, zahlt sie es in derselben Weise, wie bisher alle Entwicklungsländer in ähnlicher Lage: Ein Teil der Einnahmen aus neu aufgenommenen Schulden wird dazu benutzt, um Zinsen und Amortisation der alten Schulden aufzubringen und zu transferieren. Daß dabei die Lawine ständig wächst, ist eine einfache arithmetische Rechnung. Das ist alles schlimm. Aber viel schlimmer ist die Tatsache, daß mit diesen ganzen Summen von 359 + 400 + 50 Millionen Dollar, also etwa 800 Millionen Dollar = 3 2 Mrd. DM nichts, aber auch gar nichts erreicht worden ist für die Überwindung der strukturell passiven Ernährungsund Zahlungsbilanz in der Türkei.
In einem folgenden Artikel soll gezeigt werden, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um das auf den ersten Blick fast hoffnungslose Unterfangen der Hilfe für die Entwicklungsländer in ein Unternehmen mit realistischen Erfolgsaussichten zu verwandeln.
- Datum 09.12.1960 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 9.12.1960 Nr. 50
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