Wer hat am 27. Februar 1933 den Reichstag in Brand gesteckt? An dieser Frage entzündete sich im vergangenen Winter eine heftige Kontroverse zwischen dem „Spiegel“ und der ZEIT. War der holländische Vagabund Marinus van der Lübbe der Alleintäter? Dies behauptete der „Spiegel“ – und wusch damit die Nationalsozialisten von aller Schuld am Reichstagsbrand rein. Oder war Lübbe nur ein vorgeschobener Stitist, die Brandlegung in Wahrheit jedoch das Werk eines SA-Rollkommandos? Das war die These, die Dr. Hans Bernd Gisevius in der ZEIT vertrat. Er nannte dabei auch einen der von ihm beschuldigten Täter bei seinem bürgerlichen Namen: Hans Georg Gewehr, der heute als Bauingenieur in Düsseldorf lebt.

Die Sechste Zivilkammer des Landgerichtes Düsseldorf soll jetzt in einem Prozeß, den Gewehr gegen Gisevius angestrengt hat, mindestens mittelbar die Antwort auf die in der ZEIT-Serie abgeworfenen Fragen finden. Erster Verhandlungstag ist der 13. Dezember.

Schon unmittelbar nach dem Kriege hatte Gisevius in seinem Buch „Bis zum bitteren Ende“ geschrieben, Gewehr – in Berlin einst als „Heini“ Gewehr oder „Pistolen-Heini“ bekannt – sei in der Brandnacht an der Spitze eines SA-Rollkommandos durch einen unterirdischen Gang in den Reichstag eingedrungen und habe dort den Plenarsaal mit einer leichtentzündlichen Phosphormischung präpariert; allein deswegen habe aus van der Lubbes Zündeleien ein Großbrand ernsteren können. Jahrelang hat sich Gewehr gegen diese Behauptung, die seit 1945 in verschiedenen Publikationen aufgetaucht war, nicht zur Wehr gesetzt. Nach der Veröffentlichung der ZEIT-Serie fühlte er sich jedoch geschäftlich geschädigt und strengte gegen Dr. Gisevius – nicht gegen die ZEIT, die auch nie ein Dementi von ihm erhielt – eine Zivilklage auf Widerruf und Unterlassung an. Er berief sich dabei ausdrücklich auf die These des „Spiegels“ und dessen Gewährsmannes Fritz Tobias, van der Lübbe sei Alleintäter gewesen.

Von dieser These ist der „Spiegel“ auch nach der Veröffentlichung der Serie von Bernd Gisevius, an dessen Zuverlässigkeit wir keinen Zweifel hegen, nicht abgerückt. Er beschäftigte sich zwar noch einmal mit dem Fall, wischte indes alle neuen Argumente und Tatsachen, die Gisevius vorgebracht hatte, als unerheblich vom Tisch und antwortete Gisevius „überaus heftig mit einem wahren Trommelfeuer persönlicher Invektiven“ – wie Professor Eugen Kogon in den Frankfurter Heften sehr treffend bemerkte.

„Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, eine objektive Untersuchung in Gang zu bringen“, hatte die ZEIT im Frühjahr geschrieben, „bei der die Zeugen und Sachverständigen eidlich vernommen werden und so vor dem Risiko geschützt werden, daß ihnen hinterher mit zweifelhafter publizistischer Methode das Wort im Munde herumgedreht wird“. Das Verfahren in Düsseldorf bietet die Gelegenheit zu solch einer objektiven Untersuchung. Wenn Lübbe der alleinige Täter war, dann kann weder Gewehr noch irgendein anderer Nationalsozialist am Reichstagsbrand beteiligt gewesen sein. Damit aber werden der Wahrheitsgehalt der „Spiegel“-Serie und die Stichhaltigkeit der Gisevius-These zum Kernstück des Düsseldorfer Prozesses.

Noch gibt es viele Überlebende der Reichstagsbrand-Affäre; Gisevius hat eine lange Reihe von ihnen als Zeugen benannt. Neues Material ist erst in jüngster Zeit wieder ans Licht gekommen. In dem bevorstehenden Prozeß zu Düsseldorf geht es um den Versuch, ein finsteres Kapitel deutscher Zeitgeschichte aufzuklären. D. Z.