Orient-Expreß aufs Abstellgleis

Der „mysteriöseste Zug der Welt“ fährt bald nicht mehr

Es wird Zeit, daß sich die Autoren von Spionage-, Gesellschafts-, Schmuggler- und Abenteuerromanen sowie die Verfasser entsprechender Drehbücher nach einem neuen „Ort der Handlung“ umsehen. Der legendäre Orient-Expreß, der seit Juni 1883 der durchgehenden West-Ostverbindung auf der Strecke Calais–Paris–München–Wien–Budapest–Bukarest–Istanbul dient, wird vom Frühjahr 1961 an nicht mehr verkehren. So beschloß es die internationale Fahrplankonferenz in Leningrad. Der Grund: Der Zug ist zu schwach besetzt, vor allem in den östlichen Ländern. Er verkehrt nach dem neuen Fahrplan nur mehr zwischen Paris und Wien.

Der „Orient-Expreß“ war der erste Zug Europas, der einen Namen führte. Es dauerte nicht allzulange, bis er auch mit dem Beinamen des „mysteriösesten Zuges der Welt“ geschmückt wurde. Dieser nur die erste Klasse führende und Sonderzuschlag kostende Zug stampfte und fauchte, seit er in Betrieb genommen war, nicht nur durch den Balkan, sondern auch als romantisch verbrämte Kulisse und „Ort der Handlung“ durch annähernd hundert Filme und etwa fünfhundert Romane aller Gattungen. Wer immer diesem Zug entstieg, war umweht vom Flair der großen Welt.

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War dieser Zug bis zum Zweiten Weltkrieg Treffpunkt illustrer Menschen aus Diplomatie, Gesellschaft, von Bühne und Film – unter ihnen vermutlich auch ein paar echte Abenteurer –, so war es danach auch mit dem Luxus des Zuges zu Ende. Er passierte im Grunde nur mehr eine Grenze, die zwischen West und Ost, aber sie ist deutlicher als alle anderen, allein schon erkennbar an den Reisenden. Der letzte Anflug von Eleganz schwand jenseits dieser Trennungslinie, wo Bauern mit lebendem und totem Inventar, Funktionäre und Volksarmisten in rauher Schale zu selbstverständlichen Fahrgästen dieses einmal vornehmen Zuges geworden sind.

Bleibt den Autoren nur noch ein Trost: Der Tauern-Expreß von Oostende über München, Salzburg, Belgrad nach Athen fährt weiter. St.

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  • Quelle DIE ZEIT, 16.12.1960 Nr. 51
  • Schlagworte Film | Autor | Bühne | Diplomatie | Drehbuch | Roman
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