Von Bertolt Brecht

Aus dem Nachlaß Bertolt Brechts erscheinen dieser Tage im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, die fast abgeschlossenen „Flüchtlingsgespräche“, aus denen wir hier Anfang und Schluß abdrucken.

Über Pässe – Über die Ebenbürtigkeit

von Bier und Zigarre –

Über die Ordnungsliebe

Die Kriegsfurie hatte Europa halb abgegrast, aber sie war noch jung und hübsch und überlegte es sich, wie sie noch einen Sprung nach Amerika hinüber machen könnte, als im Bahnhofsrestaurant von Helsingfors zwei Männer saßen und, sich ab und zu vorsichtig umblickend, über Politik redeten. Der eine war groß und dick und hatte weiße Hände, der andre von untersetzter Statur mit den Händen eines Metallarbeiters. Der Große hielt sein Bierglas hoch und durchschaute es.

Der Große

Das Bier ist kein Bier, was dadurch ausgeglichen wird, daß die Zigarren keine Zigarren sind, aber der Paß muß ein Paß sein, damit sie einen in das Land hereinlassen.

Der Untersetzte

Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals.

Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Der Große

Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes. Der Paß wird ihm in die Brusttasche gesteckt, wie die Aktienpakete in das Safe gesteckt werden, das an und für sich keinen Wert hat, aber Wertgegenstände enthält.

Der Untersetzte

Und doch könnt man behaupten, daß der Mensch in gewisser Hinsicht für den Paß notwendig ist. Der Paß ist die Hauptsach, Hut ab vor ihm, aber ohne dazugehörigen Menschen war er nicht möglich oder mindestens nicht ganz voll. Es ist wie mit dem Chirurg, er braucht den Kranken, damit er operieren kann, insofern ist er unselbständig, eine halbe Sach mit seiner ganzen Studiertheit, und in einem modernen Staat ist es ebenso; die Hauptsach ist der Führer oder Duce, aber sie brauchen auch Leut zum Führen. Sie sind groß, aber irgend jemand muß dafür aufkommen, sonst gehts nicht.

Der Große

Die beiden Namen, die Sie erwähnt haben, erinnern mich an das Bier und die Zigarren hier. Ich möcht sie als führende Marken ansehen, das Beste was hier zu haben ist, und ich seh einen glücklichen Umstand darin, daß das Bier kein Bier ist und die Zigarre keine Zigarre, denn wenn da zufällig keine Übereinstimmung bestände, war das Restaurant kaum zu führen. Ich nehm an, daß der Kaffee auch kein Kaffee ist.

Der Untersetzte

Wie meinen Sie das, glücklicher Umstand?

Der Große

Ich mein, das Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Sie brauchen den Vergleich miteinander nicht zu scheun und können Seit an Seit die ganze Welt herausfordern, keiner von ihnen find einen bessern Freund, und ihre Zusammenkünfte verlaufen harmonisch. Anders, wenn der Kaffee z. B. ein Kaffee und nur das Bier kein Bier wär, möchte die Welt leicht das Bier minderwertig schimpfen, und was dann? Aber ich halt Sie von Ihrem Thema ab, dem Paß.

Der Untersetzte

Das ist kein so glückliches Thema, daß ich mich nicht von ihm abhalten lassen möcht. Ich wunder mich nur, daß sie grad jetzt so aufs Zählen und Einregistrieren der Leut aus sind, als ob ihnen einer verlorengehen könnt, sonst sind sie jetzt doch nicht so. Aber sie müssen ganz genau wissen, daß man der und kein anderer ist, als obs nicht völlig gleich wäre, wens verhungern lassen. Der Große, Dicke stand auf, verbeugte sich und sagte: Mein Name ist Ziffel, Physiker. Der Untersetzte schien zu überlegen, ob er ebenfalls aufstehen sollte, ermannte sich jedoch dann und blieb sitzen. Er brummte:

Nennen Sie mich Kalle, das genügt. Der Große setzte sich wieder und nahm einen übelnehmerischen Zug aus seiner Zigarre, über die er sich schon mehrere Male beschwert hatte, bevor er wieder sprach.

Ziffel

Die Sorge für den Menschen hat in den letzten Jahren sehr zugenommen, besonders in den neuen Staatengebilden... Aber die Pässe gibts hauptsächlich wegen der Ordnung. Sie ist in solchen Zeiten absolut notwendig. Nehmen wir an, Sie und ich liefen herum ohne Bescheinigung, wer wir sind, so daß man uns nicht finden kann, wenn wir abgeschoben werden sollen, das wär keine Ordnung. Sie haben vorhin von einem Chirurgen gesprochen. Die Chirurgie geht nur, weil der Chirurg weiß, wo z. B. der Blinddarm sich aufhält im Körper. Wenn er ohne Wissen des Chirurgen wegziehn könnte, in den Kopf oder das Knie, würd die Entfernung Schwierigkeiten bereiten. Das wird Ihnen jeder Ordnungsfreund bestätigen.

Kalle

Der ordentlichste Mensch, den ich im Leben kennengelernt hab, war einer namens Schiefinger im Lager Dachau, ein SS-Mann... Wenn er uns mit der Lederpeitsch geprügelt hat, ist er so gewissenhaft vorgegangen, daß die Striemen, die er verursacht hat, ein Muster ergeben haben, das jeder Untersuchung mitm Millimetermaß hätt standhalten können. Der Ordnungssinn ist so in ihm dringesteckt, daß er lieber nicht geprügelt hätt, als unordentlich.

Ziffel

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Nirgends sieht man mehr auf Ordnung als im Gefängnis oder beim Militär. Das ist seit alters sprichwörtlich. Der französische General, der dem Kaiser Napoleon, als der Siebziger Krieg begonnen hat, meldete, daß die Armee bereit ist bis auf den letzten Knopf, hätte nicht zu wenig versprochen, wenns wahr gewesen wär. Auf den letzten Knopf kommts nämlich an. Es müssen alle Knöpfe sein. Mit dem letzten Knopf gewinnt man den Krieg. Auch der letzte Blutstropfen ist wichtig, aber nicht so wie der letzte Knopf. Es ist nämlich die Ordnung, durch die der Krieg gewonnen wird. In das Blut kann man niemals die Ordnung bringen wie in die Knöpfe. Der Stab weiß nie so genau, ob der letzte Blutstropfen schon vergossen ist, wie er über die Knöpfe Bescheid weiß.

Kalle

Das Letzte ist eins von den Lieblingswörtern von – ihnen. Aufm Moor hat der SS-Mann immer gesagt, wir müssen mit der letzten Kraft zustechen. Ich hab mich oft gewundert, warum wirs nicht mit der ersten haben machen dürfen. Es hat aber die letzte sein müssen, sonst hätts ihm keinen Spaß gemacht. Auch den Krieg wollens mit der letzten Kraft gewinnen, darauf bestehens.

Ziffel

Es liegt ihnen daran, daß es Ernst ist.

Kalle

Blutiger Ernst. Ein Ernst, der nicht blutig ist, ist keiner ...

Ziffel

Aber der Hauptgrund, daß auf Ordnung gesehn wird, ist ein erzieherischer. Der Mensch kann bestimmte Verrichtungen überhaupt nicht ausführen, wenn er sie nicht ordentlich ausführt. Nämlich die sinnlosen. Laß einen Gefangenen. einen Graben ausheben und dann wieder zuschütten und wieder ausheben und laß ihn das so schlampig machen, wie er grad Lust hat, und er wird wahnsinnig oder rebellisch, was dasselbe ist. Wenn er dagegen angehalten wird, daß er den Spaten so und so anfaßt und nicht einen Zentimeter tiefer, und wenn eine Schnur gezogen ist, wo er einstechen muß, daß der Graben schnurgerade ist, und wenn beim Wiederzuschütten darauf gesehn wird, daß der Hof wieder so flach ist, als ob überhaupt kein Graben ausgehoben worden war, dann kann die Arbeit ausgeführt werden, und alles geht wie am Schnürchen, wie der bezeichnende Ausdruck heißt. Andrerseits ist Menschlichkeit in unsern Zeitläuften kaum zu erhalten ohne Bestechlichkeit, auch eine Art Unordnung ...

Kalle

... Ich seh, Sie setzen die Ordnungsliebe auch nicht hoch an.

Ziffel

Ich erkenne bloß die ungeheuren Vorteile der Schlamperei. Die Schlamperei hat schon Tausenden von Menschen das Leben gerettet. Im Krieg hat oft die kleinste Abweichung von einem Befehl genügt, daß der Mann mit dem Leben davongekommen ist... Was ich meine, ist, daß die Menschen für eine Tugend wie die Ordnungsliebe nicht reif sind. Ihr Verstand ist nicht genügend ausgebildet für diese Tugend. Ihre Unternehmungen sind idiotisch, und nur eine schlampige und unordentliche Ausführung ihrer Pläne kann sie vor größerem Schaden bewahren...

Kalle

Sie könnens so ausdrücken: Wo nichts am rechten Platz liegt, da ist Unordnung. Wo am rechten Platz nichts liegt, ist Ordnung.

Kurz darauf schieden sie voneinander und entfernten sich, jeder an seine Statt.

Ziffel erklärt seinen Unwillen gegen alle Tugenden

Der Herbst kam mit Regen und Kälte. Das liebliche Frankreich lag am Boden. Die Völker verkrochen sich unter die Erde. Ziffel saß im Bahnhofsrestaurant von H. und schnipfelte eine Brotmarke von seiner Brotkarte.

Ziffel

Kalle, Kalle, was sollen wir armen Menschen machen? Überall wird Übermenschliches verlangt, wo sollen wir noch hin? Nicht nur ein Volk oder zwei Völker erleben eine große Zeit, sondern sie rückt unaufhaltbar für alle Völker herauf, sie kommen ihr nicht aus. Das möcht einigen passen, daß sie keine große Zeit durchmachen müßten, und nur andere müßten es, nein, daraus wird nichts, sie müssen es sich aus dem Kopf schlagen. Über dem ganzen Kontinent nehmen die Heldentaten zu, die Leistungen des gemeinen Mannes werden immer gigantischer, jeden Tag wird eine neue Tugend erfunden. Damit man zu einem Sack Mehl kommt, braucht man eine Energie, mit der man früher den Boden einer ganzen Provinz hätt urbar machen können. Damit man herausbringt, ob man schon heut fliehen muß oder erst morgen fliehen darf, ist eine Intelligenz nötig, mit der man noch vor ein paar Jahrzehnten hätt ein unsterbliches Werk schaffen können. Eine homerische Tapferkeit wird gefordert, damit man auf die Straße gehen kann, die Selbstentsagung von einem Buddha, damit man überhaupt geduldet wird. Nur wenn man die Menschlichkeit von einem Franz von Assisi aufbringt, kann man sich von einem Mord zurückhalten. Die Welt wird ein Aufenthaltsort für Heroen, wo sollen wir da hin? Eine Zeitlang hats ausgesehn, als ob die Welt bewohnbar werden könnt, ein Aufatmen ist durch die Menschen gegangen. Das Leben ist leichter geworden. Der Webstuhl, die Dampfmaschine, das Auto, das Flugzeug, die Chirurgie, die Elektrizität, das Radio, das Pyramidon kam, und der Mensch konnte fauler, feiger, wehleidiger, genußsüchtiger, kurz glücklicher sein. Die ganze Maschinerie diente dazu, daß jeder alles tun können sollte. Man rechnete mit ganz gewöhnlichen Leuten in Mittelgröße. Was ist aus dieser hoffnungsvollen Entwicklung geworden? Die Welt ist schon wieder voll von den wahnwitzigsten Forderungen und Zumutungen. Wir brauchen eine Welt, in der man mit einem Minimum an Intelligenz, Mut, Vaterlandsliebe, Ehrgefühl, Gerechtigkeitssinn usw. auskommt, und was haben wir? Ich sage Ihnen, ich habe es satt, tugendhaft zu sein, weil nichts klappt, entsagungsvoll, weil ein unnötiger Mangel herrscht, fleißig wie eine Biene, weil es an Organisation fehlt, tapfer, weil mein Regime mich in Kriege verwickelt. Kalle, Mensch, Freund, ich habe alle Tugenden satt und weigere mich, ein Held zu werden.

Kalles Schlußwort

Kalle

Ich hab mir Ihren ergreifenden Appell von neulich überschlafen und Ihren Überdruß, was das Heldentum betrifft. Ich denk, ich engagier Sie. Ich hab einen Geldgeber für die Gründung meiner Wanzenvertilgungsanstalt mit beschränkter Haftung gefunden.

Ziffel

Ich nehm das Engagement mit dem Ausdruck des Zögerns an.

Kalle

Was Ihre Gesinnung angeht: Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß Sie auf der Suche nach einem Land sind, wo ein solcher Zustand herrscht, daß solche anstrengenden Tugenden wie Vaterlandsliebe, Freiheitsdurst, Güte, Selbstlosigkeit so wenig nötig sind wie ein Scheißen auf die Heimat, Knechtseligkeit, Roheit und Egoismus. Ein solcher Zustand ist der Sozialismus.

Ziffel

Entschuldigen Sie, das ist eine überraschende Wendung.

Kalle stand vom Wirtstisch auf und erhob seine Kaffeetasse.

Kalle

Ich fordere Sie auf, sich zu erheben und mit mir anzustoßen auf den Sozialismus – aber in solch einer Form, daß es hier im Lokal nicht auffällt. Gleichzeitig mach ich Sie darauf aufmerksam, daß für dieses Ziel allerhand nötig sein wird. Nämlich die äußerste Tapferkeit, der tiefste Freiheitsdurst, die größte Selbstlosigkeit und der größte Egoismus.

Ziffel

Ich habs geahnt.