Die teuerste Statistik der Welt

1961: Das Jahr der großen Zählung — Große Inventur der Völker

In der Bundesrepublik wird in diesem Jahr die teuerste Statistik der Welt aufgestellt. Es- ist zugleich das umfangreichste Zählungswerk in der Geschichte der deutschen Statistik, das sich hinter dem etwas umständlichen Gesetzestitel über eine „Zählung der Bevölkerung und der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsstätten und Unternehmen im Jahre 1961 sowie einen Verkehrszensus 1962" verbirgt. Seine Kosten sind mit 150 Millionen DM veranschlagt, doch können es — zusammen mit der sich über mindestens zwei Jahre hinausziehenden Auswertung und Veröffentlichung der Ergebnisse, der Sonderuntersuchungen und der Freistellung von öffentlichen Bediensteten für diesen Zweck — leicht 200 Millionen DM werden. Der wichtigste Teil der Zählung wird am 6. Juni 1961 stattfinden. 650 000 Zähler sind hierfür aufgeboten, ein riesiger organisatorischer Apparat in Bewegung gesetzt und die modernsten Methoden der Öffentlichkeitsarbeit angewendet worden, um die Bürger wieder einmal gründlich statistisch zu erfassen wie schon 1910, 1925, 1933, 1939 und : Einen "solchen Apparat haben sich bisher noch nicht einmal die reichen USA geleistet. In Amerika und auch in England sind die Kosten einer solchen Volkszählung niedriger, weil es durch die Anwendung rationeller Methoden und des Stichprobenverfahrens gelungen ist, mit wesentlich weniger Kräften auszukommen. Zudem ist die Volkszählung dort auch nicht mit anderen umfangreicheren Zählungen verbunden, wie es bei uns — nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus Ersparnisgründen — der Fall ist. England hat für seine letzte Volkszählung etwa 40 Mill. DM ausgegeben. Indien mußte für seine große Zählung rund eine Million ehrenamtliche Zähler gewinnen, die zum Teil tagelang unterwegs waren, um die 440 Millionen Einwohner des Landes — darunter viele Analphabeten — zu registrieren.

In der Bundesrepublik hat es um die Kostenverteilung harte Auseinandersetzungen zwischen Bund und Ländern gegeben. Der Bund erwartete ursprünglich, daß die Länder 80 vH der Kosten übernehmen. Nach langem Raufen einigte man sich schließlich auf einen Anteil von 50 vH. Dem Bundesrechhungshof, der ein wachsames Auge auf die Kosten hat und immer wieder eine Vereinfachung der Statistik verlangt, halten die Statistiker entgegen, daß nach dem Zusammenbruch von 1945 erst einmal fundiertes Grundmaterial durch Totalzählungen beschafft werden müsse. In der Zukunft sind dann einfachere Methoden wie etwa Sticnprobenerhebungen möglich.

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Dieser erbittert geführte Streit ist nicht zuletzt die Ursache dafür gewesen, daß die Bundesrepublick aus dem Zehn Jahres Rhythmus ausscheren mußte, in dem sie zusammen mit den USA und anderen Staaten bereits im letzten Jahr mit der Zählung an der Reihe gewesen wäre. 41 Staaten der Erde haben im vergangenen Jahr Volkszählungen veranstaltet. Und auch in diesem Jahr werden außer der Bundesrepublik beispielsweise Griechenland, Indonesien, Neuseeland und Österreich ihren Bürgern Haushaltslisten und Arbeitsstättenbogen zum Ausfüllen vorlegen.

Diese große Inventur der Völker, an der sich auch der Ostblock beteiligt, geht auf eine Empfehlung der Bevölkerüngskommission der Vereinten Nationen zurück, die seit langem einen solchen Weltzensus anstrebte. Da in den Grundfragen dieser Welt Volkszählung einigermaßen einheitliche methodische Voraussetzungen geschaffen werden konnten, wird dies zweifellos eine der großartigsten Leistungen der Statistik. Die Kosten dieses weltweiten Unternehmens kann man gut und gern auf etwa zwei Milliarden DM veranschlagen; die Ergebnisse werden sicher Tausende von Bänden füllen — eine Fundgrube für die Bevölkerungs , Wirtschafts- und Sozialstatistiker der Erde. Wie schlicht wirkt dagegen jene Zählung vor 2000 Jahren, von der es in der biblischen Geschichte heißt, „daß ein Gebot ausging vom Kaiser Aügustus, auf daß alle Welt geschätzt würde . Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt".

Die letzte deutsche Volkszählung fand 1950 statt, damals noch auf Initiative der Besatzungs , mächte. Ihre Ergebnisse sind inzwischen überholt und für die Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht mehr zu verwenden. Die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik hat sich seitdem von 50 auf 56 Millionen erhöht, 3 5 Millionen SowjetzonenflüchtIkige sind zugewandert, und bei den wirtschaftlichen, beruflichen und sozialen Verhältnissen haben sich in den zehn Jahren große Verschiebungen ergeben. Für die wirtschaftspolitische Zukunftsplanung, bei der die Zahl und Zusammensetzung der Bevölkerung eine große Rolle spielt, sind solche Inventuraufnahmen jedoch von großer Wichtigkeit.

Wahrscheinlich sähe auch jeder Bundesbürger die Notwendigkeit einer solchen Zählung ein und wäre bereit, Frage und Antwort zu stehen —, wenn in Deutschland eben nicht ein tiefes Mißtrauen gegen „Fragebogen" bestünde und die Schweigepflicht der Statistiker nicht mehr oder weniger skeptisch beurteilt würde. In der Öffentlichkeit hat es schon heiße Diskussionen darüber gegeben, und es werden sicher noch lebhaftere Aussprachen am Familientisch folgen, wenn erst einmal die Fragebogen vorliegen. Erfahrene Statistiker bedauern es, daß dem Bundesbürger Strafen bis zu 10 000 DM angedroht sind, falls er seiner Auskunftspflicht nicht nachkommt. Sie meinen, daß ein Appell an die Freiwilligkeit zu einer größeren Auskunftsfreudigkeit geführt hätte.

Die Statistiker haben ihren Teil getan, um den Betroffenen die Sache so leicht wie möglich zu machen. In den meisten Fällen brauchen die Befragten nur ein Kreuz hinter die zutreffende vorbereitete Antwort zu machen. Die Fragestellung ist auf das Notwendigste beschränkt und nimmt, soweit es irgendwie geht, Rücksicht auf den privaten Bereich. So verlangt beispielsweise die Frage 14 des Volkszählungsbogens zwar Auskunft über die Mittel für den Lebensunterhalt, doch braucht niemand die Höhe dieser Mittel anzugeben.

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