Funk

RADIO BREMEN

Freitag, 19. Mai, die Erzählung:

Wenn ein Sender just an dem Abend, der dem „Hörspiel der Woche“ reserviert ist, eine Monologerzählung von nahezu eineinhalb Stunden Dauer ausstrahlt, muß er sich seiner Sache schon sicher sein.

Radio Bremen konnte, noch bevor „Das dreißigste Jahr“ ins Land ging, mit Recht darauf hinweisen, daß die hochbegabte österreichische Autorin Ingeborg Bachmann mit dem „Guten Gott von Manhattan“ und den „Zikaden“ bereits beachtenswerte Beiträge zur Hörspielliteratur geleistet hat.

Ihr neues Werk, das im Herbst als Buch herauskommen soll, gehört ohne Zweifel zu den schönsten Zeugnissen epischer Literatur, die in letzter Zeit im deutschen Sprachraum entstanden sind. Es akustisch zu interpretieren, war ein nicht geringes Wagnis. Doch die Aufnahme (Radio Bremen/Süddeutscher Rundfunk) war eine Überraschung.

Anteilnehmend, dabei stets auf eine gewisse „verfremdende“ Distanz achtend, las der hervorragende Gert Westphal die facettenreiche Geschichte eines jungen Mannes, der beim Eintritt in sein dreißigstes Lebensjahr unsicher wird; „ihm ist, als stände es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben“. Er fühlt sich erschöpft, einsam, betrogen, weiß nicht mehr, wohin in einer Welt der Bedingtheiten und Gemeinheiten. Er will Abstand halfen von den Menschen; ruhelos und ziellos wandert er umher.

Nur mit Mühe und Not übersteht er dieses turbulente dreißigste Jahr. Der entscheidende Wendepunkt: ein Autounfall in Oberitalien. Als er im Krankenhaus das Bewußtsein wiedererlangt, ist er ein neuer Mensch.

Erstaunlich, mit welcher Einfühlungsgabe, Sensibilität und sprachlichen Kraft die Dichterin den Werdegang schildert, wie sie zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Erinnerung und Vision ihren jungen „Helden“ Gestalt gewinnen läßt. Diese Prosa ist ein feines, dichtes Gewebe aus Erfahrung und Phantasie, aus Psychologie und Poesie. hod