Jenes Wort, daß die Flucht eine „Abstimmung mit den Füßen“ sei, stammt von Lenin – aus der Zeit, da er „mit den Füßen“ gegen den Zaren gestimmt hätte und in der Schweiz lebte. Als er nach Rußland heimgekehrt war, prägte er ein anderes Wort: „Man muß darüber nachdenken, auf welche Weise das Proletariat, das einen so starken Apparat des Zwanges wie die Staatsgewalt in der Hand hält, auch den Bauern als Werktätigen heranziehen und seinen Widerstand besiegen oder ihn unschädlich machen kann.“

Mag dies in der Sowjetunion gelungen sein – in Sowjetdeutschland ist es nicht gelungen. Vorab die Bauern haben mit den Füßen gegen das Regime gestimmt: zuletzt im Sommer 1960, als Ulbricht die Landwirtschaft kollektivierte. Soweit sie daheim blieben, stimmten sie dann auch auf andere Weise gegen Ulbricht: mit den Händen in der Hosentasche. Zumindest werden auch heute Unzufriedenheit über die Ernährung immer wieder als Grund dafür genannt, daß sich seßhafte Bürger in Flüchtlinge verwandeln. Zwar spielt die Sorge um das tägliche Brot eine große Rolle in Mitteldeutschland, wo man im Falle gefüllter Läden auf Vorrat kauft und ißt, und wo man von Furcht gepackt wird, wenn es, wie augenblicklich, nur ein halbes Pfund Butter je Woche auf „Kundenliste“ gibt und obendrein noch Milch und Kartoffeln rationiert sind. Aber natürlich gibt es andere und gewichtigere Ursachen dafür, daß soeben die „Flüchtlingskurve“ weit über das „Normale“ hinaus gestiegen ist und gegenwärtig noch immer zu steigen scheint.

Was heißt da „normal“? In den ersten vier Monaten dieses Jahres sind 66 000 Menschen aus Mitteldeutschland geflüchtet; 4000 je Woche – das nennt man die „normale Quote“. Die vorige Woche aber begann mit einem Flüchtlingsstrom von 400 je Tag. Diese Zahl stieg. Verdoppelte sich. Am Dienstag meldeten sich 1335 Flüchtlinge in Westberlin. Täglich flieht die Einwohnerschaft eines Dorfes, wöchentlich die eines Landfleckens, monatlich die einer Kleinstadt, jährlich die einer Großstadt. Die derzeitige Welle aber ist, nach der Statistik, die größte seit dem Jahre 1953.

Damals 1953: „Säuberung“ der CDU (Ost), nachdem „Außenminister“ Dertinger am 15. Januar verhaftet worden war (im Februar retteten sich 31 613 Menschen aus der Sowjetzone, im März 58 605). Es folgte der Aufstand vom 17. Juni (im gleichen Monat flüchteten 40 381). Heute: Im ersten Halbjahr 1961 sind bereits 103 159 Flüchtlinge in der Bundesrepublik erschienen: die Einwohnerschaft einer Großstadt.

Jetzt die Facharbeiter

Nachdem in den vorigen Jahren die Bauern in großen Scharen flüchteten, spürt man jetzt mehr und mehr, daß die Facharbeiter und Industriehandwerker es leid sind, in der Zone zu leben: sie, die noch am ehesten verwöhnt wurden! Hier liegt eine Tendenz, die sich wirtschaftlich katastrophal für die „DDR“ auswirken kann. „Wir müssen davon ausgehen“, so hat der Generalsekretär der Zonen-LDP, Manfred Gerlach, schon vor Monatsfrist erklärt, „daß es sich bei fast allen republikflüchtigen Handwerkern um wertvolle Menschen handelt. Und da sie meist über gutes Einkommen verfügt haben, müssen die Gründe für ihr Weggehen in Sorgen um ihre Zukunft, in Problemen des Wirtschaftsablaufes, in geistigpolitischen Konflikten und in falscher Behandlung durch die Staats- und Wirtschaftsorgane liegen.“ Viel einfacher hätte dieser Funktionär sagen können: „Sie flüchteten, weil unser Staat nichts taugt!“

Es gibt einen einzigen „normalen“ Grund für das Anwachsen des Flüchtlingsstromes: Der Juli ist Urlaubszeit. Da gelingt die Flucht noch am ehesten unbemerkt. Aber wesentlich ist, daß die Berlin-Krise eine Unruhe ausgelöst hat, an der wenig fehlt, und die Panik ist da.