So wurde Ostberlin besetzt
Berlin, im August
In dem Stadtbahnzug, der in den Morgenstunden des 13. August in den Ostsektor Berlins fährt, saßen nur wenige Fahrgäste. Der Zug hielt nicht an den Stationen Unter den Lindtn und nicht am Potsdamer Platz, er bremste nur leicht, ein schriller Pfiff, dann brauste er weiter. Er hielt erst wieder im Bahnhof Friedrichstraße. Dort streiften schwerbewaffnete Volkspolizisten durch die große Halle und kontrollierten die Ausweise der Reisenden. Vor dem Bahnhof verstopften Mannschaftswagen der Volkspolizei, Panzerspähwagen und Jeeps die Straße. Sonntag, der 13. August 1961 in Ostberlin: eine Stadt wurde besetzt. Im Morgengrauen hatte die „Vopo" begonnen, längs der Sektorengrenze Betonpfähle einzurammen und Stacheldraht zu ziehen, das Pflaster aufzureißen und Wachen zu postieren. Um Mittag waren sie noch immer dabei. In Scharen waren die Berliner an die Grenze gezogen und sahen zu. Mit spöttischen Kommentaren hielten sis nicht zurück: „Freunde, geht doch mal zum Alexanderplatz — dort wird das letzte Pfund Butter gezeigt!" — Die Volkspolizisten ignorierter, alles — was konnten sie sonst auch tun? „Drüben" sah es aus wie in einem Heerlager. Lastwagenkolonne auf Lastwagenkolonne rollte heran: kasernierte Volkspolizei. Bewaffnete Betriebskampfgruppen marschierten auf. Kradpatrouillen kurvten durch die Stadt, Panzerspähwagen der Volksarmee rasselten durch die Straßen. Die Truppen massierten sich im Regierungsviertel. Kasernierte Volkspolizei biwakierte gleich hinter dem Brandenburger Tor. Und dann kamen die Panzer.
Die ersten kamen um neun Uhr. Schon um diese Zeit waren viele Westberliner in der. Ostsektor gekommen. Sie standen mit verstörten Ostberlinern Unter den Linden. Volkspol zisteti drängten sie auf die Bürgersteige: „Die Panzer kommen! Macht Platz und seid vorsichtig!" Irgendwo pfiff jemand. Noch mehr Pfiffe, Rufe. Die Passanten schrien den übernädrtigten Soldaten zu: „Schämt ihr euch nicht —ihr vertretet doch nichr die Sache des Volkes!" Die Vopos hörten weg .
Diesseits des Brandenburger Tors standen Sonntagnachmittag Tausende von Westberlinern. Einige versuchten, das sowjetische Ehrenmal in der Straße des 17. Juni zu stürmen. Die Polizei hielt sie mit Gewalt zurück. Am Brandenburger Tor wollten Jugendliche ein Schild mit der Aufschrift „Hier beginnt der Demokratische Sektor Berlins" aus der Erde reißen. Ein paar hatten Steine in der Hand. Erregte Diskussionen überall und laute Protestrufe und Sprechchöre: „Runter mit den roten Fetzen!" Die Westberliner stellten sich auf den Stacheldraht. Sie spießten daran die Sonderausgaben der Zeitungen auf, die im freien Teil der Stadt erschienen waren. Mit verbissenem Gesicht lasen die Vopos die Schlagzeilen.
Dichter ward die Sperre, kaum mehr zu durchbrechen. Aber es gab Verzweifelte, die es trotzdem versuchten. Ein junge) Ostberliner rast mit seinem Personenwagen mitten hindurch. Der Stacheldraht wickelt sich um den Wagen und wird nach Westberlin mitgeschleift. Feuerwehrleute zerren den Draht los und schieben ihn zurück in den Ostsektor.
Ein Grenzgänger aus Wilhelmsruh will nach Westberlin. Ein Vopo hält ihn an: „Du darfst jetzt nicht mehr in den Westen Sie unterhalten sich. Der junge Wachtposten stellt seinen Karabiner zur Seite. Da packt der Grenzgänger das Gewehr: „Du bleibst jetzt still, bis ich drüben bin!" Und dann rennt er, rennt mit dem Karabiner in der Hand. Andere Volkspolizisten verfolgen ihn. Schon auf Westberliner Gebiet trifft ihn ein Bajonettstich. Aber er schleppt sich weiter, bis er in Sicherheit ist.
Am Dienstag waren die Sperren ganz dicht. Drüben patroullierten weiter die Volkspolizisten, Panzer rasselten durch die Straßen, aber die Stadt schwieg. Sie ist besetzt. C. M.
- Datum 18.08.1961 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.8.1961 Nr. 34
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