Von Peter Weiss liegen vor: der Bericht

„Der Schatten des Körpers des Kutschers“; Tausenddruck 3, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 77 S., 18 DM

und die Erzählung

„Abschied von den Eltern“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 175 S., 12,80 DM.

Der Bericht ist in einer Auflage von tausend Exemplaren gedruckt worden – „Tausenddruck“. Das entspricht, wenn man so will, den Umständen: Peter Weiss erzählt nicht so, schreibt nicht so, wie es hunderttausend Leute hören und sehen wollen – oder können. Diese Prosa läßt sich nicht einschlecken; sie gibt zu beißen, fordert Geduld, und wer nur schnell hineinschaut, da, dort, der kann allenfalls auf Sachen stoßen, von denen man sagt, sie seien nicht für Kinder. Noch mehr: Wer im Umgang mit Geschriebenem dazu neigt, die Arbeit des Lesens auf die Kinderei des Schnell-Hinschauens herunterzubringen, der wird bei Dichtern, wie Peter Weiss einer ist, nichts richtig sehen. Peter Weiss erzählt etwas anderes als das, was er erzählt. Zum Beispiel: Auf einem Gutshof, ein paar Fahrstunden entfernt von der Stadt, leben ein Doktor, ein Hauptmann, ein Schneider, eine Haushälterin, ein Hausknecht (und so weiter) ihren Tag dahin; das Land wird bearbeitet, Tiere werden gefüttert, es wird gekocht, man kommt zum Essen in die Küche, ein Käfer fällt aus dem Kamin herab – es geht, wie’s so geht. Und doch nicht. Hinter den Leuten, hinter den Sachen, geht es schief. In der Baute des Tages rutscht das Gebälk. Hält der Raum? Hält die Zeit? Peter Weiss fürchtet, die Antwort ist Nein; er versucht, die rutschende Welt durch peinliche Aufmerksamkeit, mit feststellender, herzählender Sprache sicherzustellen. Er schreibt, beispielsweise: „Dies ist die Ordnung, in der die Gäste um den Tisch sitzen; auf dem Schemel zur oberen Schmalseite des Tisches, nächst dem Herd, sitzt die Haushälterin; zu ihrer Linken auf der Bank vor der Fensterwand sitzt der Hauptmann...; links neben dem Hauptmann sitzt Herr Schnee; links neben Herrn Schnee sitzt der Doktor ...“ Immer läuft seine Sprache unter der Anstrengung, zu melden, noch einmal vorzuzeigen: Dies ist die Ordnung. Jede Bewegung wird nicht nur bezeichnet, sondern mit Sprache vollzogen; Zustand wird nicht nur benannt, sondern mit Sprache gebildet. Das ist mühsam; für beide, für denjenigen, der es leistet, und für denjenigen, der dabei zuschaut. Je gründlicher das Wirkliche von den Sinnen besetzt und eingenommen wird, desto unwirklicher erscheint es. Es ist ein Sich-Vergewissern in einer Umgebung, die einem nicht mehr geheuer ist. Oder schon ein Ungeheuer? Die Sprache ist voller räum- und zeitordnender Bestimmungen – links, rechts, darüber, unterhalb, neben – und enthüllt so die drohende Unordnung in genauer Ordnung, die Gefahr im Sieheren, die Frage in allen Gewißheiten. Die Welt, die da erscheint, ist unwirklich, aber nicht unwahr – „surreal“ meinetwegen; ein Raum ohne Nähe und Ferne, oder anders: das Ferne wird nah und das Nahe fern, das Kleine groß, ja monströs; das Monströse klein und stubentraulich. Ist da noch Raum, Tiefe, dritte Dimension? Die unheimliche Welt, wörtlich: die Welt, die kein Heim mehr bietet, wird auf Fläche genommen – statt Körper die Schatten der Körper, statt Welt den Schatten der Welt; alles zweidimensional. So entschärft der Dichter den Schrecken, die Lust, das Elend, das Behagen; er entwirklicht sie im Schattenriß, in bewegten, sich regenden Schattenkonstellationen – Körper im Unwirklich-Wahren, surreal, unter dem Zeichen der vierten Dimension. „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ – weit fortgeschoben der Kutscher. Aus diesem Blick- und Erfahrungs-Verhältnis blitzt der Witz heraus, manchmal Humor; ein Lachen zwischen Vergnügen und Erbitterung; Scherz und Ulk mit Nebenladung von Schreck und Qual. Die Sätze, die Peter Weiss schreibt, wiederholen in ihrem Bau die Unordnung in peinlich genauer Ordnung, die Richtigkeit im Ver-rückten. Solche Entsprechung, wo jeder Teil nach demselben Gesetz bestimmt und bewegt wird, heißt Stil. Peter Weiss hat Stil, kräftig und manchmal so sichtbar, daß die Manier aufkommt und die Kunst aufs Machen hinüberkippt. Das Gewitzte und Schlaue, der Kunstgriff – das alles ist kein Nachteil, es hat nur den Nachteil, daß man es nicht wiederholen kann; das heißt aber: daß man mit ihm nicht weitermachen, nicht fortfahren kann.

(Hat man schon bemerkt, wie sehr die gegenwärtige Dichtung eine Erstlingsangelegenheit ist; die Erstlinge tragen, und die Zweitlinge brauchen den Kredit auf.)

Bei Peter Weiss gibt es diese Schwierigkeiten; er kennt sie. Und seine Arbeit als Künstler bildet den Weg zu Lösungen, zu Erfüllungen ab. „Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach eigenem Leben“, schreibt er in der Erzählung „Abschied von den Eltern“; er spricht die Denk- und die Fühlkraft an, unter welcher die Selbstbeschreibung vorwärts bewegt wird – das Geschäft, von dem Dilthey gesagt hat, es trete uns in ihm das Verstehen des Lebens selbst entgegen. Peter Weiss setzt sich da aus und gibt Bericht. Er fragt: „Woher bin ich gekommen?“, „Wie habe ich den Weg gemacht?“, „Mit was für Gepäck?“. Er fragt so vor einem Teilstück des Lebens, wo sich das Ganze schon zu erkennen gibt. Nicht alles darf in die Vergegenwärtigung herein; es rücken nur die Stunden noch einmal an, aus denen die Grundfigur des Daseins deutlich hervorscheint: Emigration, Exil; Auswanderung aus dem Mutterraum, aus der Sippe; Verbannung ins Geschlecht, in die Rasse, in die Forderungen des Tages, in die Katastrophen der Epoche. Aber das Ausgesetztsein soll zu Dasein werden. Peter Weiss erzählt einen Innenraum und einen Außenraum, doch nicht den einen vom anderen geschieden; vielmehr liegt hierin die Kunst, daß bei der genauen Nennung von Verhältnissen und Stoffen der Sinnenwelt, bei der Auswahl unter Begegnungen und Ereignissen die Seele durch Sache und Tatbestand zum Reden kommt. Er macht nicht Seelenkunde, sondern läßt von der Seele künden. Peter Weiss ist kein Geheimniskrämer; aber auch keiner, der mehr sagt, als ihm durch die Grundfigur seines Daseins abgefordert wird – das ist der Unterschied zum Auspacker, welcher nicht danach fragt, ja keine Ahnung hat, daß man danach fragen könnte. Zum Auspacker gehört das Unnötige. Bei Peter Weiss spürt man das Nötige – etwas, in dem die Not mitlautet. Emigration, Exil: Unter diesen Zeichen steht jedes Motiv im Bericht „Abschied von den Eltern“. Und so stark ist das Nötige, daß der Dichter die Sprache gar nicht entschieden und durchwegs auf den Stand hebt, wo man von Kunstsprache reden könnte. Er schreibt: „... Ich lebte noch und bewahrte in mir das Wissen um die Existenz meines Vaters, sein Gesicht im Schatten wurde jetzt fremd, mit dem Ausdruck der Zufriedenheit lag er in seiner Entrücktheit...“ Man liest „Wissen um“ und fast nebeneinander „Zufriedenheit“ und „Entrücktheit“. Das könnte besser gesagt sein; aber an diesem Besser liegt Peter Weiss nichts (er könnte es besser), ihm genügt das Nötige. Von daher kommt die Kraft, die uns im Umgang mit seiner Prosa einnimmt. Und sogar wenn die Wiederholungen, die Satzparallelen aufdringlich sichtbar werden, verraten sie hier keine Machenschaft, sondern das Aufdringlichwerden der Sachen und der Verhältnisse, welche ihr Teil zur Erzählung von Emigration und Exil antragen. Die Dringlichkeit läßt in dieser Sprache keine Pause, keinen Abschnitt zu; ohne Schnaufhalt bleibt sie tätig. Da ist der Gang wichtiger als der Übergang. Die Sprache selber ist rastlos auf dem Weg, „auf der Suche nach dem eigenen Leben“. Sie ermattet, erholt sich, leistet Arbeit, fördert Glanz, gibt Bild und Bericht, ist Gedicht und wieder bare Noiz.

Es gibt Autoren, die mit Kunst und Können auch gleich an eine Mauer geraten, wo dann das Weiterkommen nur noch im Umkehren besteht; andere bewahren die Umsicht und den Abstand, aus denen man Durchgänge entdeckt. Peter Weiss gehört zu ihnen. Seine Wahrhaftigkeit ist stark; sie wird ihn merken lassen, wie wenig Manier trägt – zumal bei einem, der weiß, was Charakter bedeutet. Und wird sie ihn auch merken lassen, daß Tatsachen, die sozusagen zum vitalen Gemeingut zählen (Tatsachen des Geschlechts zum Beispiel), auch unter dem Zeichen des Nötigen nicht bis zum letzten Zuck durchbuchstabiert sein müssen, bis sie wahr sind?