Wir stehen in Berlin. Ich werde diese Stadt niemals verlassen, denn es macht mir vielzuviel Spaß, an dieser Stelle den Abwehrkampf gegen die Russen zu organisieren!“ Das sagte im Juni 1948 ein Amerikaner zu Journalisten, ein Viersterne-General: Der US-Militärgouverneur für Deutschland, Lucius D. Clay. Juni 1948 – das war der erste Monat der Berliner Blockade, die Clay damals als „Vater der Luftbrücke“ durchbrach.

Die Berliner dankten es ihm: Die Kronprinzenallee in Zehlendorf, wo in jenen Monaten „Amerikas zivilster General“ – wie ihn der ehemalige US-Außenminister James F. Byrnes nannte – residierte, wurde in „Clay-Allee“ umgetauft. Der „Retter Berlins“ war für die zwei Millionen zu einem Symbol geworden, zu einem unerschütterlichen Denkmal der Standfestigkeit Amerikas am Brandenburger Tor.

„Mr. Lucius Clay blew danger away!“ So war es in dicken Buchstaben auf einem selbstgefertigten Pappschild zu lesen, das ein Westberliner am 20. August 1961 auf dem Platz vor dem Schöneberger Rathaus hochhob. Der Mann, dem es gewidmet war, stand auf den Stufen des Rathauses neben dem amerikanischen Vizepräsidenten Johnson. Clay war für einen „Blitzbesuch“ an die Spree zurückgekehrt, um den Berlinern zum zweitenmal Mut zu machen, in einem Augenblick, da Ulbrichts Maurer an der Sektorengrenze die Betonmauern aufrichteten. An jenem Augusttag kursierte unter den Tausenden auf dem Rathausplatz das Gerücht: Clay hat Kennedy um einen Posten in Westberlin gebeten, und wenn er auch auf zwei seiner vier Sterne verzichten müßte ...

1948 hielt der General nicht sein Wort. Er ging in die Staaten zurück, nahm seinen Abschied als Offizier, arbeitete erst an führender Stelle im Amt für Verteidigungsmobilisierung und übernahm dann mit einem Jahresgehalt von (00 000 Mark die Leitung der zweitgrößten amerikanischen Konservenfirma, der Continental Can. Jahrelang beschäftigt er sich nur noch damit, den Umsatz seiner Firma zu erhöhen. Er verdreifachte ihn. Berlin aber sah er nur noch, einmal wieder: Im Oktober 1950, als er die Freiheitsglocke auf ihrer Fahrt über den Ozean begleitete. Mit der Politik hatte Clay in den letzten Jahren kaum noch etwas zu tun. Nur dann und wann rief ihn Präsident Eisenhower in das Weiße Haus, um sich von ihm einen Rat zu holen.

Schon als Militärgouverneur war er nicht der Mann gewesen, der sich in den Vordergrund drängte. Er war nicht auf Orden versessen und auch nicht auf den Ruhm, dem viele seiner Kameraden nachjagten. Als ihm seine Freunde einmal rieten, es dem Japan-Bezwinger McArthur gleichzutun und wie dieser einen weißen Schimmel zu besteigen, um sich auf diese Weise feiern zu lassen, winkte er ab: „Können Sie mir sagen, wo ich hier in Berlin reiten soll?“ Clay hatte sich schon vorher damit begnügt, während der Offensive in der Normandie den Nachschub für Eisenhower zu organisieren. Jahr für Jahr wartete er geduldig auf eine Beförderung. Er nahm auch 1947, ohne zu murren, den undankbaren Posten eines Militärgouverneurs an, von dem Eisenhowers Stabschef Walter Bedell Smith einmal gesagt hatte: „Er ruiniert den Ruf jedes Mannes!“

Doch Clays guten Ruf ruinierte er nicht. Zwar mußte er sich im alliierten Kontrollrat nicht nur mit den Russen herumschlagen, sondern auch mit den Franzosen, die verärgert darüber waren, daß er die Deutschen mit „Samthandschuhen“ anfaßte, oder mit den Engländern, die ihm andererseits vorwarfen, er ginge mit den besiegten Deutschen zu scharf ins Gericht.

Tatsächlich war auch Lucius D. Clay nicht als ein Freund der Deutschen nach Deutschland gekommen. Ihm war nicht bloß der Ruf eines überheblichen und zynischen Offiziers vorausgegangen; er hatte nicht nur das Aussehen eines römischen Prokonsuls, der mit harter Hand zu regieren verstand. Er war auch einer. Schon 1945, als Stellvertreter Eisenhowers in den besetzten deutschen Gebieten, nahm er kein Blatt vor den Mund: „Die Deutschen sollen es zu spüren bekommen, daß an ihrer Spitze jetzt eine Militärregierung steht.“ Er, dem böse russische Zungen sogar nachsagten, er sei ein Schwiegersohn des früheren Roosevelt-Beraters Morgenthau – was nicht stimmt –, war anfangs für die Demontage, hielt enge Freundschaften mit den Sowjets und kümmerte sich zuerst nur darum, die „vier D’s“ durchzusetzen: die Denazifizierung, Demilitarisierung, Dezentralisierung und Demokratisierung.