Der Start der Frau Ministerin

Dr. Elisabeth Schwarzhaupt: „Wenn man mir etwas wegnehmen will, raufe ich gern“

W. G., Bonn, im November

Die Frau ist eher zierlich und hat gar nichts von dem Dragonertyp der Suffragette. Dem Besucher entfährt die bewundernd naive Feststellung: „Sie sehen gar nicht so aus, Frau Ministerin, als hätten Sie sich mit Ellenbogen den Weg ins Kabinett gebahnt Frau Dr. Elisabeth Schwarzhaupt lächelt verlegen. Das Wort „verlegen“ gebraucht sie übrigens selber mehrfach – um auszusagen, wie schwer es ihr eigentlich falle, der Presse Rede und Antwort über sich selbst zu stehen. „Nein, Ellenbogen in dem Sinne habe ich auch nicht. Ich habe keinen Finger gerührt, um ins Kabinett zu kommen. Meine Kraft stellt sich erst ein, wenn es um defensive Aufgaben geht. Wenn man mir etwas wegnehmen will, raufe ich gern...“

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Die Wohnung des ersten weiblichen Kabinettmitgliedes der Bundesrepublik in der Hindenburgallee, Bad Godesberg, war in dunkler Abendstunde erst nach einem Slalomlauf durch Hauptblocks, Nebenblocks und – von der Straße aus unsichtbare – Hinterblocks einer ebenso modernen wie unpersönlichen Wohnsiedlung zu entdecken. Ein hilfsbereiter Halbwüchsiger, der zu ahnen meinte, wo „das Fräulein Schwarzhaupt von der CDU“ wohnt, führte mich schließlich zum richtigen Eingang und zum richtigen Klingelknopf. Und dann ging die Haustür auch auf den einlaßgewährenden Brummton nicht auf, und die Frau Ministerin kam die Treppen herunter, cm aufzuschließen.

So traf der Gast zwanzig Minuten zu spät ein, und es hätte eigentlich sehr peinlich sein müssen. Aber es war nicht peinlich, denn die Gastgeberin war selbst erst vor wenigen Minuten aus der Kabinettsitzung gekommen und verspeiste nun – einigermaßen „verlegen“ – in ihrer kleinen blitzsauberen Wohnung (an die einem keine Erinnerung bleibt) kleine mitgebrachte Brötchen.

„Hier habe ich eine Wohnung von der Stange – und bei Frankfurt habe ich ein Häuschen von der Stange“, verrät die Ministerin. Unversehens geraten wir ins Sinnieren über jene „gute, alte“ Zeit, in der das Leben weit weniger bequem und weit mehr persönlich – vielleicht auch persönlichkeitsbildend – war. „Da, wo jetzt mein Häuschen in einer Frankfurter Reihensiedlung steht, wanderte ich mit meinem Vater durch wogende Kornfelder und führte mit ihm Gespräche, die meine weitere Entwicklung entscheidend bestimmten.“

Vater Schwarzhaupt, seines Zeichens Schulmeister, Abgeordneter der Deutschen Volkspartei im Preußischen Landtag und liberaler Christ („bewußter, aber nicht orthodoxer Protestant“), hat seine Kinder zu einer kirchlichen Einstellung geführt, weil er – im Gegensatz zu seinem kirchenstrengen Vater – „in jener Zeit, in der sich bei Jugendlichen die ersten Zweifel einstellen und eine Entfremdung zur Kirche einzutreten pflegt, auf uns überhaupt keinen Einfluß zu nehmen versuchte. Er überließ das Denken ganz uns.“ Elisabeth Schwarzhaupt dachte sich zuerst zur Pädagogik durch („ursprünglich wollte ich Journalistin werden, aber mein Vater meinte, es sei eine brotlose Kunst“), dann zur Juristerei und auf dem Wege über die Rechtsberatung von notleidenden Arbeiterfrauen, Altrentnern und Inflationsgeschädigten zu ihrer späteren Tätigkeit als „juristische Kirchenrätin“. Diese Entwicklungsstufen, die sie lächelnd als ein „dauerndes Umsatteln“ bezeichnet, haben sie – besieht man’s genau – gar nicht auf Umwegen, sondern geradewegs zu den Positionen geführt, die sie im Bundestag bezogen hat:

Sie trat als Abgeordnete der CDU für das „Gleichberechtigungsgesetz“ im Güterrecht ein, das die wirtschaftliche Position der Frau im Falle einer Trennung der Ehepartner, stärkt. Im dritten Bundestag stellte sie sich genauso energisch für eine Änderung des Paragraphen 48, Absatz 2, des Scheidungsrechtes in die Kampflinie: Auch mit dieser vieldiskutierten Gesetzesänderung soll die Stellung der von Alter und Not bedrohten Frau gestärkt werden. Beispiel: Eine 40jährige Frau fürchtet, daß ihr 46jähriger Ehemann mit seiner 25jährigen Sekretärin durchgeht... Da rennt er jetzt gegen die Schwarzhaupt-Barriere! Viele Abgeordnete der CDU glauben, daß das der Wahlschlager bei den CDU-Wählerinnen war.

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