Gedanken im Skilift
Gedanken, während der Wind die Pudelmütze zaust und der Skilift sich langsam, aber mit unveränderlichem Höhendrang über der verschneiten Landschaft dem Gipfel entgegenhebt: Wir sind Vögel ohne Flügel geworden, Zeitgenossen ohne Zeit, Wanderer ohne schmerzende Füße, Sportler ohne Anstrengung – Marodeure der Technik, die spurenlos über die Erde gleiten. Besser selbst Wind machen, als sich vom Wind zausen zu lassen...
Plötzlicher Wunsch: Einmal ganz aus der Mitte des Jahrhunderts fallen und irgendwo in der Vergangenheit notlanden. Reaktionär sein ...
Diese stummen Begegnungen unterwegs. In die Euphorie dieses Schwebens über den Wipfeln eines Märchenwaldes: Frau M. Das künstliche, gerötete Make-up etwas verschmiert vom Höhenwind oder dem Gipfelkuß ihres im nächsten Sessel folgenden Gemahls. Auch er zu träge, um die Abfahrt zu wagen. „Sicherheit zuerst.“ Keine Chance, sofort aussteigen zu können...
Eine schwarze Dohle auf dem Drahtseil. Mein Sessellift streicht sie hinweg, als gehöre es sich. Man wird bald Flugscheine für Vögel ausgeben müssen.
Gespenstisch, diese Angst, wenn man in die Tiefe blickt. Der Sessellift funktioniert „garantiert unfallfrei“ – und doch habe ich Angst. Ich lese zuviel Romane aus der Angst – Literatur der Gegenwart.
Seltsames Gehopse, wenn die Gleitbahn meines Lifts über die Trägerversteifungen springt. Zuerst glaubt man an eine Katastrophe, dann gewöhnt man sich daran. Wie an die Unfälle in der Politik.
Am Ziel Boden unter den Füßen. Aus der Mechanik des Wintersports erlöst, im Gipfelwind, das verschneite Paradies betretend, spüre ich Durst auf Punsch. Abfahren... Wolf gang Paul





