Wo liegt Andorra?Seite 2/2
1. In dem Augenblick, wo man anfängt, das Stück vom „Modellfall“ zu lösen, auf den „Fall Deutschland“, der bei seiner Entstehung zumindest mitgewirkt hat, zu beziehen – will es nicht mehr recht stimmen (im Gegensatz zu dem Lenz-Stück, das in der psychologischen Gewichtsverteilung ganz genau stimmt).
2. Die so einhellig gemeinen, bösartigen Verfolger des Juden wissen – nach Mustern, die Deutsche geliefert haben – bei Frisch viele Entschuldigungen hinterher. Wahr ist vielmehr: die Verfolger kommen sich, auch während sie dem anderen die Luft zum Leben nehmen, sehr edel, tüchtig; loyal vor. Die ausgeklügelte Bosheit um der Bosheit willen gibt es nur bei Pathologen und auf dem Theater.
3. Einmal fällt auch bei Frisch das Stichwort, das ein Schlüsselwort hätte sein können: gesucht wird ein Sündenbock. Aber nichts im Alltag der Frisch-Andorraner deutet darauf hin, daß oder warum für diese Leute, denen es ja ganz gut geht, ein Sündenbock notwendig wäre...
4. Erstes Opfer der verhetzten, im Wohlstand überängstlichen Andorraner ist übrigens nicht „der Jude“. – sondern: die Frau „von drüben“ (die nichts anderes will als ihren Sohn besuchen, deren Besuch es jedoch einfach nicht erlaubt wird, ein ganz privater Besuch zu bleiben).
Kurz: Wir haben den Eindruck, daß es sich die Kritik bisher ein bißchen zu leicht gemacht hat, wenn sie aus einem so hart treffenden Stück nicht mehr herauslesen konnte als: es ist gut, sich „kein Bildnis“ zu machen, keine Vorurteile zu haben. Der Autor ist an dieser verharmlosenden Interpretation nicht schuldlos. Wenn er sagte: Andorra ist Deutschland, wie ich es erlebt habe, wie ich es sehe – dann müßte man ihm dankbar sein, dann könnte man endlich einmal wieder ernsthaft, und das heißt konkret, darüber reden. Leo





