DIE ZEIT

Moskaus neue Methoden

Das Aide-mémoire des sowjetischen Außenministeriums vom 27. Dezember 1961 war kein einmaliges, zufälliges Schriftstück; es markierte vielmehr den Beginn einer Akzentverschiebung in der sowjetischen Deutschland-Politik.

Törichter Trotz?

Zwei Meldungen tauchten zu Beginn der Woche in unseren Zeitungen auf. Die eine besagte, daß sich die Verluste aus der Gründung des „Freies Fernsehen GmbH“ voraussichtlich auf 39 Millionen belaufen werden.

Was tut Paris?

Ja, es gibt Leute; die vor Angst vergehen, weil in ihrem Hause schon zweimal eine Plastik-Bombe explodierte („Warum nicht ein drittes Mal, Monsieur?“); Leute, die einem wiederholt „plasti-Treppe Mitbewohner, wenn sie ihm.

Der Kreml lügt mit vielen Zungen

Noch deutlicher als an der Sowjetpresse wird am sowjetischen Rundfunk die Vielzüngigkeit offenbar, mit der Chruschtschows Propagandisten den Westen durcheinanderzubringen trachten.

Die Horoskop-Firma neben Adenauer

Als kleines Mädchen bekam sie von ihrer Mutter einen schönen blauen Morgenrock, der war so wunderschön, daß er zum Tragen am Morgen eigentlich viel zu schade war.

Reaktion in Ostberlin

Drei Spalten seiner Sonntagsausgabe hat das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ am vergangenen Wochenende dem letzten Leitartikel der ZEIT gewidmet.

Zeitspiegel

Großbritannien wird nach einer Meldung des Sunday Telegraph die Stützpunkte für seine Thor-Raketen wahrscheinlich 1965 verschrotten.

Briefe aus der Zone

Briefe, die durch den Eisernen Vorhang gelangen – sie sind heute das einzige Band, das die Deutschen in ihrem geteilten Lande noch verbindet.

Die Frage aus Thüringen

Dr. Johannes Dieckmann, Präsident der Volkskammer, der gelegentlich gern delikate Aufgaben übernimmt,gab in diesen Tagen, wie das Ostberliner LDP-Blatt „Der Morgen“ berichtet, eine Erklärung dafür, warum Bundesbürger in die DDR reisen dürfen, Westberliner dagegen nicht.

Kurt Hahns neues College

Ein Deutscher hat während der letzten 14 Tage in der englischen Öffentlichkeit viel von sich reden gemacht. Es ist Kurt Hahn, der große deutsche Pädagoge, der Gründer Salems, der nach Ausbruch des Dritten Reiches nach England kam und in Schottland die Schule Gordonstoun gründete.

Waghalsig ist er und besonnen

Mit nie verlöschender Zigarre, Symbol des Erfolgs, Verkörperung des deutschen Familienvaters“ – mit nichts kann man Ludwig Erhard größeres Unrecht antun als mit dieser Art kleinbürgerlicher Plakatierung.

Stürmisches Ende in Genf

Länger als irgendeine andere Nachkriegskonferenz, 39 Monate lang, hat sich die Genfer Konferenz über die kontrollierte Einstellung der Atomwaffenversuche hingeschleppt.

Die Zeit arbeitet gegen die Vernunft

Paris, Ende Januar Im Pariser Verlag Flammarion wird demnächst ein Buch erscheinen, das den Titel trägt: „Algerien, der Pflug und die Wafffen“ (L’Algerie, la Charme et les Armes).

Schwarze Gipfelkonferenz

Das Ergebnis der afrikanischen Gipfelkonferenz von Lagos? Es wurde beschlossen, eine zweite Gipfelkonferenz abzuhalten, nachdem zuvor die Außenminister noch einmal zusammenkommen.

Tauziehen in Neapel

Wie lange und wie leidenschaftlich die 700 Delegierten der eineinhalb Millionen christlichdemokratischer Parteimitglieder im Opernhaus San Carlo in Neapel auch diskutieren mögen – der Kongreß der Democrazia Cristiana kann keine volle Klarheit über den weiteren Gang der italienischen Politik bringen.

Nordrhein-Westfalen: Bis zur Gelbsucht...

Wer glaubt, um verhaftet zu werden, müsse man ein rechter Bösewicht sein, der irrt. Bei Hildegard Langenberg, einer unbescholtenen Kölner Bürgerin, hätten ein paar falsch placierte alte Möbel schon um ein Haar ausgereicht.

Bayern: Kapfinger und die Intelligentsia

Zwischen dem 9. und dem 23. Januar, zwischen Beginn und Ende der Kapfinger-Hauptverhandlung, veröffentlichte die „Passauer Neue Presse“ insgesamt genau 41 Zeilen über die Darbietungen ihres Besitzers und Herausgebers vor einer örtlichen Strafkammer.

Bremen: Radio Bremen schaltete ab

Den Verantwortlichen von Radio Bremen sitzt noch heute der Schreck in den Gliedern. Ist da doch dieser Tage ein höchst unfeines Wort auf lizenzierter Welle in den Äther ausgestrahlt worden – ein Wort, das sich kaum für die schriftliche Wiedergabe eignet.

Warum sie Verkäufer wurden

Nach dem Grund ihrer Berufswahl befragt, antworteten mir 38 von hundert jungen Damen in einer Textil-Einzelhandelsschule: „Weil man als Verkäuferin ständig mit Menschen in Kontakt kommt.

Werde ich hier nicht bedient?

Was der Kunde erwarten darf – Wer bildet die Verkäufer aus – und für wen? – Taktik hinterm Ladentisch

Deutsche Studenten heute

Gepreßt in die drangvoll fürchterliche Enge der Hörsäle und Institute, können unsere Studenten an den Universitäten heute kaum mehr vernünftig arbeiten.

Kleiner Kunstkalender

Die reichste Kollektion französischer Kunst des 18. Jahrhunderts befindet sich nicht im Louvre, sondern, dank Friedrich dem Großen, in Berlin.

Zeitfragen: Zum Lachen oder Weinen?

Noch immer geht der Geist von Boris Pasternak um. Noch immer? Der Mann starb vor noch nicht anderthalb Jahren und wirkt seither von Monat zu Monat stärker und tiefer und weiter.

Macht die norwegische Kultur bankrott?

„Auf der vordersten Linie der norwegischen Kultur ist in allen ihren Bereichen heute schon der nahende Kältetod zu spüren. Theater und bildende Kunst unterliegen einem raschen Schrumpfungsprozeß Unsere Malerei erlebt ihren Herbst und stellt ihn aus, unsere Bildhauerei ist ein monumental angelegter Souvenirladen, und unsere Architektur ist geist- und spannungslos geworden.

Mohlers Takt

Daß man von Toten nur Gutes sagen sollte, ist ein Ratschlag, der eher altehrwürdig als immer gut ist. Hat er doch beispielsweise dazu geführt, daß es keine verlogenere literarische Gattung gibt als den Nekrolog.

Aus den Hauptstädten der Welt: Oslo – die bröckelnde Idylle

Wenn ich aus dem Fenster meiner Mansarde blicke, habe ich ein treuherzig verschneites Bild vor mir. Ein naiver Maler hätte den kleinen Park mit seinen kahlen, lilabraunen Bäumchen, dem zugefrorenen Teich, den türkischen Kiosken nicht zutraulicher auf seine Leinwand setzen können: Kinder kreisdien fröhlich in der Wintersonne, alte Damen führen ihre Pudel spazieren, und hinter dem glitzernden Zuckerguß auf den Parkbänken fahren himmelblaue Trambahnen vorbei.

Die heimatlose Linke

Seine Unkenntnisse, nicht seine Provokationen sind Wolf Jobst Siedler vorzuwerfen

Lehren aus Parties

Der Partyroutinier wird natürlich nie den Fehler begehen, zu früh, also zur angegebenen Uhrzeit, auf einer Party zu erscheinen.

Was heißt „Heimat“?

Nun, Sie werden sicherlich einige Briefe bekommen – darunter diesen Ich muß den Handschuh wohl aufnehmen, weil in dieser langen Polemik, die sich im übrigen dadurch auszeichnet, daß nahezu alle sachlichen Belege fehlen, unter den drei oder vier genannten Namen ausgerechnet auch meiner vorkommt.

Witz im Schatten

Der Dominikanerpater Dr. Rochus Spiecker wurde jetzt als zwölfter in den Aachener „Orden wider den tierischen Ernst“ aufgenommen.

Zeitmosaik

Die Alten, um das Reich zu befrieden, ordneten zuerst ihr eigenes Land. Um ihr Land zu ordnen, schufen sie Ordnung in ihren Familien.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT, wie nicht anders zu erwarten, die Gegenstücke zu jenen 88 000 Spezialbegriffen der Industrie, des Handels und der Verwaltung, diesmal, statt aus dem Englischen ins Deutsche, aus dem Deutschen ins Englische übertragen (eine ungleich schwierigere Aufgabe).

Ferner Osten – nähergebracht

Vor über hundert Jahren wurde der japanische Holzschnitt entdeckt, gerade als es mit ihm zu Ende ging, und ein wenig Flügelstaub dieses exotischen Falters fiel auf den Impressionismus, auf Whistler, Beardsley, van Gogh; aber immer blieb die Kunst Ostasiens, in der alles schön ist, nur nicht der Mensch und seine Kultur, der nichts abgeht als das heiße Herz, dem Abendlande fremd in ihrer begnadeten Sturheit.

Unser Seller-Teller Januar 1962

Drei beliebte Vorurteile kann diese Liste Lügen strafen: daß Ubersetzungen aus aller Welt in der Bundesrepublik größere Chancen haben als die Bücher einheimischer Autoren (zum viertenmal in der nun sechsundfünfzigmonatigen Geschichte des Seiler-Tellers haben wir es nur mit deutschen Autoren zu tun, und mit einer Ausnahme auch mit deutschen Themen, einmal sogar mit dem Thema Deutschland); daß die Leute, bei aller Aufgeschlossenheit für „Sachbücher“, im großen und ganzen doch dem Roman den Vorzug geben (zum ersten Mal ist kein einziger Roman darunter); und schließlich, daß uns das Jahr 1961 keinen einzigen richtigen Bestseller beschert hat – das hat es doch, wie sich jetzt herausstellt, und zwar gleich deren drei.

Verunglückter Apoll

und behauptet, es sei „ein Zeitroman, der den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile überrascht“. Bezieht man diese Verheißung auf Grammatik und Stil dieses Berichts über die Abenteuer eines amerikanischen „Soziologie-Professors“ in Deutschland, so muß man dem Verlag recht geben.

Farewell, Fahrenheit!

Seit dem 15. Januar gibt das britische Wetteramt die Temperaturen nicht nur in der landesüblichen Fahrenheitskala an, sondern auch in Celsius.

Mattscheiben für Studenten

Im „Self-Instruction“-Raum des Harvard Colleges ist pausenlos Vorlesung. Die Studenten kommen und gehen, wann es ihnen paßt, aber das stört den Professor nicht.

Schwarze Raumfahrt-Woche in Amerika

Oberstleutnant John Herschel Glenn mußte wieder einmal unverrichteter Dinge aus seiner Raumkapsel klettern, und Millionen Amerikaner stellten enttäuscht ihre Fernsehapparate ab.

Fernsehen

Der Essay über die besondere Art der amerikanischen Kleinleute-Seligkeit fehlt noch. Zweimal hatte man in der vorigen Woche Gelegenheit, der USA-Version von „arm aber reinlich“ beizuwohnen.

Film

„Barfuß durch die Hölle II“ (Japan; Verleih: Atlas): Mit diesem zweiten Teil seines insgesamt dreiteiligen und acht Stunden dauernden „Barfuß“-Films setzt Regisseur Masaki Kobayashi die Geschichte des unentschiedenen Intellektuellen Kaji, der glaubt, Faschismus und Krieg humanisieren zu können, konsequent fort.

Funk

Es ist für einen jungen Autor sicher nicht leicht, nach einer schmerzhaften Geschichte ein Hörspiel zu schreiben, das frei ist von wütenden Anklagen und dramatischen Ausbrüchen.

Kritiker von heute – Regisseure von morgen

Als kürzlich in Hamburg der Film Eheinstitut Aurora“ uraufgeführt wurde, sagte der Produzent Ulrich bei einem Presseempfang nicht ohne Stolz, er mache, so lange es keine Subventionen gebe, solche Filme, bei denen „die Kasse stimmt“ – und er bat anschließend um Entschuldigung dafür, daß er sage, was er denkt.

Theater

Das „Kleist-Jahr“ 1961 reicht für die deutschen Bühnen zwar noch bis zum Ende der laufenden Spielzeit. Das Hessische Landestheater in Darmstadt will – so weit man sieht, als einzige Bühne – auch noch „Die Familie Schroffenstein“ herausbringen.

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