Bismarck: „Wo ich sitze, ist immer oben“ – Die Cocktailparty: Rangordnung im egalitären Zeitalter

Von Theodor Eschenburg

Der erste deutsche Diplomat, der in Protokollschwierigkeiten geriet, war Bischof Liudprand, der Gesandte Ottos I. am byzantischen Hof. Im Jahre 968 wurde er zu Konstantinopel an die Tafel des Kaisers Nikephoros geladen. Aber nicht nur war das Essen „verdorben und widerwärtig“, er mußte überdies als fünfzehnter am Tische sitzen – an einem Platz, den das Tischtuch nicht mehr bedeckte und von wo aus er das Salz nicht mehr erreichen konnte. 800 Jahre später entspann sich bei einem Hofball in London ein Duell zwischen dem russischen und dem französischen Botschafter um den Ehrenplatz an der Tafel. Ursprung und Sinn protokollarischer Regeln beleuchtet hier Professor Theodor Eschenburg.

Das Setzen der Gäste nach Rang, Stand oder Alter, nach bestimmten Würdigkeitsmerkmalen also, soll eigentlich eine Wohltat sein. Häufig aber wird es zur Plage, nicht nur für den Gastgeber und dessen Gehilfen, die die Tischordnung zu machen haben, sondern auch für die Gäste, die ihr unterworfen sind. Nicht selten sind Tischordnungen zur Ursache von Zerwürfnissen, von Verfeindungen und Skandalen, ja sogar von diplomatischen Konflikten geworden. Nach einem Wort Oscar Wildes ärgert die Menschen nichts so sehr, als von einer Einladung ausgeschlossen zu sein. Der Ärger darüber, bei einer Einladung falsch placiert zu werden, ist indes kaum geringer.

Die Sitzordnung bei Gastmählern kannte schon Homer. Wer den besten Platz hatte, erhielt den besten Wein und die besten Fleischstücke: Mit der Ehre waren materielle Vorteile verbunden. Die Athener erfanden, um den Egoismus der Gäste zu dämpfen, die Regel, daß jeder Gast nicht für sich selbst, sondern für einen anderen den Teller füllte. Sehr bald wurde aber eine Umgehungsmöglichkeit gefunden; zwei Gäste verständigten sich, miteinander die Teller auszutauschen.

Bei der hochentwickelten gesellschaftlichen Kultur der Antike wurde vor allem in Rom das Setzen der Gäste nach Vornehmheit, aber auch nach Charakter, Begabung und Interesse zu einer ausgesprochenen Kunstfertigkeit. Von dem römischen Feldherrn Aemilius Paullus, der 168 v.Chr. bei Pydna die Mazedonier besiegt hatte, hieß es, daß er bei Gastmählern die „genaueste und bewundernswerteste Ordnung beobachtet habe“. Er soll gesagt haben, das furchtbarste Heer aufzustellen und das fröhlichste Gastmahl zu veranstalten, komme ein und demselben Manne zu.

Plutarch (40 bis 120 n. Chr.) war der erste antike Schriftsteller, der sich grundsätzlich mit der Frage der Sitzordnung bei Gastmählern befaßte. Durch die Studien zu seinen biographischen Essays verfügte er über ein umfangreiches Material über das gesellschaftliche Leben in Athen und Rom. Dieses Material hatte er zu einer Art Geselligkeitslehre verarbeitet, die einen ansehnlichen Teil seines Werks Moralia darstellt. In den „Tischgesprächen“ (Symposiaka), einem Kapitel der Moralia, stellt er die Frage: „Soll der Wirt seinen Gästen den Platz anweisen oder ihnen hierin freie Wahl lassen?“ Plutarch meint, „daß auch das köstlichste Mahl, wenn keine Ordnung dabei herrsche, gar nichts Reizendes und Angenehmes“ habe. Deshalb wäre es lächerlich, „diejenigen, die hierzu eingeladen worden, sich auf Geratewohl, wie es sich eben trifft, setzen“ zu lassen. Man dürfe daher auch nicht bei „Anweisung der Sitze den Unterschied der Personen außer acht lassen, weil sonst gleich am Anfang aus dem Gastmahl ein Chaos“ werde.