Chi-chi und Zin-zin

Iie Rufe „Mehr Femininität" und „Zurück zur Weiblichkeit", die Vorliebe für eine Flut von Spitzen und Volants, für Frou frou, Chi chi oder „Zin zin" — wie der neue Pariser Ausdruck heißt — haben geteilte Meinungen erweckt. Denn zwei Couturiers, die von der Publicity Sonne am stärksten angestrahlt werden, sind anderer Ansicht als all ihre anderen Kollegen. Marc Boentwurftechnische Verantwortung für ein weltumspannendes Couture Unternehmen trägt, und sein Vorgänger Yves St, Laurent, von dem man ganz unberechtigt Offenbarung und Führung erwartete —, sie ignorieren die konventionelle „Eieruhr Sihouette" der eng gegürteten, scharf konturierten Taille und des wippenden Röckchens, und vor allem, sie verteidigen ihr Plateau gegen den vordringenden Urwald der Rüschen und Volants. Beide zeichnen eine fast gerade Körperlinie, die nur durch lockere, tief taillierte Markierungen angedeutet wird. Aber abgesehen von dieser fundamentalen, linearen Übereinstimmung gehen die beiden Rivalen Wege, die sich nirgends überschneiden.

Daß der 25jährige St. Laurent die überspannten Erwartungen, die eine auf Sensation erpichte Vorpropaganda geweckt hat, nicht überall erfüllte, darf nicht etwa als „Mißerfolg" einer wechselvollen und zuweilen brillanten Laufbahn gedeutet werden. Es war absurd, anzunehmen, daß dieser mit Geschmack begabte, noch nicht ganz gereifte junge Couturier zwei alten Routiniers wie Balenciaga und Givenchy den Vorrang streitig machen könne, und nicht weniger töricht, ihm vorzuwerfen, daß er sich auf einige bewährte Rezepte stützt. Die Spannweite der Mode ist gering, und sie wird eingeengt von der nicht auszurottenden Neigung zur Zwanglosigkeit, die ihre Aktualität in der nächsten Zukunft kaum verlieren wird. Dies mag auch die Spaltung erklären, die St. Laurents vormittägliche, saloppe Ärmeln, den Jacken, Jumpern und Mänteln, die „eine Nummer zu groß" erscheinen, von den fein abgezirkelten Modellen trennt, die — gleich ob Kostüm- oder Tunika Kleid — dem etwas in Verruf gekommenen Prinzip des „Angezogenseins" huldigen.

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Als Meister bewährt er sich in der Wahl der Stoffe, der treffsicheren Verwendung von Stickereien und bildhaft entworfenen Dekors — wie die realistischen, applizierten Dahlien auf dem Rock eines schwarzen Abendkleides — und vor allem in eigenwilligem und amüsantem Beiwerk. Sombrerohüte und Cowboy Halstücher, die auf der Schulter geknotet werden; breitrandige Halbcapelines — eine kapuzenartige Kopfbedeckung — aus dem Material des Kleides; Kulihüte und Chiffon Turbans; Stirnbänder aus Stroh, die ein angesetztes flatterndes Seidentüchlein zur schützenden Kopfbedeckung macht — dies alles ist in der Entwurfsküche des Hauses selbst entstanden. Dazu Plättchen und Knöpfe aus Kupfer oder anderen gehämmerten Metallen; Schmuck in dunklen, glühenden Tönen — schwarz, dunkelsmaragd oder schiefergrau — aufgehellt mit gigantischen, ungewöhnlich geformten Perlen, ferner große herzförmige Broschen aus Korallen und Türkisen; Jet Stickereien, die Kolliers ersetzen, sofern nicht eine ganze Serie von Halsketten ein großes Abend dekollete füllt — auch dies und vieles mehr ist von St. Laurent selbst entworfen und von verständnisvollen Kunsthandwerkern ausgeführt worden. Ein durch „allerhöchstes" Patronat bekannter Londoner Store, der die St. Laurent Kollektion von A bis Z erwarb, meint daß der Ideenreichtum und die stilistische Originalität der Accessoires allein schon den nicht unbeträchtlichen Kauf rechtfertigen.

Auf dem Gebiet des Kostümschmucks blieb es Saison" zu servieren. Er heißt Clos Clos und besteht aus einem die unbekleidete Körpermitte a la Bikini markierenden Gürtelehen ! daran hängt ein quastengeschmücktes Medaillon, das diskret den Nabel verdeckt. Daß die Gürtel Legion sind, verrsteht sich bei der „Rückkehr zur Femininität" von selbst: Sie dürfen schmal sein oder breit, aus Seide oder Samt, Wild, Kalb- oder Krokodilleder. Bei den Schuhen ist Froschleder der letzte Schrei: Es ist der Stolz von Roger Vivier, Christian Diors Schuh Designer, der es eleganter als Krokodilleder und weitaus preiswerter rindet — obwohl mehr Frösche als Krokodile für ein Paar Schuhe ihre Haut hergeben müssen. Die Frage, ob weiterhin spitzer oder scharf karreeförmiger Schuh, wird von Castillo Lanvin mit einem WederNoch beantwortet; seine Modelle aus schwarzer Seide sind wohltuend abgerundet. Beim Entwerfen von Schuhen scheint er auch auf den Geschmack gekommen zu sein. Er präsentierte eine Serie von hohen Abend Stiefeletten, bei denen Farbe und Perlsternchen Stickerei haargenau auf die Corsage der Gala Robe abgestimmt sind. Castillo kann "sich dank den vielen treuen Anhängerinnen aus den oberen, den Preis niemals diskutierenden Schichten leisten, die kostbarsten und zartesten Sommerpelze in Serien vorzusetzen, zum Beispiel einen regelrechten Trenchcoat aus weißem Broadtail mit Reverskragen aus weißem Nerz, ferner eine Cardigän Jacke aus weißem Hermelin, deren rotes Kaschmirfutter als Einfassung unter dem Pelz hervorlugt.

Die Farben sind strahlend und frisch. Alle Nuancen des Sonnenaufgangs sind erkennbar, von zartem Goldgelb über Orange, Nektarine bis Blutorange und Aprikose. Hier und da tauchen die kräftigen Juwelen töne wie Smaragd, Türkis, Rubinrot, Amethyst und Granat auf. Oberall ist Schwarz und Weiß — einzeln und kombiniert — zu sehen, nirgends jedoch so oft wie bei St. Laurent, der daneben Braun, Ocker und persisches Blau als Favoriten proklamiert. Man sah diesmal in Paris weniger Imprimes, dafür viel mehr einfarbige Stoffe für den Tag. Die attraktivsten und zartesten Druckmuster und Foulards und Chiffons für den Abend findet man bei Marc Bohan und St. Laurent. Wer aus der Oberfülle nun nach „Aktuellem" sucht, achte auf scharf gebügelte und gesteppte Rocknähte („facettierte Falten") bei Marc Bohan, auf versteifte Glocken- und Faltenröcke — zuweilen auf Jupons gearbeitet bei Heim, Ricci und Lanvin —, auf vertikale und diagonale Biesen (bei Pierre Cardin). Und für die, die ganz Chanelige", das nichts riskiert, niemals kompromittiert und die Modemüden der Sorge um falsch oder richtig enthebt.

 
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