Clausewitz im Atomzeitalter
Die Logik der Politik und die Grammatik des Krieges Von Hans Rothfels
Sind die Gedanken von Clausewitz zum Verhältnis von politischer und militärischer Führung heute noch anwendbar? Daß diese Frage überhaupt sinnvollerweise an eine Gedankenwelt gerichtet werden kann, die in der Grundkonzeption 140 Jahre, in der überwiegenden textlichen Niederschrift mindestens 130 Jahre alt ist, das erklärt sich aus dem ungewöhnlichen, ja einzigartigen Charakter des Werkes von Clausewitz, der es in gewissem Maße vor dem Veralten bewahrt hat. Natürlich gilt das nicht für alle Teile, insbesondere nicht für rein taktische Fragen, auch nicht für manche der strategischen Überlegungen, wohl aber für das, was Clausewitz selbst die „Hauptlineamente" des Buches „Vom Kriege" genannt hat.
Hätte Clausewitz nur das zeitgeschichtlich Neue kodifiziert, also die lockere Fechtart, die Versammlung aller Kräfte am entscheidenden Punkt, die Vernichtungsschlacht mit Massendurchbruch oder Umfassung, die Verfolgung bis zum letzten Ha_uch von Mann und Roß, den Stoßauf die feindliche Hauptstadt als das Willenszentrum des Gegners, la, guerre a outrance, wie es der Schweizer Jomini tat, so hätte er zwar ein interessantes, aber nicht ein klassisches Buch mit unveraltbaren Grundgedanken geschrieben. Was ihn vor der Dogmatisierung des Einmaligen bewahrte, war erstens sein offener geschichtlicher Sinn, der die verschiedenartigsten Erscheinungen militärischen Geschehens in ihren jeweiligen Bedingungen aufzufassen und doch zum Wesen des Krieges in Beziehung zu setzen wußte, und war zweitens sein philosophischer Sinn, dem es eben um dieses Wesen ging, um die innewohnende Tendenz, im Sprachgebrauch der Zeit, um eine regulative Idee. In diesem Sinne definiert er den Krieg als „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen". Idealerweise kann das nur durch seine Wehiiosmachung geschehen. Und da beide Parteien das gleiche im Begriff gegebene Ziel haben, ergibt sich aus der Wechselwirkung der Krieg als „Akt der Gewalt bis zum Äußersten", der absolute Krieg.
Es kam Clausewitz bei dieser Definition darauf an, daß die Lehre der eigenen Zeit nicht wieder vergessen werde „Nie kann" - so schreibt er, „in die Philosophie des Krieges selbst ein Prinzip der Ermäßigimg hineingetragen werden, ohne eine Absurdität zu begehen Da Kriege hinfort nicht zwischen Kabinetten, sondern zwischen Nationen geführt würden, so werde das Resultat eine Annäherung an den Idealtyp sein.
Damit war gewiß keine „Idealisierung" des Krieges gemeint. Clausewitz dachte in den Kategorien der Philosophie seiner Zeit, etwa der Ästhetik mit der regulativen Idee des Schönen: - immer anzunähern, aber nie voll zu erreichen. So steht auch der Krieg in der Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit. Der absolute Krieg ist abstrakter Krieg, der wirkliche Krieg ist „ein sich eigentümlich gestaltender Verlauf der Handlung", ist „bald mehr, bald weniger Krieg".
Das erklärt sich schon daraus, daß er nicht „aus einem einzigen Schlag ohne Dauer besteht", es erklärt sich aus menschlichen Unzulänglichkeiten, aus Friktionen, vor allem aber aus dem größeren oder geringeren Grad politischer Spannung, also daraus, daß der politische Zweck wieder hervortritt, der vom absoluten militärischen Zweck der Niederwerfung gewissermaßen verschlungen war. Auch Napoleon hatte ja wiederholt erklärt, keinen Krieg „sans politique" zu führen. Auch seine Kriegführung diente politischen Zielen, wenn sie anders nicht zu erreichen waren, und es lag neben sonstigen Bedingungen an der Art dieser Ziele, daß sie die Tendenz zum Äußersten freisetzte. Die Politik hat also keineswegs nur mäßigenden, sie kann auch verschärfenden Einfluß auf die Kriegführung haben.
So ist Clausewitz Vorstellung in der Tat auf die ganze Breite der Erscheinungen anwendbar, auf den dem absoluten Krieg am nächsten kommenden wie auf den am weitesten von ihm entfernten. Er selbst nennt als Beispiel letzterer Art die bloße militärische Demonstration, die ja auch, im Fall etwa geringer politischer Spannung, den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zwingen will, und doch nicht aus der Struktureinheit Krieg herausfällt, weil ja dahinter immer die Möglichkeit des Rückgriffs auf entscheidungsuchende Aktion steht.
Auch auf allerjüngste Erscheinungen ist diese Analyse anwendbar, also auf den Krieg, den_Clausewitz nicht voraussehen konnte und der in der Tat „aus einem einzigen Schlag ohne Dauer", dem Atomschlag, bestehen mag, wie auch umgekehrt auf alle Formen der Kriegführung ohne militärische Mittel, von denen er durchaus eine Vorstellung hatte, also Wirtschaftskrieg, Nervenkrieg, kalter Krieg, die ja auch umschlagen können und damit ihre Zugehörigkeit zum gleichen Strukturzusammenhang erweisen.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



