Das moderne Kolosseum

Ein Blick in die Westfalenhalle / Von Bodo Harenberg

"s wurde bescheiden gefeiert. Ein paar Stadträte sagten ein paarmal „Prost", der Direktor sprach seine Rede, zwölf Journalisten schrieben, niemand tanzte. Die Königin der Sporthallen wurde zehn Jahre alt. Im Februar 1952 hatte Theodor Heuss, damals noch Bundespräsident, verkündet: Die Westfalenhalle ist wiedergeboren. Der gläserne Palast, von einem „zornigen jungen Mann", dem damals. 30jährigen Diplomingenieur W. Höltje entworfen, birgt in seinem Zentrum die Radrennbahn. Clemens Schürmann plante sie und schuf sich mit ihr ein hölzernes Denkmal. Rings über der Bahn erheben sich die beiden Ränge, auf denen, über 10000 Personen Platz finden. 2000 können auf dem Heuboden stehen, der vom höchsten Punkt der 17 8 m hohen Kuppel nur durch ein paar Meter getrennt ist. Der Innenraum faßt abermals 3000, in der Nacht der Sechstagenächte, an den Samstagen, sogar 6000. Maximal sind das runde 15 000. Lagert die transportable Radrennbahn draußen, schwillt diese Zahl auf 20 000 an.

16 Treppenhäuser führen zu einem 14 m breiten, verglasten Umgang, der die Halle nachts zur Leuchtfassade macht. Eine Ladenstraße bietet vom Bier bis zum Bleistift alles. Auch Acki Rademacher, mitteldeutsches Schwimm wunder, hat hier sein Geschäft. Wenige Schritte von ihm entfernt liegt :m Durchgang zwischen der Halle und dem Mehr zweck Goldsaal, wo u a getagt und getanzt wird, ein Restaurant mit Plätzen für 900 Personen. Auch der eigene Tattersall, die Freilufteisbahn und das Westfalenhallen Hotel sind nicht weit. Paul Beving, inst Chefredakteur der Brüsseler Sportzeitung „Les Sports", hätte vor diesem Wunder kapituliert. Denn schon 1926, ein Jahr vor Eröffnung der ersten Westfalenhalle, die 1944 den Bomben erlag, hatte er geschwärmt: „Ein ungeheurer Bau von babylonischen Ausmaßen. Eine imposante Masse. Von Tausenden Lichtern erhellt: Die Westfalenhalle. Köln ist eine Fabrik dagegen, Gent eine Scheune, Brüssel eine Garage und Paris eine Bahnhofshalle. Gegen diesen fabelhaften Bau, der gestern ein Zirkus war, heute eine Radrennbahn und morgen ein Hippodrom ist " Dieses Wunder der zwanziger Jahre hat mit der „Neuen", wie die Dortmunder stolz sagen, nur den Namen, den Standort und den Zweck gemeinsam. Den Namen „Westfalenhalle", den Standort an der Naht zwischen Dortmunder City und Vororten, unmittelbar am Ruhrschnellweg und den Zweck, Kampfstätte für alle nur möglichen Sportarten zu sein. Und das Einzugsgebiet hat die „Neue" mit der „Alten Westfalenhalle" gemeinsam. Es reicht von Bielefeld im Osten bis Düsseldorf im Westen, von Siegen im Süden bis Münster im Norden. Die Menschen dieses Bezirks rollen im eigenen Pkw, in Sonderzügen oder sie juckeln im Bus nach Dortmund v Für die Stadt Dortmund, einziger Aktionär der Aktiengesellschaft Westfalenhalle, ist dieser 6 Millionen DM Palast trotz gefüllter Ränge und des günstigen Einzugsgebietes niemals ein Geschäft gevorden. Sie griff Jahr für Jahr ins Säckel und fischte Beträge heraus, die das sechsstellige Defizit deckten. Die Westfalenhalle blieb trotzdem das Hobby der Bierstadt, weil es ein nützliches Hobby ist. Denn keine andere Stadt der Bundesrepublik wurde auf den Sportseiten der Weltpresse in den letzten zehn Jahren so oft wie Dortmund zitiert. Trotz Mailand, trotz Paris und Brüssel und neuerdings auch trotz Rom. Das ist der Stadt Dortmund etwas wert, denn es ist eine preiswerte Eigenwerbung, die bei den Beamten nicht Public Relations heißt.

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Weltmeisterschaften kn Eishockey, im Tischtennis, im Hallenhandball, sie alle fanden in der Westfalenhalle statt. Sie waren die Brillanten in einer Kette von Veranstaltungen, an deren Zahl die Pressestelle der Halle ein paar Tage rechnete, bevor sie den Journalisten das Ergebnis mit 1270 (einschließlich der Schlagerparaden und Bauernaufmärsche) verkündete. 12 Millionen Besucher kamen zu diesen 1270 Ereignissen. Den Rekord halten die Sechstagerennen, die amerikanische Flimmerschau Holiday on Ice und das alljährlich ausgeschriebene Reitturnier, für das ein e 30 cm dicke Schicht aus Sand, Sägemehl, Lehm und Torfmull zum Schütze der Pferdehufe in die Arena gefahren wird, -Diese Mehrtagsknüller bewahrten die Halle vor größeren Defiziten, denn sie sind beinahe als einzige lukrativ.

Ursprung des größten Teils des Fehlbetrages ist des Publikums strikte Forderung: Wir wollen vom Besten nur das Beste sehen. Die hohe Qualität kostet aber auch im Spotgeschäft das meiste Geld, was im Falle Westfalenhalle denn auch regelmäßig ausgegeben wurde. So fuhren bei den Radsportlern zuerst Kilian und Lohmann, Bautz und Metze, und später van Steenbergen und Bugdahl, Marsell und Verschueren. Bei den Eisläufern tanzten damals Vivianne Hulthens, Cecilia Colledge, Emmy Puzinger und Hanne Niernberger und heute die Galnarini oder Kilius Bäumler, falls die Amateure zugelassen sind. Bei den Reitern preschen mindestens Winkler, Schridde und Schockemöhle, meist aber auch die dTnzeos auf schnellen Pferden über die Hindernisse. Wer in der Welt des Sports was gelten will, muß auch in Dortmund gelten, denn das ist der Maßstab. Perry OBrien stieß deshalb in Dortmund Hallenrekord. Nino Valdes war in Dortmund in der Form seines Lebens, als er Neuhaus, den dicken Westfalen, stoppte. Jack Kramer spielte in Dortmund am besten Tennis. Der Russe Jengibarian, einer der feinsten Stilisten, hatte niemals wieder so gut wie gegen Johannpeter in der Westfalenhalle geboxt. Irgendwann waren auch alle anderen Sportarten in diesem Palast zu Gast, denn der westdeutsche Glasriese ist die vielseitigste aller Mehrzweckhallen.

In weniger als zwölf Stunden wird aus dem Handballparkett eine Eisfläche, in kaum fünf Stunden schleppt ein Bataillon von Hilfskräften die 200 m lange Radrennbahn herein und den Boxring heraus oder umgekehrt. Ein Direktor, sein Stellvertreter, ein Bündel Organisatoren, die eigene Pressestelle, eine eigene Buchhaltung und die Angestellten des ErsteKlasse Hallenhotels sorgen dafür, daß alles im rechten Augenblick richtig klappt.

In der Praxis führen angestellte Handwerkertrupps und die „gepachteten" Ordner alle Befehle der obersten Heeresleitung aus. Eine eigene Schreinerei ist da, eine Elektrikerabteilung, Frischluftexperten, die eine Anlage mit Mammutfunktion betreuen. 400 000 cbm Luft wälzt dieses System stündlich um. Zur Technik gehören auch die Instrumente der Zeitungsleute: 26 Fernschreibleitungen und fast 100 Telefone standen den Journalisten während der Tischtennis Weltmeisterschaft, zur Verfügung, bei „normalen" Veranstaltungen sind es nur wenig weniger. Wer aus dieser recherchierenden, telefonierenden Trappe ohnmächtig wird, kommt ins eigene Sanitätsstübchen. Wer auf den Rängen Flaschen vor Wut oder Freude zertrümmert, landet beim Sonderkpmmando der Polizei. Es ist stets und immer für alles gesorgt.

Seit ein paar Jahren gehören noch eine zweite dritte und vierte Halle als Nachkömmlinge zur „Mutterzelle" „Körnigs Hallen", sagt der Kumpelmund. Aber die Leute im Revier meinen es scherzhaft, wenn sie den Bauwillen des Halleadirektors zu charakterisieren versuchen. Sie vei> trauen den Entschlüssen des Chefs der Westfalenhalle, dem Dr. Helmut Körnig, der Journalist und Gewerkschaftsfunktionär war, bevor er als Berliner nach Dortmund kam und hier „ankam". Körnig verfolgt, so paradox es klingen mag, mit der Erweiterung ein wirtschaftliches Ziel. Er will den Sporthallenkomplex auch zur Auch Ausstellungs Fläche machen. Das ist notwendig, glaube Körnig, der als Sprinter einst olympische Medaillen holte, weil die heftige Konkurrenz des Fernsehens das :Defizit der Halle sonst schnell größer machen würde. Ausstellungen aber bringen Geld, weil „im Wirtschaftswunder jeder zeigen "will und muß, was er anzubieten hat". Gleichzeitig dachte Körnig aber auch an „seine" Sportler. Er ließ so planen, daß die Mädchen und Männer zwischen zwei Ausstellungen turnen und trainieren können. So ist die 15 000 qrn große Ausstellungsflachs Übungsstätte zugleich. Die westdeutschen Leichtathleten können den ganzen Winter über schneefrei laufen, springen, stoßen. Die Tennisspieler schlagen ihre Bälle jetzt zwölf Monate lang ohne Unterbrechung, die Hallenhandballer üben in einer Extrahalle, und die Badmintonspieler sind ebenfalls separat untergebracht. Für die deutschen Sportverbände wurde diese Großanlage auch Trainingsquartier. Die Lehrgangsteilnehmer wohnen und schlafen in sportlich spartanischen Zimmern, die in den Durchgängen eingerichtet worden sind. Die Athleten fallen vom Bett direkt aufs Parkett der Hallen.

 
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