Der faule Frieden von Stuttgart

10,8 Prozent wären schön — aber leider sind sie eine Illusion / Von Wolfgans Krüger

Allenthalben mit Genugtuung ist in der Öffentlichkeit die Einigung über das neue Lohnabkommen in der westdeutschen Metallindustrie registriert worden. In der Tat, wer konnte sich, angesichts der schweren materiellen und vor allem auch ideellen Schäden, die seit [Wochen durch die Streik- und Aussperrungsdrohungen in diesem zentralen Bereich der Wirtschaft auf uns zukamen, nicht eines Gefühls der Erleichterung erwehren, als die Nachricht von dem „Stuttgarter Friedensschluß" am vergangenen Wochenende über die Funk- und Fernsehanstalten ging. Indes, wir sollten uns nichts vormachen; in diesen Wein muß ein tüchtiger Schuß klaren Wassers gegossen werden.

Die IG Metall war in diese Auseinandersetzung mit einer Forderung von 16 1 °o gegangen (10 °o Lohnerhöhung + 3 5 °o Lohnausgleich für die Arbeitszeitverkürzung von 44 auf 42Va Stunden 4- 6 Tage Mehrurlaub = 2 6 %>). Die Unternehtoer beantworteten die Forderung mit einem Gegenangebot von 5 % (1 5 % Lohnerhöhung + 3 5 % Lohnausgleich). So waren die Ausgangspositionen. Geeinigt hat man sich in Stuttgart auf 10 8 o (6 °o Lohnerhöhung + 3 5 °o Lohnausgleich + 3 Tage Mehrurl aub = 1 3%). Beide Seiten haben sich also, nach altem Brauch, in etwa der Mitte getroffen, wo, wie man sagt, in der Regel auch die Wahrheit zu Hause ist. Diesesmal war sie dort nicht anzutreffen.

Anzeige

Die in Stuttgart zunächst nur für Württemberg und Nordbaden ausgehandelte Lohnerhöhung von 10 8 % ist nicht nur richtungweisend für die noch ausstehenden Abschlüsse in den anderen Tarifbereichen der Metallindustrie. Sie fungiert auch als das diesjährige Modell für die gesamte Lohnentwicklung in der Bundesrepublik. Für die gut und über dem Durchschnitt verdienende Metallindustrie selbst mag das zu verkraften sein; für andere : Industriezweige wird das wahrscheinlich schon schwer sein, in den lohnintensiven Dienstleistungsbetrieben und im öffentlichen Bereich aber liegt eine solche Kostenbelastung wohl mit Sicherheit jenseits jener Marge, bis zu der Lohnerhöhungen ohne unerwünschte Rückwirkungen auf die Preise aufgefangen werden können. Bei einem Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Produktivität von vielleicht 4 bis 5 °o, wie sie bestenfalls bei größtem Optimismus für dieses Jahr zu erwarten sein dürfte, ist das ein Ding der Unmog- lichkeit — ganz zu schweigen von der Tatsache, daß die ständig und überproportional steigenden Staatsausgaben (Rüstung!) und die Aufgaben, denen wir uns im Rahmen der Entwicklungshilfe nicht entziehen können, den Spielraum für Einkommenverbesserungen, mögen sie nun aus Gewinn oder Lohn resultieren, schon sowieso einengen.

Zu den internen und nationalen Aspekten einer an volkswirtschaftlichen Daten orientierten Lohnpolitik, die in den Jahren des Wiederaufbaus einmal gang und gäbe waren, nun aber der Vergangenheit angehören, kommen solche internationaler Art. Fast gleichzeitig mit dem „Stuttgarter Friedensschluß" wurden i vom Statistischen Amt der Europäischen Gemeinschaften die Ergebnisse einer ersten Erhebung über die Lohnkostenstruktur in den Ländern der EWG veröffentlicht („EWG Lohnkosten 1959"). Diese Untersuchung, über deren neutrale Ambitionen zum mindesten kein Zweifel bestehen kann, bestätigt, was früheie Studien — etwa die des Institut National de la Statistique in Paris im Jahre 1960 — schon bereits in den Bereich der Wahrscheinlichkeit gerückt haben — nämlich die Tatsache, daß von allen EWG Ländern die Bundesrepublik heute die höchsten Lohnkosten hat.

Schon im Jahre 1959 (weitere Untersuchungen für das Jahr 1960 und 1961 folgen) betrugen d:e Lohnkosten (und Lohnnebenkosten), je ArbeiterStunde in belgischen Franks gerechnet, in der Burdesrepüblik 40 42; es folgten, damals noch dicht auf, Frankreich (39 94) und Belgien (39 39), und in weitem Abstand, mit um 15 bis 25 °o niedrigeren Lohnkosten, die Niederlande (34 51) und Italien (32 41). Nach der inzwischen erfolgten DM Aufwertung und nach den ansehnlichen Lohnerhöhungen in der Bundesrepublik, die in den Jahren 1960 und 1961 die Steigerungsraten auch Frankreichs und Belgiens weit hinter sich gelassen haben, dürfte auf diesem Gebiet die „Spitzenstellung" der Bundesrepublik nunmehr eindeutig und unanfechtbar geworden sein.

Es braucht wohl nicht weiter klargemacht zu werden, was das für die Konkurrenzfähigkeit der westdeutschen Industrie auf dem Europa Markt und den Weltmärkten bedeutet — und welche Konsequenzen daraus auch, für die Lohnpolitik zu ziehen sind, die wir, im eigensten Interesse, zu betreiben nun genötigt sind. Angesichts der nicht mehr zu bagatellisierenden Zahlen, die über die Kostenbelastungen bei uns und in anderen Ländern jetzt greifbar geworden sind, ist es uns verwehrt, wie bisher nur nach unserer eigenen lohnpolitischen Fasson selig zu werden.

Mag eine schrittweise Zurückdämmung der Unternehmergewinne, vor allem in den Bereichen, in denen sie unter den besonderen Verhältnissen der Nachkriegszeit unangemessen ins Kraut geschossen sind, noch so erwünscht sein; wir werden darauf zu achten haben, daß wir, im Eifer des Gefechts, bei dieser Prozedur nicht aus dem internationalen Ren geschmissen werden, ganz abgesehen davon, daß das mit lohnpolitischen Maßnahmen allein überhaupt nicht zu machen ist.

Service