Der Mythos der Energiepolitik
Darf uns der Wettbewerb zwischen Kohle und Ol zu unüberlegten Eingriffen verleiten? / Von Hermann Riedle
Diese Schlußfolgerung des Basler Nationalökonomen, geäußert in einem Vortrag anläßlich des Steinkohlentages 1961 in Essen, mag einmal als „Arbeitshypothese" aufgestellt werden für die immer wiederkehrende Frage: Soll man in den Ablauf der Wirtschaft planend und „politisierend" eingreifen, um offensichtliche Fehlentwicklungen, wie sie sich aus dem freien Spiel der Kräfte ergeben, zu verhindern? Zum ersten muß man, so glaube ich, ganz deutlich machen, was denn überhaupt Energiepolitik als Begriff bedeutet. Leider sind die Erfahrungen in allen Sparten der Wirtschaft nicht erfreulich: Man spricht immer dann von der „Politik" wenn sich irgendein Fehler von außen her oder von früher in einem Wirtschaftszweig unangenehm bemerkbar macht und der Wille oder die Fähigkeit fehlt, sich ökonomisch mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. Erinnern wir uns einmal an Begriffe wie „Agrarpolitik" (von der man seit Jahrzehnten immer dann spricht, wenn die Agrarwirtschaft in der Klemme ist), „Währungspolitik" (die meist dann aktuell wird, wenn man vorher etwas liederlich gewirtschaftet hat), und „Handelspolitik" (wenn man im Austausch mit den Nachbarn etwas erreichen will, was man auf „ehrlichem" ökonomischem Weg sonst nicht erreichen kann). Natürlich sind diese negativen Urteile über die wirtschaftspolitische Aktion pointiert übertrieben. Aber sie mögen als Warnung und als Dämpfer für all jene genannt sein, die glauben, eine Wirtschaft könne nur dann optimal zu einem Ziel gelangen, wenn sie gesteuert wird. Ich habe kürzlich versucht, im eingeschränkten Bereich und unter gewissen Bedingungen die Intervention in einem Wirtschaftszweig zu verteidigen (vgl, „Wirtschaftspolitik im Laboratorium" in der ZEIT Nr. 5 vom 2. Februar), und man könnte jetzt gerade behaupten, daß die Energiewirtschaft (übrigens ein sehr gewichtiger wirtschaftlicher Komplex) eine derartige partielle Intervention nötig habe. Das hieße also zuerst einmal: ein energiepolitisches Programm aufzeichnen und dann mittels geplanter und gezielter Maßnahmen die Entwicklung, Produktion, Preise, Investitionen in den verschiedenen energieschaffenden Sektoren (Kohle, öl, Wasserkraft, Atomenergie) leiten und bestimmen.
Da es heute schon längst nicht mehr „modern" ist, solche Regelungsprozesse in der Wirtschaft nur im nationalen Bereich zu fordern (weil nämlich ihre Fragwürdigkeit sich da sehr schnell demonstrieren ließe und meist durch ganz unangenehme Reaktionen" der praktischen Wirtschaft selbst beantwortet würde), spricht man jetzt von einer EWG Energiepolitik, selbstverständlich auch von einer europäischen Koordination und bald auch von einer atlantischen oder gar westlichen Energiepolitik. Das ist durchaus nicht verhängnisvoll, wenn man gleichzeitig auch eingesteht, daß sich viele energiewirtschaftliche Prozesse schon längst nicht mehr national isoliert abspielen, und man manchmal gerade wegen einer bisher zu, national ausgerichteten energiepolitischen Aktivität in den einzelnen Ländern viele Ausgleichsbewegungen störte und eine harmonische Entwicklung in manchen Fällen sogar verhinderte.
Wo steht man also heute? Pessimisten und unzufriedene Integrationisten sprechen von einem Chaos, in das hinein die europäische Energiewirtschaft gerate. Die Kohle, so prophezeit man, wird durch eine ungesunde und ungebührliche Expansion des Erdöls verdrängt. So läuft man die Gefahr, einen volkswirtschaftlichen Reichtum zu vertun, den es auf alle Fälle zu schützen gilt. Das Defizit in der Energiebilanz, berechnen die Statistiker, wird in Bälde den Rückgriff auf alle Primärenergieträger (Kohle, Erdöl, Wasserkraft, Atomenergie) nötig machen, und wenn man durch eine kurzfristige Erfolgswelle beim Erdöl die Kohle jetzt im Wettbewerb „untergehen" läßt, so wird man sie eben später nicht mehr haben und dann vor einer Energielücke stehen, die unsere Wirtschaft viel teurer zu stehen kommt, als wenn man heute die Positionen von Kohle und öl „bereinigt". Daneben spielen bei der Frage „Wettbewerb zwischen den Energieträgern" auch noch eigentlich politische Überlegungen eine Rolle, die man ganz zu recht nicht etwa vernachlässigen darf, geht es doch um unsere wirtschaftliche Existenz in einer möglicherweise bedrängten Zukunft.
Die Geister der energiepolitischen Aktivisten und der energiewirtschaftlichen Attentisten scheiden sich schon an einer groben Frage; Ist Energie tatsächlich ein „ganz besonderer Stoff", der eine wirtschaftliche Spezialverfassung innerhalb des wirtschaftlichen Gesamtrahmens braucht? Ein hervorragend wichtiges Grundprodukt unserer wirtschaftlichen Tätigkeit ist die Energie ja zweifellos; in der Kombination, der Produktionsfaktoren ist sie ein Eckpfeiler, von dessen Verfügbarkeit der Produktionsprozeß oftmals vollkommen abhängt und dessen Billigkeit meist entscheidend für den ökonomischen Erfolg der Produktion schlechthin ist. Verfügbarkeit und Billigkeit sind also zwingende Forderungen, die wir an die Energie (in welcher Form sie auch auftrete) stellen und die schließlich von einer vernünftigen Energiepolitik m erster Linie anvisiert werden sollten. Gerade wenn die Energie aber als Grundkostenelement im Preise günstig sein soll, müßte man für einen steten Wettbewerbsdruck in der Energiewirtschaft plädieren. Und, so muß man nüchtern weiterfahren, weil die Energieerzeugung meist sehr große und geballte Investitionen erfordert, bleibt als erhaltungswürdiges Regulativ für den Energiemarkt doch nur in erster Linie der Substitutionswettbewerb, der den technischen Fortschritt fördert und lenkt und der den Prozeß des steten, Innovation (Schumpeter) anfeuert.
Wenn die Energiepolitik in Internationalem und auch nationalem Rahmen sinnvoll sein will und gleichzeitig der ökonomischen Prämisse der Wettbewerbswirtschaft nicht widersprechen will, dann muß sie von möglichst genauen Energiebilanzschätzungen, Wachstumsprognosen und auch durch nicht ökonomische Bedingungen bestimmt werden. Es gilt also, die Daten für die nähere und fernere Zukunft zu erforschen, dann die in den meisten Fällen sich entgegenstehenden Vorstellungen und Ansichten der Produzenten aufeinander abzustimmen und — wohl das Höchste, was man wirtschaftspolitisch erreichen kann — die künftigen Investitionen in einem räsonablen Ausmaß zu koordinieren. Auch hier wird "von allem Anfang an deutlich, in welcher Art die marktwirtschaftlich fundierte Intervention wirken kann: Jene Anregungen und Anreize sollen den Primärenergieproduzenten zugespielt werden, die wahrscheinlich zum volkswirtschaftlich besten Versorgungsstand führen. Obschon uns zwar auch in der Energiewirtschaft die vollkommene Voraussicht (wie bei jeder menschlichen Tätigkeit) fehlt, werden hier gute Pläne auf die wirtschaftlichen Dispositionen der Unternehmer „heilsam" wirken, und wenn der Staat sowie die übernationalen Institutionen keinen Zweifel aufkommen lassen, daß die vernünftigen Zielpunkte der Energie Entwicklung keinesfalls durch wirtschaftspolitische Maßnahmen „abgeändert" werden, dann wird sich in der energieschaffenden Industrie eine gewisse Stabilität abzeichnen. Man wird sich nämlich — unter dem Zwang allgemein anerkannter und optimaler (volkswirtschaftlich gesehen) Plandaten — zu jenem Grad der Koordination und Kooperation bequemen, die dem freien Spiel der Marktkräfte ihr Recht belassen, ohne in „volkswirtschaftliche Sackgassen" zu führen. So verstanden und versucht, ist Energiepolitik vertretbar, bleibt allerdings ein schwieriges Unterfangen (wie alle Wirtschaftspolitik überhaupt) und gleicht einem Gang auf Messers Schneide.
Diese ausgiebige Vorbemerkung zu dem Problem rationaler Energiepolitik kann die Antworten auf die heikle Frage „Kohle oder öl?" ins rechte Licht rücken. Fachleute der Mineralölbranche haben kürzlich in einem Kolloquium reichhaltiges und gut fundiertes Material über die Energiesituation in der Bundesrepublik und Europa vorgelegt und sich gleichzeitig ins Kreuzfeuer einer energiepolitischen Diskussion gewagt (die Studien stammen aus der volkswirtschaftlichen Abteilung der BP in Hamburg, und auch das Gespräch mit der Presse wurde von den Experten der BP geführt). Einige wichtige Ergebnisse dieser Arbeiten sollen hier vorgeführt werden. Zu Anfang jeder Diskussion über Energiefragen sollten die „politischen Bedingungen" abgeklärt werden, unter denen man in Zukunft zu operieren glaubt. Mineralöl ist zum größten Teil Importenergie (nur rund 14 % des in der BR verbrauchten Öls ist heimischer Provenienz). Wird man sich also nicht aufs Glatteis begeben, wenn ein beachtlicher Teil der Primärenergie aus dem Ausland bezogen wird und bei kriegerischen oder politischen Wirren plötzlich entfällt? Eine Antwort — so meinen die ölfachleute — kann gegeben werden: Die Interessen der europäischen, der westlichen Länder überhaupt liegen heute ziemlich parallel. Der Öl Engpaß im Gefolge der Suezkrise hat schon im Jahre 1957 erkennen lassen, daß bei der weiten Streuung der Ölvorkommen in der Welt die Gefahr einer unüberbrückbaren Verknappung klein geworden ist. Die „Erdölländer" leben hauptsächlich vom Export ihres Produkts und werden deshalb ihre Abnehmer nicht ohne weiteres „aufs Trockene" setzen, Tankerraum, und alle, anderen Transporteinrichtungen für öl stehen in einem Ausmaß zur Verfügung, der allen Eventualitäten gerecht wird. Wenn man überhaupt noch ein Risiko in der ölbeschaffung sehen will, dann darf man es jedenfalls nicht übertreiben. Die Sicherheit für eine stete Zufuhr ist heute größer denn je, und es ist fragwürdig, ob man bei zunehmender Integration der Interessen das veraltete Postulat der „unsicheren Importenergie" noch aufrechterhalten will.
Bleibt eine zweite wichtige Frage abzuklären: Wird bei einem vorausberechenbaren Energiekonsum die Mineralölwirtschaft überhaupt in der Lage sein, der Energienachfrage nachzukommen? Die Weltölreserven — heute bekannt — decken den künftigen Bedarf für mehr als vierzig Jahre; gleichzeitig darf die Feststellung unterstrichen werden, daß die Entdeckung neuer Vorkommen schneller war als die Verbrauchszunahme. Die Versorgungssituation ist also im Laufe der Jahre besser und nicht schlechter geworden. Mancher Kohlenspezialist mag nun allerdings darauf hinweisen, daß die Versorgungslage an Kohle viel günstiger sei (gemessen an den georteten Kohlereserven), denn sie werde den Verbrauch noch über Jahrhunderte hinaus decken können. Dieses Argument hat Kraft in zwei Richtungen: Die Kohle ist und bleibt (auch von der Verwendung her) eine wertvolle Energiebasis — ein dem Menschen zur Verfügung stehender natürlicher Reichtum, der nicht einfach ad acta gelegt werden kann. Zum ändern ist es durchaus möglich, daß in fernerer Zukunft wieder vermehrt auf die Kohle zurückgegriffen werden muß und auch gegriffen werden kann. Mit diesem Argument vermag man aber meines Erachtens nicht einen jahrzehntelangen „Erhaltungsschutz" für die Kohlenproduktion zu begründen oder gar auf eine garantierte Kohlenquote in der Energiebilanz hinzuwirken. Es käme dadurch zu einer Stagnation der Aktivität in der kohlefördernden wie auch kohleverbrauchender Industrie, die auf alle Fälle zu sehr großen volkswirtschaftlichen Verlusten führen würde. Die so verursachten DisÖkonomien wären ganz sicher größer als jene „Kostensteigerungen", die sich bei einer vorübergehenden Verknappung eines Energieträgers (z. B öl) ergeben könnten. Zugleich muß man auch daran denken, daß neue Primärenergieträger wie Atomenergie, Sonnenenergie, Windenergie, Gezeitenenergie usw auftauchen werden und damit vermutlich von Dekade zu Dekade die Zusammensetzung der Energiebilanz gründlich verändert wird. Diese Entwicklung beinflußt aber nicht nur das Bild für die Kohle, sondern auch für alle ändern traditionellen Energieträger. Ein mehr marktpolitisch bedingter Vorwurf kommt in der Kohle öl Diskussion auch regelmäßig zum Zug. Werden die Mineralölgesellschaften nicht dann, wenn sie schon einmal die Kohle „ausmanövriert" haben, zu einem Preisdiktat übergehen und somit ihre Monopolstellung auf dem Energiemarkt ausnutzen? Diese Gefahr ist heute und in Zukunft nicht mehr allzu groß. Die „politische" Rolle der ölkönige (und wir denken dabei an die großen Gesellschaften) ist durch die Verhältnisse stark eingeschränkt worden. Viele große Firmen stehen in einem regen Wettbewerb miteinander (der nicht zuletzt die „Schuld" am heute günstigen Preis für leichtes Heizöl trägt) und haben keine Chance mehr, jemals den Markt zu beherrschen. Außerdem ist die Verflechtung der Ölindustrie mit ändern Wirtschaftszweigen groß — wie ja auch die Kphlenindustrie sich recht intensiv am ölgeschäft beteiligt (40% des schweren Heizöls in der BR — und dieses konkurriert am stärksten mit der Kohle — wird von Zechengesellschaften verkauft).
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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