Deutsche Städte werden am Reißbrett zerstört
Die perfekte Planung, nicht die schlechte Architektur ist dem Wiederaufbau vorzuwerfen / Von Wolf Jobst SiedJer
In der ZEIT Nr. 4861 schilderte Irene Zander „Crawley — die Stadt ohne Herz". Solcher „Städte A uf Architekten Kongressen wird in regelmäßi -gert Abständen Klage über den Wiederaufbau der deutschen Städte geführt. Die innerstädtischen Wohnstraßen, aus dem Schutt des Bombenkrieges in alter Winkligkeit wiedererstanden, sind dem Verkehr nicht mehr gewachsen. Die U BahnSchächte in Münchens Geschäftsviertel, nach 1945 mit großer Mühe zugeschüttet, müssen nun neu für Hunderte von Millionen Mark gegraben werden. Repräsentationsplätze und Prachtboulevards verlieren ihre soziale und wirtschaftliche Funktion, weil das Versäumnis, rechtzeitig Entlastungsstraßen anzulegen, sie von Verkehrsteilnehmern überquellen läßt.
Die Vorwürfe werden auf Werkbundsitzungen und Kritikertagungen ergänzt. Deutschlands Architekten Elite hat beim Wiederaufbau abseits gestanden. Von Berlins Kurfürstendamm bis zu Frankfurts Zeil hat das künstlerische Mittelmaß Triumphe gefeiert. Die Staatsbauten Bonns sind nur voller Qualen vorzuzeigen: Wo andere Länder ihre besten Architekten Botschaften und Gesandtschaften errichten lassen, hat unsere Bundesbaudirektion die meisten diplomatischen Vertretungen durch Baubeamte heimgebastelt. Wettbewerbe werden, wo sie überhaupt stattfinden, mißachtet. Scharoun gewinnt den Wettbewerb für das Kasseler Theater; ein anderer baut. das Mannheimer Theater; ein anderer baut. Baumversität; ein anderer baut. Deutschland hat sich in eine Landschaft von Rasterbauten und Peitschenlampen verwandelt. Die Kunst findet in Architekturzeitschriften statt.
So geht die Rede, und sie hat recht. Wer dem etwas entgegenhalten will, verweist auf die in die Augen fallenden Vorzüge des Wiederaufbaus, zeigt die „aufgelockerte" und „durchgrünte" Bauweise vor, die mit der neuen „Raumordnung" und „Landesplanung" erst einen nach menschlichen Maßstäben gegliederten Stadtorganismus möglich gemacht hat — die gesunde, die familiengerechte, die verkehrsgemäße neue Stadt als Krönung einer fünftausendjährigen Entwicklung. Stadtbauämter, Wohnungsbaugesellschaften und Bundesministerien präsentieren triumphierend die neuen Errungenschaften: neue Wohnhochhäuser, neue Kleinsiedlungen, Slumbereinigungen, Nachbarschaften. Sie haben recht, daß mit jedem der in Broschüren und Leistungsberichten vorgewiesenen Einzelbeispiele gute Arbeit geleistet worden ist, daß man in den neuen Wohnsiedlungen mit ihren Schlafzonen und Einkaufszentren und Spielplätzen „gesünder" lebt als im alten Essen oder im alten Berlin.
Was sie gar nicht sehen, sind die negativen Aspekte der unbestreitbaren Vorzüge — das Verlöschen des eigentlich Städtischen: Die Stadt, in der man wohnte, spazierenging, arbeitete und auf den Plätzen über alles mögliche beriet, wurde durch das gesunde, anonyme, gesichtslose Wohngebiet ersetzt, in dem es keine Bürger und keine Nachbarn mehr gibt.
Ein Stadtorganismus kann es vielleicht überstehen, daß in ihm schlecht gebaut wird — davon legen die großen Boulevards des späten neunzehnten Jahrhunderts von den Champs Elysees über die Via Veneto bis zum Kurfürstendamm Zeugnis ab. Es fragt sich, ob er die perfekte Städteplanung überlebt.
Immer wieder nämlich erstaunt die Blindheit für den Verlust, den die städtische Kultur Europas mit dem Untergang der Städte durch die moderne Siedlungsplanung erleidet — ein Verlust, den auch der sehen muß, der keine Lanze für rachitisfördernde Hinterhöfe brechen will.
Möglicherweise kann man heute keine anderen Städte als Bremens „Neue Vahr" bauen — nur muß man wissen, daß sich in diesen Kunstgebilden kein städtisches Leben mehr begibt. Sicherlich bat Wolfsburg eine „fortgeschrittenere" Bebauungsart als Lübeck — nur lehrt jeder Blick, daß man auf seinen Straßen nicht mehr Spazierengehen kann: Der Städtebauer hat mit dem Hinterhof auch Lebensäußerungen wie den Nachmittagsbummel und das abendliche Flanieren aus seinem Gebilde verbannt.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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