Deutschland mit englischen Augen

Schloßhotels und viktori^nische Bäder — Kurkonzert oder Jazz / Von Sarah Gaintiam

Der Reiz ist groß, zu hören, wie Ausländer unser Land sehen — und der Nutzen nicht gering. Fremde Augen können entdecken, was wir aus Gewohnheit nie "recht wahrgenommen haben; die Worte eines Fremden vermögen Akzente neu zu setzen und vielfach den stillen Glanz des Unbeachteten wieder zu beleben. Und sie können ebenso nachdenklich stimmen wie erheitern. Die britische Sonntagszeitung „Observer" läßt in einer Artikelserie ihre Korrespondenten über die Reiseund Erholungsmöglichkeiten in jenen Ländern berichten, in denen sie leben. Wir bringen hier den Bericht von Sarah Gainham über Deutschland. | er wachsende Touristenschrecken geht an Deutschland einigermaßen vorbei — der wohlhabende Deutsche nimmt an dem Rummel in Italien, Frankreich und Spanien teil, und viele ruhige und wunderschöne Plätze in Deutschland bleiben für jene, die sich keine Papier Hütchen aufsetzen wollen.

Diese Orte sind von zweierlei Art: die altmodischen Kurorte — und die kleinen Dörfer abseits der Hauptstraßen. Ihnen muß noch eine ganze Liste von Landhäusern und Burgen hinzugefügt werden, die man zu Hotels gemacht hat; sie haben einen eigenen, besonderen Reiz in ihren alten Gebäuden und im exklusiven Luxus ihrer großen Parks und Gärten.

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All das, was zu Shakespeares Zeiten zu den altniederdeutschen Burgen zählte, und die ehemaligen Sitze der kleinen regierenden Häuser, die als lästiger Besitz zu verfallen drohten — sie alle wurden von ihren Eigentümern zu einträglichen Spekulationsobjekten verwandelt. Einige davon liegen nur wenige Kilometer von den Ruhr Städten entfernt, aber man hört und sieht nichts von jenem Betrieb und dem Schmutz, denn sie liegen auf Hügeln zwischen Wäldern, umgeben von ihren eigenen Parks.

Zwischen Göttingen und Kassel, nur elf Kilometer abseits der Autobahn, liegt das 1369 gebaute Schloß Berlepsch. Es gehört heute noch der Familie Berlepsch, die auch selber das Hotel leitet. Der Park ist ganz außergewöhnlich, und Gäste können darin lange Spaziergänge machen, ohne ihn zu verlassen — 345 Meter über dem Werrafluß in bewaldetem Land. Dort herrscht vollkommen Frieden; die Küche ist international, und der Inhaber selber stellt die Weinkarte aus den feinsten deutschen Weinen zusammen. Pension (Doppelzimmer) kostet pro Tag etwa 39 Mark. Schloß Zell an der Mosel — in der kleinen Weinstadt gleichen Namens — ist das Zentrum eines der besten Weingebiete dieses Flusses. Es wurde zu einem reizenden kleinen Hotel modernisiert, das sich in der Hauptsache auf den Ruhmestitel seiner „Schwarzen Katz" Keller berufen kann, welche den hervorragenden Weinen ihren Namen gaben. Es ist — außer im Dezember — das ganze Jahr hindurch geöffnet, und es ist ein guter Start. für eine Fahrt durch das Weintal. Obwohl diese Gebiete nicht als friedvoll empfohlen werden können und nicht als still während der Sommerszeit, sind sie im Frühling und Herbst entzückend, wenn der Wein gekeltert wird und jedes Dorf sein eigenes Weinfest veranstaltet.

In jenem Gebiet Nordbayerns, das die Deutschen Franken nennen, liegt eine Festung, die Conrad L, König von Franken, im zehnten Jahrhundert gebaut hat. Hier in Lauenstein kommt man wirklich ins Mittelalter zurück. Gäste haben das Gefühl, sie hätten eigentlich auf Schlachtrossen oder in Sänften ankommen müssen. Die Modernisierung ist so raffiniert vorgenommen worden, daß die Atmosphäre völlig gewahrt blieb — wenn man vom heißen Wasser einmal absieht.

Weil das Hotel einfach ist (es ist als Baudenkmal vor einschneidenden Ver- £ änderungen gesetzlich ge- y schützt) und auch so blei- N ? ben soll, sind die Preise niedriger als in den meisten der modernisierten Schloßhotels. Vollpension beginnt bei etwas über elf Mark pro Person und Tag. In diesem Winter werden mehr Badezimmer eingebaut — für jene, die die Mittelalterlichkeit nur in kleinen Dosen einnehmen wollen.

Von den vielen viktorianischen Kurorten in Deutschland, die gleicherweise von Ruhe und Leben erfüllt sind, ist Bad Ems einer der besuchenswertesten. Das Wasser ist gut gegen Asthma, katarrhalische Erkrankungen, Kreislauf- und Herzbeschwerden. Es gibt dort, im Kurhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert, moderne Bäder, Inhalatorien und jede Art medizinischer Behandlung mit neuzeitlicher Ausrüstung.

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