Die Balltricks der Inder gingen ins Leere

Die aus 16 Spielern und fünf offiziellen Ver tretern bestehende Indien Expedition des Deutschen Hockey Bundes ist jetzt nach viereinhalb Wochen wieder in die Heimat zurückgekehrt. Anlaß zu der „Traumreise" war das große internationale Turnier in Ahmedabad zum sechzigjährigen Jubiläum der All India Hockey Federation, an dem zehn Nationen teilnahmen. Im Anschluß an das Turnier waren für die belgische, die holländische und die deutsche Mannschaft innerhalb eines Zeitraums von zehn Tagen noch mehrere Spiele in verschiedenen Teilen des Landes vereinbart worden. Die Belgier fuhren in den Süden einschließlich Bombay. Die Holländer reisten in den Osten mit Abschluß in New Delhi, während der deutschen Mannschaft als Start New Delhi und der Punjab, also der Norden, vorbehalten blieb. Ahmedabad, 1411 von Sultan Ahmed Shah de Gujarat gegründet, ist die bedeutendste indische Textilstadt mit nunmehr 1 2 Millionen Einwohnern gegenüber 186000 Einwohnern im Jahre 1922. Sie ist die Regierungshauptstadt des am 1. April 1960 neugebildeten Gujarat State, der damals von Bombay getrennt wurde. Für die Inder hat aber Ahmedabad, wie die deutschen Besucher bald feststellen konnten, eine ganz besondere politische Bedeutung. Hier gründete Mahatma Gandhi nach seiner Rückkehr als Anwalt in Südafrika in die Heimat die Gewerkschaftsbewegung, der gerade jetzt im Kampf gegen den Kommunismus eine wichtige Rolle zufällt.

In dieser Hinsicht äußerte sich Mr. Desai, ein alter Kampfgefährte Mahatmas an der Spitze der Gewerkschaften und früherer Arbeitsminister, äußerst selbstsicher. Von Ahmedabad schließlich startete Mahatma Gandhi 1930 seinen Feldzug der Gewaltlosigkeit. Sein ehemaliges Wohnhaus hoch am Ufer des Sabarmiti Flusses gegenüber dem märchenhaften Gouverneurspalast ist heute ein Museum und eine Erinnerungsstätte. Der Abend für sämtliche Teilnehmer auf der riesigen Uferterrasse vor dem Palast des Gouverneurs Mehdi Nauaz Jung gehört zu den großen Erlebnissen dieser Fahrt. Der Gouverneur, ehemals Landlord in Haidarabad, ist Mohammedaner. Er lernte Deutschland auf den Spüren der Genossenschaftsbewegung auf zwei Reisen in den zwanziger Jahren und kurz vor dem letzten Weltkrieg kennen.

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Was aber war nun der Grund, daß ein solches Turnier ausgerechnet in einer Handels- und Industriestadt wie Ahmedabad ausgetragen wurde? Eine Stadt wie Bombay mit sage und schreibe 58 Hockeyklubs und einer eigenen Hockeyflutlichtanlage hatte offenbar ältere und bessere Rechte, w as auch jedem Teilnehmer des Turniers, sofern er Bombay passierte, entsprechend unter die Nase gerieben wurde. In Ahmedabad saß jedoch ein mächtiger Mann, - ein früherer Hockeyspieler aus Bombay, Shri J. B. Nagarvala, seines Zeichens Inspector General of Police. Er übernahm das Turnier. Der Preis, den man ihm aufbürdete, war ein hoher. J. B. Nagarvala, welcher der Presse manche Angriffsfläche bot, hatte alle Kosten für den gesamten Indienaufenthalt nicht nur der Spieler, sondern auch der Repräsentanten der Länder für den dreitägigen internationalen Kongreß der Internationalen Hockey Federation in New Delhi zu übernehmen. Eine Summe von schätzungsweise 300 000 DM. Und dabei gab es drei Monate vor Beginn des Turniers noch nicht einmal einen Platz, auf dem man hätte spielen können. Dies alles besorgte „Big Jimmy", wie der bärtige Vernon Ram vom „Indian Express" ihn getauft hatte, mit Polizeibrachialgewalt durch tausend Polizisten in Tag- und Nachtschicht und finanziell — Kostenpunkt noch einmal 200 000 DM — mit Hilfe reicher Mäzene und des Police Weifare Fund.

Als das Polizeihockeystadion mit einem Fassungsvermögen von ungefähr 22 000 Zuschauern am 3. Januar durch den Ministerpräsidenten des Staates eröffnet wurde, da war in der Tat ein Wunder geschehen. Auf einem Empfang der ausländischen Korrespondenten für ihre indischen Kollegen, der auf Initiative des einzigen deutschen Journalisten erfolgte, bekannte dann auch der hohe Polizeichef als Ehrengast freimütig, daß eine solche Sache nur von einem einzelnen mit diktatorischen Vollmachten geleistet werden könnte. Das größte Wunder aber war wohl, daß die Grasnarbe des harten rotsandigen Platzes alle 45 Spiele innerhalb von 14 Tagen, durchschnittlich drei Spiele am Tag von 1 30 bis 5 30 Uhr, bei der heißen Sonne des indischen Winters verhältnismäßig ungeschoren überstand. Das Geheimnis war nicht zu erfahren. Die deutsche Mannschaft gewöhnte sich schnell an diesen Hockeyplatz. Fast wäre ihr allerdings wie beinahe in Melbourne 1956 die harte neuseeländische Mannschaft zum Verhängnis im ersten Spiel geworden. Das Unentschieden wurde gerade noch gerettet, aber alle übrigen Spiele gegen immer stärker werdende Mannschaften gewonnen, so daß Sportwart Hugo Budinger seine Mannschaft ganz systematisch bis zum sogenannten End- und Schlußspiel gegen die indischen Hockeykünstler vor einem überfüllten Stadion mit 25 000 Zuschauern steigern konnte. Hier trafen dann zwei ganz verschiedene Spielsysteme aufeinander. Die traditionelle indische Spielweise mit unnachahmlichen Dribblings, Körpertäuschungen und einem ständigen Zusammenspiel zwischen den Stürmern und Läufern — und die moderne europäische Spielweise mit konsequenter Manndeckung, weiten harten Schlägen und dem Spielen in den Raum. Einzelne deutsche Spieler beeindruckten das indische Publikum durchaus durch ihre „indische" Stocktechnik. Alles in allem aber mußte sich die Mannschaftsführung durch Zurückziehen der Halbstürmer auf die Verteidigung konzentrieren. Die indische Presse beschäftigte sich tagelang mit dem Problem, wie man mit der „packed defence" Taktik der Deutschen fertig werden könnte.

Ein Mittel fanden die Inder auch nach ihrem knappen l : 0 Sieg in den beiden anderen Länderspielen in New Delhi (0 : 0) und in Karnal (l : 1) nicht, wobei der deutschen Mannschaft im letzten Spiel um ein Haar ein Sieg gelungen wäre. Der Deutsche Hockey Bund kann aber auch in anderer Hinsicht stolz auf sein Unternehmen Indien sein. Die deutsche Mannschaft hat sich durch ihre Haltung wirkliche Verdienste erworben, wobei ihr ohne Zweifel zu Hilfe kam, daß ihr von vornherein auffallende Sympathien entgegengebracht wurden. Wie wichtig und wie nützlich solche Sportreisen gerade auf der internationalen Ebene sind, das bestätigte ihr in New Delhi auf die liebenswürdigste Weise Botschafter Dr. G. F. Duckwitz, der sich als alter Bremer Hockeyspieler vom Club zur Vahr entpuppte. Den Hockeyspielern sollen nun die Leichtathleten folgen.

 
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