Die lautlose Vernichtung

Vholsteinischen Küste das Wrack eines in den letzten Kriegswochen gesunkenen deutschen Frachters liege. Seine Ladung bestand aus Granaten, die mit „Tabun" gefüllt waren, einem deutschen „Nervengas" des letzten Krieges. Kurze Zeit später hieß es dann, wegen der Gefahr, daß die allmählich rostenden Geschosse ihren Inhalt freigeben könnten, sei die Ladung gehoben und auf offener See versenkt worden. Das war alles. Nicht einmal die Illustrierten griffen das Thema auf, denen doch sonst schon ein Gerücht über versenkte Goldschätze ehemaliger Kommandostäbe Anlaß genug ist, eigene Expeditionen an entlegene Gebirgsseen zu entsenden.

Tabun, Hitlers Nervengas und Ahnherr der uns heute bedrohenden chemischen Kampfstoffe war ein Kontaktgift von jenem Typ, den man kurz vor dem letzten Kriege in Amerika und einigen europäischen Ländern als neuartiges Mittel zur Insektenbekämpfung entdeckte. Am bekanntesten wurde bei uns in der Nachkriegszeit das DDT und später das Jacu, tin. Das gemeinsame Merkmal dieser Substanzen besteht darin, daß sie den Chitinpanzer der Insekten durchdringen. Wenn ein Insekt auch nur ein Stäubchen eines solchen Stoffes berührt, setzt eine chemische Reaktion ein, in deren Verlauf das Tier innerhalb kurzer Zeit unter LähDieser Artikel berichtet über die deutsche Kampfstofl Forschung im letzten Weltkrieg. Ihre Geschichte ist aktuell, weil sie den Anfang einer Entwicklung darstellt, die sich seit Kriegsende hinter einem dichten Nebel des Schweigens vollzieht. Ist es richtig, dieses Schweigen zu durchbrechen und die Aufmerksamkeit auf das Unausdenkbare zu lenken, was in den Laboratorien der biochemischen Kriegsführung in Ost und West zusammengebraut wird? Fachleute, mit denen der Verfassersprach, rieten meist ab „Warum die Kriegsangst vergrößern, warum einer Panik Vorschub leisten?" Panik? Gibt es sie noch in einer Gesellschift, die den Begriff der „sauberen Bombe" ohne seelische Störung zur Kenntnis nimmt und über die Ausrottung der Menschheit auf Cocktailparties diskutiert? or einigen Jahren wurde in einer kurzen Pressenotiz mitgeteilt, daß an der mungserscheinuitgen stirbt. Entscheidend ist die Unschäd ichkeit dieser Substanzen für Menschen und Haustiere.

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Im Laufe seiner Arbeiten an dieser Stoff gruppe entdeckte nun ein deutscher Industriechemiker zu Anfang des Krieges einen organischenPhosphorsäure Ester, der in seiner Zusammensetzung von den bisher bekannten Substanzen nur geringfügig abwich. Der Chemiker taufte ihn auf den Namen „Tabun" und meldete ihn — eine wahrhaft würdige Einleitung eines neuen Zweiges zeitgenössischer Selbstvernichtungsforschung — als „für Menschen unschädliches Insektenvertilgungsmittel" zum Patent an. Daß der Mann noch lebt, verdankt er allein der Tatsache, daß er seinen neuen Stoff zum Patent anmeldete, sobald er die Synthesemöglichkeiten ermittelt hatte und ohne jemals praktisch mit ihm gearbeitet zu haben. Chemische Eigenschaften, Formel und Patent wurden in der üblichen Weise veröffentlicht. Dann aber hörte man nichts mehr von Tabun. Mehr noch: Über die ganze Stoffklasse erschienen in den deutschen Fachzeitschriften plötzlich keine Publikationen mehr. Die Patentschrift war einem Forscherteam aufgefallen, das im Auftrage des Heereswaffenamtes in aller Heimlichkeit an der Aufklärung des Wirkungsmechanismus von Kontaktgiften arbeitete. Es lag auf der Hand, caß ein Kontaktgift, das auch auf den Menschen wirkt, ein idealer Kampfstoff wäre. Die bisherigen Insektizide waren gewissermaßen ein Sprengstoff, dem nur der Züider fehlte: daß sie dem Menschen nichts anhaben konnten, lag nur daran, daß sie seinen Stoffwechsel gar nicht erst erreichten. Im Darm wurden sie nicht resorbiert, und die intakte Haut konnten sie nicht durchdringen.

stoffe zuständige Abteilung des Heereswaffenamtes, ließ versuchsweise eine kleine Menge Tabun synthetisieren. Schon die ersten Tierversuche erwiesen eine außerordentliche Toxizität auch bei Säugetieren. Jetzt war der Weg offen „Sarin" wurde entwickelt und kurze Zeit später „Soman". Die außerordentliche Gefährlichkeit dieser Stoffe bewies ein Zwischenfall, der sich trotz aller erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen bei einer der ersten labormäßigen Synthesen von Soman ereignete.

Die im Labor anwesenden Chemiker arbeiteten in luftdichten Schutzanzügen mit Gasmasken unter einem kaminartigen Abzug, der alle entstehenden Gase mit großer Saugkraft schluckte. Nachdem einige Kubikzentimeter Soman hergestellt waren, wurde die Substanz mit einem Glastrichter abgefüllt. Der Glastrichter wurde, den Sicherheitsbestimmungen gemäß, mit konzentrierter Kalilauge ausgewaschen, mit destilliertem Wasser gründlich gespült und cann zum Trocknen auf ein Regal gestellt. Danach nahmen die sechs Chemiker ihre Gasmasken ab und stiegen aus den lästigen Schutzanzügen. Kurze Zeit späpter fiel ihnen auf, daß das Licht im Raum dunkler wurde. Während man noch über die Ursache diskutierte, fiel der erste bewußtlos um. Jetzt stürzten alle, die dazu noch in der Lage waren, aus dem Labor. Ein Blick bestätigte ihren Verdacht: sie alle hatten nur noch stecknadelknopfgroße Pupillen, das erste Symptom einer Soman Vergiftung. Durch wiederholte Atropin Injektionen konnten alle gerettet werden. Als Vergiftungsquelle wurde bei der anschließenden Untersuchung der Glastrichter ermittelt, an dem, trotz der Kalilauge, noch winzige Spuren Soman nachweisbar waren. Sie hatten genügt, die Massenvergiftung auszulösen. Diese Substanzen sind so ungeheuer giftig, weil sie als sogenannte Ferment Inhibitoren in bestimmte Steuerfunktionen des menschlichen Organismus eingreifen. Stellen wir uns statt des menschlichen Organismus eine moderne, elektronisch automatisierte Industrie Anlage vor. Man kann sie bombardieren und zerstört dann einzelne Funktionselemente, wodurch die Gesamtproduktion, je nach der Bedeutung der zertrümmerten Teilanlagen, mehr oder weniger stark betroffen wird. Man kann die gleiche Anlage jedoch mit sehr viel geringerem Aufwand und gleichzeitig sehr viel wirkungsvoller dadurch außer Gefecht setzen, daß man nichts weiter tut, als den Programmschalter ihrer elektronischen Steuerungsanlage zu verstellen. Dann ist zwar materiell an der ganzen Anlage nichts zerstört, aber die Gesamtfunktion bricht zusammen.

Analog ist der Wirkungsmechanismus des Tabun und der anderen FermentKampfstoffe zu verstehen: Alle Stoffwechselvorgänge des Organismus werden im wesentlichen von zwei automatisch funktionierenden Nervensystemen gesteuert, vom Sympathicus und dem sogenannten Parasympathicus, die außerdem noch selbstregulatorisch aufeinander einwirken. Der Sympathicus wirkt zum Beispiel beschleunigend auf den Herzschlag. Je schneller das Herz schlägt, desto größer wird die Ansprechbarkeit des Parasympathicus, dessen Funktion die Herzfrequenz wieder herabsetzt. Auf diese Weise spielt sich bei wechselnder körperlicher Belastung stets eine normale Herzfrequenz automatisch ein.

Für die Erregungsleitung innerhalb des parasympathischen Nervensystems ist eine Überträgersubstanz, das Acetylcholin, verantwortlich, das sich in winzigen Mengen sehr schnell bildet, dadurch den parasympathischen Reiz an Ort und Stelle überträgt und dann von einem Ferment, der Cholinesterase, sofort wieder abgebaut wird. Tabun, Sarin und Soman sind, nun spezifische Cholinesterase Hemmer. Sie setzen die Cholinesterase außer Funktion, so daß sich immer mehr Acetylcholin ansammelt, und damit der Parasympathicus ein immer stärkeres Übergewicht bekommt. Der gesamte Körperstoff Wechsel wird somit nur noch einseitig gesteuert, und innerhalb von Minuten kommt es zu epileptischen Anfällen, Atemlähmung und schließlich zum Zusammenbruch des Kreislaufs.

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