Ein Bonner Scherbengericht

„Fall Bucerius" ist ein „Fall CDU"

TJine kleine Weile noch ""d der Fall Bucerius die Gemüter in Bonn erregen. Nicht etwa, weil man sich ein Gewissen daraus macht, einen Abgeordneten nach vierzehn Jahren Zusammenarbeit zu verdammen, ohne ihn selbst vor dem Parteivorstand gehört zu haben, sondern ausschließlich deshalb, weil man fürchtet, hier oder da könnte unvorhergesehene Kritik aufkommen und die nun endlich gewährleistete Einstimmigkeit bedrohen. Einstimmigkeit aber ist der wahre Gradmesser dafür, daß in unserem Staat alles in Ordnung ist.

Aus dem Auswärtigen Amt ist vor zwei Jahren der Gesandte Albrecht von Kessel ausgeschieden, weil für einen Mann mit selbständiger Meinung und dem Bedürfnis, zu analysieren und zu diskutieren, kein Platz ist in diesem Ministerium, das ja nicht die Kunst des Möglichen zu praktizieren sucht, sondern das damit beschäftigt ist, seinen Gralsschatz, die Hallstein Doktrin, zu hüten. Zuvor war schon Axel von dem Bussche, einer der charaktervollsten jüngeren Leute, aus dem gleichen Ministerium ausgeschieden. Leute, die es sich herausnehmen, eine abweichende Meinung zu vertreten, werden bei uns nicht als Korrektiv begrüßt, sondern als Verräter gebrandmarkt. Grund: Politik ist bei uns eine Sache des Glaubens, sie wird daher nach theologischen Kategorien beurteilt. Und eben darum werden die Häretiker ausgemerzt.

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Nach den Wahlen am 17. September war Gerd Bucerius der einzige CDU Abgeordnete, der in der Fraktionsabstimmung offen gegen die Wiederwahl Konrad Adenauers stimmte. Alle anderen, die noch am Vorabend die gleiche Überzeugung und den gleichen Entschluß zum Ausdruck gebracht hatten, waren umgefallen.

Nun, da die CDU diesen „Sonderling" losgeworden ist, ist endlich Einstimmigkeit gewährleistet. Wenn die Sorgen dieser Tage vergessen sind, wird darum freudige Genugtuung bei der Christlich Demokratischen Union einziehen, denn über einen Abweichler, der ausscheidet, herrscht dort mehr Freude, als über zehn selbständig Denkende, die dazukämen.

Für Staat und Bürger freilich ist wenig Anlaß zum Jubel gegeben. Wieder einmal ist deutlich geworden, daß das Parlament längst nicht mehr der Ort ist, an dem unabhängige Leute einen Standpunkt zu den Fragen der Nation erarbeiten, sondern daß es immer mehr zum Clearing House der Interessen großer politischer und wirtschaftlicher Organisationen und Gruppen wird. Übrigens: Ein Vorfahre von Gerd Bucerius, der Straßburger Reformator Martin Bucer, der die Calvinsche Lehre stark beeinflußt hat, ist schon vor 400 Jahren mit den Bonnern, die er wegen ihrer „Trunksucht" tadelte, in Konflikt geraten. Als er sich schließlich vor dem Zorn des Kaisers nicht mehr sicher fühlte, wanderte er 1549 nach England aus und wurde dort einer der großen Reformatoren. Marion Gräfin Dönhoff

 
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