Explodierende Seelen
Ein „Kamerad des Chaos" auf Trampfahrt / Von Barbara Bondy
Dieses Buch ist das Musterbeispiel eines ver- ■ schlampten (oder in diesem Zusammenhang bessereines vertrampten) Talents — Hans Christian Kirsch: „Mit Haut und Haar"; List Verlag, München; 440 S, 17 80 DM. Der Autor, Jahrgang 1934, gescheit, sensibel, temperamentvoll und ehrgeizig, vollgestopft mit Jazz Rhythmen, Beatnik Ambitionen, der literarischen Moderne, Folkloristischem, „O Mensch!"Gefühlen und abendländischen Bildungsbrocken (, die Häuser nahmen die überhöhte Perspektive der Gestalten auf den Gemälden des El Greco an"), ausgeliefert an einen irritierenden Lebenshunger und die Besessenheit, alles in Druckerschwärze umsetzen zu müssen, was ihm je vor Augen, Nase und Ohren kam, hat sich vorgenommen, das Epos der jungen Generation zu schreiben. Was er geschrieben hat, x ist die Story jener zornigen Twens des goldenen Westens, denen bekanntlich ihre satte Umwelt auf die Nerven fällt: „ wir müssen ausbrechen. Das ist das einzige , was uns noch einen kick geben kann Und Chase Görmer, der Ich Erzähler, notiert: „Von nun an stand ich immer auf der Seite derer, die gegen die Versteinerung kämpften, und es verlangte mich mehr und mehr danach, das Feuerwerk ihrer explodierenden Seelen zu betrachten " Das Feuerwerk ihrer explodierenden Seelen betrachtet er 440 Seiten lang. Das Ergebnis ist eine Trampergeschichte ä la Kerouacs „ön the Road" mit den üblichen Wesenszügen von Frau Aventiure in der zwanzigsten Jahrhundertmitte: Alkohol und Sex, Jazz und Hektik, Weltverbesserung und Depression. Die „Kameraden des Chaos" durchstreifen Europa, das illegal erobert werden muß („da sich die legalen Instanzen als unfähig erwiesen hatten"), und Chase („Ich, Termite des 20. Jahrhunderts, mit so großen Hoffnungen"), Zonenflüchtling, wie viele von ihnen, ausgebrochener Banklehrling, enttäuschter Student, Straßensänger in Paris, Jazzband Klarinettist, getreuer Freund, sehnsuchtsvoll Liebender und couragierter Sex Praktikant, schreibt fleißig ihre Herzen in den Staub der Straße.
Der lyrische Ton, den die fremden Länder für sich buchen können, reißt schrill ab, wenn die lungens in Frankfurt sitzen und Chase die bundesdeutsche Wirklichkeit schildert, das heißt ihr Nonkonformisten Klischee, das sich bei uns mitterweile so brav eingebürgert hat wie der Bau;parvertrag.
Selbstverständlich operiert Kirsch auch mit der üblichen Schock Phraseologie all derer, die sich des Themas „Jugend im Überdruß" publizistisch angenommen haben („Ich frage mich immer, wie man die Leute noch gründlicher vor den Kopf stoßen kann") — aber er verzichtet wenigstens darauf, das verabscheute restaurierte Bürgertum kokett als Konsumenten seines Abscheus anzuprangern. Für solche Tricks ist Kirsch zu ehrlich, zu besessen von seinem Stoff, zu lyrisch vor allem.
Sein Buch ist eine schier unentwirrbare Mischung von Gutem und Schlechtem, von Pose und Ehrlichkeit, von Klischee und Erlebnis. Sein Anspruch, das Epos der jungen Generation zu schreiben, ist gescheitert, denn sie hat tausend Gesichter. Diese Romanfiguren dagegen sind kollektiv gesehen, das heißt, als Protagonisten der — begrenzten — Vorstellungen, die Kirsch von den jungen Leuten hat (daß er etwa seinen Haupthelden im James Dean Stil auf der Autobahn enden läßt, ist bezeichnend).
Formal ist der Roman ein Monstrum — eigentlich ein Rohmanuskript. Daß- es in dieser Form veröffentlicht wurde, ist weniger dem Autor als dem Verlag anzukreiden. Jemand hätte Kirsch beispielsweise sagen müssen, daß Literatur unter anderem die Kunst des Weglassens ist. Die ungeheure Menge Stoff, die er gesammelt und aufgeschrieben hat, wogt ungefügt auf und ab, hin und her, hat keinen Anfang und kein Ende, keinen Ausgangspunkt und kein Ziel (daß Tramper immer irgendwo abfahren und irgendwo ankommen, liegt in der Natur der Sache), stürzt als Wortlawine auf den Leser nieder, der nach Luft schnappt und alsbald die Gefolgschaft verweigert. Sich durch 440 Seiten endloser Paraphrasen, bandwurmlanger, oft nichtssagender Dialoge hindurchzukämpfen, nur um zuweilen einen geglückten Satz, einen schönen lyrischen drive, ein gelungenes Bild zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Man müßte Kirsch auch seinen Detailzwang ausreden und die literarische Lebensintensität a tout prix; nichts erschöpft auf die Dauer mehr als Intensität; auf jeder Seite einmal Lustgewinn, das hält nicht einmal der Rezensent aus. Selbst im Elend ist der Junge noch intensiv und in der Depression kontaktfreudig. Und warum er wohl das modische Sexualklischee (auf jeder Party einmal eine Orgie) so ausdauernd gebraucht? „Die Liebe, die überall gemacht wurde, wirkte anstekkend auf mich", bekennt sein Erzähler in herzzerbrechendem Deutsch.
Die gehetzte, vokabelreiche Sprache ist im übrigen genauso ungleich und ungeschliffen wie die anderen Formelemente. Durchsetzt mit Amerikanismen, gibt sie zuweilen Gemeinplätze als Funde und Vulgaritäten als Erkenntnisse aus, verweilt am besten ganz einfach bei einem lyrischen Bild („vor Valencia hing der Geruch von Apfelsinen in der Nacht"), wird manchmal grundlos ordinär manchmal manieriert („Sie ist eine Ophelia, aber ihr Gesicht müßte sich in der Kühlerhaube eines Studebakers spiegeln").
Das Fazit — offene Möglichkeiten. Vielleicht hätte man aus diesem Monstrum zehn Kurzgeschichten machen sollen; vielleicht einen Roman von 150 Seiten Länge; vielleicht sollte Kirsch mit größeren Arbeiten noch warten.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



