Gemeinschaftskunde ist Unfug
Begründete Warnungen vor einem neuen Super-Monster-Fach unserer höheren Schulen on ursen K.enipski
TVTach der Saarbrücker Rahmenvereinbarung der - Kultusminister soll auf der Oberstufe der höheren Schule (von Unterprima an?) ein neues Fach „Gemeinschaftskunde" eingeführt werden. Die bisherigen Fächer „Gesdrchte" und „Erdkunde" sollen in diesem neuen Fach aufgehen. Die Bedeutung, die dem Fach zugemessen wird, ergibt sich daraus, daß ihm anscheinend fünf Wochenstunden zugewiesen werden sollen.
Die Gemeinschaftskunde soll offenbar einen Teil — und wohl den wichtigsten Teil — der politischen Erziehungsarbeit an den höheren Schulen darstellen. Sie soll die Geschichte des 19 und 20. Jahrhunderts behandeln. Dabei sollen, nach der Rahmenvereinbarung, geologische (gemeint sind wohl geographische), staatsphilosophische und soziologische Gesichtspunkte zu ihrem Recht kommen.
Es scheint die Absicht zu sein, ein Fach zu schaffen, das die Schüler befähigt, als urteilsfähige Staatsbürger in das aktive Leben einzutreten. Man geht auch wohl nicht fehl in der Vermutung, daß man durch das neue Fach dem sogenannten gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht in der Zone ein Gegengewicht entgegensetzen möchte.
Nun sei zunächst auf folgendes hingewiesen. Der Name „Gemeinschaftskunde" ist offenbar für das angestrebte Fach durchaus unangemessen. Eine „Kunde" ist eine systematische Ordnung und Darreichung von Fakten. Eine solche hat ihren Platz auf unseren höheren Schulen vor allem auf der Mit dem neuen Fach wird aber offensichtlich nicht in erster Linie angestrebt, mehr neue Fakten als früher zu vermitteln, sondern: den alten historischen Stoff in gesteigertem Maße und unter neuen und verschiedenen Gesichtspunkten geistig zu durchdringen.
Voraussetzung der geistigen Durchdringung eines Stoffes ist, daß man über das nötige Instrumentarium an Begriffen verfügt. Ein solches Instrumentarium liefert eine theoretische Disziplin oder, wo, wie etwa im Bereich der politischen Historie, eine solche nicht oder noch nicht vorhanden ist, eine tradierte und verfeinerte begriffliche Kultur. Beides wird dadurch erworben, daß man einige Jahre die betreffende Wissenschaft studiert hat. Es hat daher seinen- guten Sinn, daß bisher hinter jedem auf der höheren Schule gelehrten Fach eine wissenschaftliche Disziplin stand, in der der betreffende Fachlehrer ausgebildet worden war. Man muß bezweifeln, ob „hinter dem neuen Fach „Gemeinschaftskunde" noch eine solche Disziplin steht. Es scheint, daß die Kultusminister an die neuerrichteten Lehrstühle für Politik (politische Wissenschaft, wissenschaftliche Politik, Politologie) denken.
Dazu sei kurz folgendes gesagt: Die Errichtung von Lehrstühlen für die Behandlung eines Themas schafft noch keine eigenständige wissenschaftliche Disziplin. Zwar gibt es nicht in Deutschland, aber anderswo Ansätze zu einer Disziplin, die sich mit der Politik in einer ähnlichen Weise befaßt wie die theoretische Ökonomie mit der Wirtschaft; aber da zu der Beschäftigung mit diesen Dingen, nicht anders als bei der theoretischen Ökonomie, eine gewisse mathematische Schulung Voraussetzung ist, so kann man wohl nicht erwarten, daß diese Ansätze bei uns von Juristen und Historikern so bald aufgenommen werden.
Das Fach „Gemeinschaftskunde" findet daher keinerlei Stütze an den bestehenden Lehrstühlen für die sogenannte Wissenschaft von der Politik, da diese, so wie die Dinge heute in Deutschland liegen, ihre begriffliche Ausrüstung entweder von der Historie oder vom öffentlichen Recht bezieht. Demgegenüber beruht der sogenannte gesellschaftswissenschaftliche Unterricht in der Zone auf der harten marxistisch leninistischen Theorie. Mag diese so falsch sein, wie sie will, sie liefert dem Unterricht das nötige begriffliche Instrumentarium. Im Hinblick auf die Soziologie wäre zu sagen, daü wir da gegenwärtig einen starken Trend zur enwirischen Forschung haben, aber die begrifflichtheoretische Durchbildung des Stoffes noch überaus problematisch ist. Laien in der Soziologie, wie es iie vorhandenen Lehrer für das Fach „Gememsdufrskunde" ja fast durchweg sein werden, zu ermuntern, ihren Stoff soziologisch zu durchdringer, läßt sich kaum verantworten. Für eine Erteilung von Geschichtsunterricht „in soziologischer SICH" fehlt schlechterdings jede Vorausetzung. Es kommt hinzu, daß die sogenannte historische Soziologie, die sowieso mehr geschichtsphiloiSOphischer Art ist, in Deutschland nur noch von einigen alten Herren vertreten wird, während die jüngeren Soziologen durchweg recht spezialisiert sinl.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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