Ist Macmillan müde?
EW, London, im Februar s taugt nichts, heute pessimistisch zu sein, ein paar Tage später optimistisch, und dazwischen unentschlossen Ob nun der konservative Abgeordnete Sir Harry Legge Bourke mit seiner Ansicht, daß Harold Macmillan jetzt zurücktreten sollte, allein steht oder nicht — dieser Satz, den er vor zwei Wochen aussprach, hat vielen Engländern eingeleuchtet.
Man braucht also nicht ein so einfacher, um nicht zu sagen simpler Mann zu sein wie Sir Harry, um Macmillans Führung gegenwärtig schwankend und unentschlossen zu finden. Das soll nicht heißen, daß Sir Harry der Sprecher einer konservativen Revolte war. Er hat in zwei Reden, in denen er den Premierminister zum Rücktritt aufforderte („Gute Generale sind jene, die wissen, wann sie sich zurückziehen sollen" mit keinem seiner Fraktionskollegen abgesprochen. Er ist ein reaktionärer Draufgänger, für den Zionismus zur Zeit der Palästina Krise gleichbedeutend war mit Bolschewismus und die britische Räumung von Suez mit Verrat. Aber er war immerhin — bis er jetzt selbst zurücktrat — der Vorsitzende des konservativen Fraktionsausschusses für Verteidigung, und er ist Exekutiv Mitglied des 1922 Komitees, das seit langem konservative Politik entscheidend mitgestaltet. Sicherlich darf man ihm getrost glauben, wenn er sagt, er wisse, daß viele seiner Parteifreunde seine Meinung teilen.
Natürlich wurde der Angriff auf Seiten der Labour Party sofort aufgegriffen, und Gaitskell sprach am Wochenende; von der Regierung als von „müden, starrköpfigen Männern, die wissen, daß alle ihre Quacksalbereien versagt haben, die aber weder den Mut noch die Energie haben, ihren Kurs zu ändern". Auch in der konservativen Presse wird nicht geleugnet, daß die Regierung Ermüdungserscheinungen zeigt. Macmillans Versuche anno dazumal, außen- und weltpolitisch eine entscheidende Rolle als ehrlicher Makler zwischen West und Ost zu spielen, sind längst abgeschrieben. Seine EWG Politik ist im Lande, milde ausgedrückt, umstritten; sie mag sich sehr wohl als eine große historische Tat herausstellen, mit der er sich sein eigenes Denkmal baut — aber es ist fraglich, ob er selbst je die Zinsen einheimsen wird. Die bitter umkämpfte Frage der Zentralafrikanischen Föderation macht — neben manchen anderen — den Kontinent, den man höflicherweise nicht mehr den dunklen nennen darf, doch von London aus gesehen zu einein dunklen Kapitel.
Zu all dem kommt die Tatsache, daß die Rederungsarbeit heutzutage an die körperliche Widerstandskraft unvergleichlich viel größere Anforderungen stellt als früher. Auch das von Macmillan eingeführte Prinzip der Doppelbesetzung gewisser Ministerien hat da nicht genügend Abhilfe geschaffen. Und so kann etwa der liberale „Guardian" schreiben, daß „diese Regierung ge nauso wie ihre Vorgänger von den Ereignissen dahingeschleppt wird, anstatt sie vorauszusehen " Es besteht aber nicht die geringste Wahrscheinlichkeit, daß Macmillan daran denkt, Neuwahlen vorzeitig auszuschreiben — so wie Attlee es 1951 tat, dessen Regierung man damals auch Amtsmüdigkeit vorwarf. Macmillan, der gerade 69 Jahre alt wurde, ist bei bester Gesundheit. Und außerdem: die vier oder fünf konservativen Minister, die zu verschiedenen Zeiten als mögliche Nachfolger Macmillans genannt wurden, stehen heute alle mit etwas ramponierter Reputation da; keiler eignet sich für die Hauptrolle.
Schließlich hatte Attlee damals — 1951 — auch nur eine Parlamentsmehrheit von acht Sitzen. Macmillan aber verfügt über 106 Sitzen; und das ist das Müdigkeit.
eine Mehrheit von beste Mittel gegen
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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