Karajans einsame Entschlüsse
Ein prominenter Posten ist vakant — und die Gerüchte kreisen, kreisen, kreisen / Von Otto F. Beer Wien, Mitte Februar
Vo viele Anhänger hat Karajan noch nie besessen als seit dem Tag, da er in Wien seine Demission angeboten hat. Das technische Personal der Staatsoper, das ihm noch vor wenigen Monaten einfach das Licht abgedreht hat, weil er die Probenzeit zu überschreiten wagte, macht plötzlich einen Sitzstreik, um seine Sympathie mit dem grollenden Maestro auszudrücken, und weiß sich darin eines Sinnes mit dem künstlerischen Personal, das gegen den Mangel echter Ensemblepflege an der Wiener Staatsoper mit Recht manch bewegte Klage geführt hat. Ein Wiener Boulevardblatt, das dem Opernchef seit längerer Zeit die Freundschaft aufgekündigt hatte, spielt über Nacht die gekränkte Tonart „Unser Karajan!", und all die braven Bürokraten, die wacker mitgeholfen hatten, Mißverständnisse noch mißverständlicher zu machen, sehen sich verblüfft einem Siebenmillionenvolk enragierter Karajanisten gegenüber.
Der Konflikt, der diese späte Blüte zeitigte, hatte von Anbeginn her eine Schlagseite zur Groteske. Als Karajan im Herbst seinen Nibelungenring ansetzte, ging alles gut bis zur Walküre. Aber beim „Siegfried" brach jener unselige Arbeitskonflikt dej technischen Personals los, in dem es um die 45 Stundenwoche und die Verweigerung von Überstunden ging. Brünhild entschlief sanft, aber bis heute gab es keine „Siegfried" Vorstellung, in der sie hätte wieder erwachen können, denn die Männer, welche die Waberlohe regieren, machten Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, kamen, als die Verhandlungen schon schwierig genug waren, plötzlich mit der Forderung nach einer 25prozentigen Gehaltsaufbesserung (die den Entgang der nunmehr nicht geleisteten Überstunden wettmachen sollte) und äußerten neuerdings sogar, sie wollten „italienische Verträge" gleich jenen Wiener Opernstars, die zwischen der Ringstraße und der Scala zu pendeln pflegen. Im Verlauf dieser oft recht rüden Auseinandersetzungen gerieten alle Planungen der Bundestheater ins Wanken. Karajan mußte seinen ganzen Jahresplan umstoßen, das Burgtheater auf eine interessante Raimund Neuinszenierung verzichten, weil Kokoschkas diffizile Bühnenbilder unmöglich ohne Überstunden herzustellen waren, Die Staatsopernpremiere von „Pelleas und Melisande" mußte gleichsam hintenherum ins Repertoire eingeschmuggelt werden, und im Burgtheater mußte man den „Idealen Gatten" vor Vorhangdekorationen spielen (was übrigens gar nicht schlecht aussah). Versuche zur Beilegung wanderten auf die höchste Ebene und von dort wieder zurück, Minister und Gewerkschaftspräsidenten gastierten darin kurzfristig, und sicher hätte diese Anarchie noch lange angehalten, wenn sich nicht plötzlich ein Schreckgespenst am Horizont gezeigt hätte: wenn es keine Überstunden gebe, würde man den Opemball nicht abhalten können! Das brachte alle Schutzengel der Kultur auf die Beine. Daß es in Wien keinen Nibelungenring und keine shakespearschen Königsdramen, keine Kokoschka Dekorationen und keine Opern Neuinszenierungen geben sollte, hatte man höheren Orts mit Gelassenheit hingenommen. Daß man aber am 1. März nicht die mehr oder weniger neuen Orden vor den staunenden Gästen des Opernballs präsentieren sollte — diese nationale Katastrophe wollte man unbedingt hintanhalten. Neuigkeitshungrigen Journalisten bedeutete man, es werde schon alles ins Lot kommen und die Ministersgattinnen hätten jedenfalls die Aufträge für ihre Ballroben nicht storniert. Die Fronten wurden aufgeweicht, ein Kompromiß bahnte sich an. Karajan versprach seinem technischen Personal, er werde sich bis zur letzten Konsequenz für eine befriedigende Lösung einsetzen, und niemand dachte sich bei dieser „letzten Konsequenz" etwas Böses. Die Bundestheaterverwaltung hatte ihn zu solcher Fühlungnahme ermächtigt, und als er mitten im spannendsten Augenblick einen Skiurlaub antrat, brachte sie die Sache selbst ins Reine. Bei einer Urabstimmung über das Kompromiß verließen zwar zweihundert Mann des Opernpersonals den Saal, aber auch wenn sie dagegen gestimmt hätten, wäre eine Zweidrittelmehrheit für den Lösungsvorschlag zustandegekommen.
Als in diesen Tagen das „Neue Österreich" meldete, Karajan trage sich mit Rücktrittsabsichten, nahm niemand diese Nachricht ernst. Wenn Karajan nicht abgedankt hatte, als man ihm einfach das Licht abdrehte und alle Pläne zunichtemachte — warum sollte er solche „letzte Konsequenzen" ziehen, bloß weil nun die Verwaltung an seiner Stelle die Lösung des unseligen Konflikts zustandegebracht hatte? Dennoch geschah das Unwahrscheinliche: Der Opernchef kehrte für wenige Stunden aus seinem Winterurlaub zurück, überreichte seine Demission, weil man hinter seinem Rücken die Verhandlungen zu Ende geführt habe, und reiste auf der Stelle wieder in die Schweizer Berge. Zu einer Pressekonferenz, die binnen zwei Stunden einberufen worden war, erschien er nicht einmal mehr persönlich, sondern ließ nur seinen Absagebrief verlesen. Es dauerte keine zehn Minuten.
Gewiß bedeutet Karajans Absage an Wien einen schweren Verlust für das Haus, dem er in fünf Jahren Arbeit Glanz verliehen hat. Aber war die
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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