Kleiner Kunstkalender
BASEL (Galerie Beyeler): „Rouault"
Rund fünfzig Werke von Georges Rouaulf Ölbilder und Aquarelle aus dem Besitz der Galerie und aus Privafsammlungen, dazu Bilder aus dem Nachlaß, die noch nicht ausgestellt waren, sind bis Ende März bei Ernst Beyeler zu sehen. Frühe Aquarelle aus den Jahren 1905 bis 1910: Damen, Tänzerinnen, Clowns — Pariser Vorsfadfmilieu, grotesk und düster wie bei Daumier, gewagt und locker wie bei Toulouse Lautrec, aber trotz solcher Assoziationen unverwechselbar Rouault, der junge Rouault, der durch die Pariser Vorstadt, durch die Vorhölle irrt (ohne die Frivolität des Toulouse, ohne den sozialen Furor des Daumier), der das Böse, das Entstellte traurig und erstaunt zur Kenntnis nimmt, es nicht anprangert und nicht verherrlicht, aber aus dem elenden Schwarz und Grau die glühende Leuchtkraft gotischer Kirchenfenster, eine mystische Ekstase herausfilterf. Bei den späteren Bildern Sind zwei Selbstbildnisse, einige „paysages legendaires", eine Herbsilandschaft, ein Emmaus Bild, der „Ecce Homo" von 1952. Rouaulfs Malerei verbindet die düstere Glut der Ikonen, ihre Inbrunst mit den modernen Erfahrungen. Unabhängig vom Thema, auch in der reinen Landschpft, ist er ein religiöser Maler, der gröfjfe in unserem Jahrhundert. Fast alle französischen Maler seines Ranges hat man im Lauf der Jahre in Deutschland gesehen, nur Rouault wurde von den deutschen Museen und Kunstvereinen und sonstigen Instituten übergangen, bis auf die Graphik, das oft gezeigte grofjarfige „Miserere". Wann wird man bei uns endlich auch die Bilder sehen? BERLIN (Nationalgalerie): „SehmkeS" Die Bestände des einstigen Schinkel Museums sind 1959 von der Sowjet Union zurückgegeben worden. Die Nationalgalerie in Ostberlin zeigt — bis Ende Februar — eine Auswahl: 132 Blätter aus einem Bestand von über 4000 Zeichnungen. Karl Friedrich Schinkel (1781—1841) war nicht nur seinem offiziellen Titel nach Preußens Oberiändesbaudirektor, er war der Baumeister Berlins, er hat der Stadt das preufjisch klassizistische Gesicht gegeben. Die meisten seiner Berliner Bauten, das Schauspielhaus am Gendarmenmarkf, das Alte Museum am Lustgarten, die Bauakademie, sind zerstört, die Neue Wache Unter den Linden wurde inzwischen renoviert. In der Ausstellung sieht man die Entwürfe zu den Berliner Bauten, aber auch die Entwürfe und Ideenskizzen, die nie verwirklicht wurden, ein unvergleichlicher Beifrag zum Thema „Phantastische Architektur". Das Klassizistische, die Verwendung antiker Elemente bedeutet nur einen schmalen Sektor für diesen universal planenden Geist. In den frühen Entwürfen dominiert die Gotik — Schinkel hat vor dem Potsdamer Tor einen Gotischen Dom bauen wollen. Nach der Englandreise 1826 entwirft er ein sireng funkfionelles Warenhaus mit moderner Schaufensferfassade. In den letzten Jahren vor seiner geistigen Umnachtung plant er ein Königsschlolj auf der Akropolis und, für die russische Kaiserin, das Marmorpalais Orianda auf der Krim. Der preußische Baudirekfor hafte nicht nur die Phantasie eines Romantikers, sondern eine sehr moderne Vorstellung von der Aufgabe des Architekten, Seinem Begriff nach sei der Architekt nicht nur Baumeister, sondern „der Veredler aller menschlichen Verhältnisse " HAMBURG (Galerie Tillybs): „Kronenberg" „Erinnerung an Fritz Kronenberg" nennt die neue Hamburger Galerie ihre erste Ausstellung (bis Ende Februar). Kronenberg gehörte zu den wenigen deutschen Malern, die mit dem Kubismus etwas anfangen konnten. Er hat keine Äußerlichkeiten übernommen, nur das Prinzip, die verschiedenen Raumebenen für den Aufbau, di e immanente Geometrie. Und er hat das strenge Bildgefüge mit üppigster Natur, mit lebendiger Anschauung aufgefüllt, g s.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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