Lehren aus Parties
| ie Frage, ob man auf eine Party mit oder -- ohne Dame gehen soll, hat für Ehemänner einen mehr hypothetischen Charakter. Eher kann man einen hungrigen Tiger dazu überreden, vorn Verzehr einer rundlichen Antilope Abstand zu nehmen, als eine Ehefrau daran hindern, auf eine Party zu gehen — es sei denn, sie sei krank oder verreist; was an Partytagen selten vorkommt. Die Unverheirateten haben meist eine Dame, Hie sie sowieso haben und die sie deswegen nicht unbedingt auf eine Party mitnehmen müssen, wo sie unter Umständen auf dumme Gedanken und anschließend abhanden kommen könnte. Außerdem aber kennen diese Unverheirateten Damen, von denen sie entweder nichts mehr wollen oder noch nie etwas wollten (was auf Gegenseitigkeit beruhen kann). Diese Damen jedoch wollen auf einmal etwas von ihnen, den Unverheirateten: nämlich auf Parties mitgenommen werden, weil sie hoffen, dort Herren zu treffen, die etwas von ihnen wollen.
Wohin aber mit diesen Damen, wenn sich dort für einen selbst Geleitschutz Möglichkeiten ergeben? Das eine wirklich aufregende Mädchen der Party, von der alle versammelten Ehefrauen in seltener Einmütigkeit festgestellt haben, es sei unerfindlich, was eigentlich alle Männer an ihr finden, wird nämlich seit Stunden von den renommierten Betörern der Party — sagen wir, von einem erlesen gekleideten, dunkelhaarigen Nachwuchsdramatiker mit einem Wechselbad von Charme und dämonischen Blicken — attackiert, wobei der eine zeitweise abgelöst wird vom stadtbekannten Luftikus und Süßholzraspler. Die beiden windigen Gesellen haben es zweifellos und bedenkenlos auf die Tugend des Mädchens abgesehen; sie werden nicht rosten und nicht rasten, bis es einer von ihnen geschafft hat, die Schöne in seinen Sportwagen zu zerren, mit ihr noch einige skandalöse Bars und Kaschemmen aufzusuchen und sie schließlich nach Hause zu bringen, was immer man darunter verstehen mag. Da ist man ja geradezu verpflichtet, das unwissende, kindhafte Geschöpf vor dem Zugriff dieser Unholde zu schützen, sie daher in den eigenen Sportwagen zu lotsen, mit ihr einige skandalöse Bars und Kaschemmen aufzusuchen (das Kind muß das Böse dieser Welt kennenlernen!) und sie schließlich nach Hause zu bringen, was immer man darunter verstehen mag.
Vorausgesetzt, man hat beim Aufbruch nicht feststellen müssen, daß die Dame in Begleitung gekommen war und von dieser nun wieder Gebrauch machen will; dann ist rnan der Gelackmeierte. Nach dem ersten Rundblick, bei dem man auch noch festgestellt haben mag, daß sich — wegen der Zusammensetzung der Gaste und der Getränke — die ganze Party nicht lohnt und man doch lieber zu Hause ferngesehen hätte, muß man sich entscheiden, ob man sofort das ganze Gespräch an sich reißt oder ob man sich damit noch etwas Zeit läßt.
Ich ziehe es gewöhnlich vor, noch ein wenig in der Bibliothek zu schmökern, was den Gastgebern Anlaß zu besorgten „Er ist doch nicht etwa verstimmt -der liebe Wolfgang" Blicken bieten mag. Dabei ergreife ich gern die Gelegenheit, meine Bibliothek etwa durch den „Stiller" oder einen neuen Miller zu ergänzen. Worauf die Gastgeber; die sich während ihrer Party ja nicht mucksen dürfen, anschließend auf die Proust Suche nach ihren verlorenen Büchern gehen.
Will man sich partout von der Party absentieren, kann man sich an den Kühlschrank begeben, wo meist Schätze lagern, die man als Gast sonst nie zu sehen bekommt. Oder man zieht sich mit dem bekannten Historiker in eine Ecke zurück und unterhält sich mit ihm über die Folgen des Siebenjährigen Krieges. Oder mit einem schreibenden Kollegen über FernsehrHonorare.
Will man die ganze Party etwas abkürzen, kann man sich auch mit dem Internisten über die Zusammenhänge zwischen Zigarettenrauchen und Krebs unterhalten, und zwar so laut, daß wirklich alle Gäste etwas davon haben.
Wie lange sie auch dauern mag — auf die müden Augen der Gastgeber, die in der Früh zum Flugplatz müssen, nehme man keine Rücksicht — von einer harten Pflicht kann ich meine Leser nicht entbinden: es gilt, die Party bis zum bitteren Ende durchzustehen. Nicht den letzten beißen die Hunde, sondern die ersten, die die Party verlassen haben. Sie bieten endlich den Gesprächsstoff, der dem Abend so gefehlt hat.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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