Lorbeer - nicht zum Ausruhen

Deutscher Einzelhandel liegt nicht schlecht

Das Vorurteil gegen den Handel dürfte jahrtausendealt sein. Zu allen Zeiten sah man im Handel den „unproduktiven dritten Stand", der den gerechten Preis nur unnütz verteuerte. Der Handel war für viele kurzum ein „soziales Ärgernis". Erst die Handelsbetriebslehre unserer Tage hat gezeigt, daß es nicht genügt, Waren irgendwann und irgendwo zu produzieren, sondern daß sie auch zur richtigen Zeit und am richtigen Ort in reichhaltiger Auswahl zur Verfügung stehen müssen.

Wenn die Kritik am Handel immer wieder auf ein lautes Echo stößt, so liegt das — unabhängig von den überlieferten Ressentiments — auch an einem psychologischen Handikap. Während man nämlich bereit ist, die Kosten der Produktion schon allein wegen der sichtbar vor sich gehenden Veränderungen als werterhöhend anzuerkennen, versagt man dies dem Handel, da seine Leistungen zum größten Teil nicht materieller Art, eben Dienste sind, die sich weitaus schwieriger einordnen lassen.

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Lange Zeit gab es kaum repräsentatives Material über den Vergleich oder die Entwicklung von Handelsspannen, so daß das halbe Wissen über bekannt gewordene Spannen bei einzelnen Artikeln die Verbraucher leicht zu falschen Schlüssen verleitete. Erst in jüngster Zeit haben das Institut für Handelsforschung und das Statistische Bundesamt der Öffentlichkeit umfangreiches Material übergeben, ohne daß dabei allerdings große Sensationen zutage gekommen wären. Einschließlich 4 °o Umsatzsteuer kalkuliert die große Masse des Einzelhandels mit 33Vs °o vom Verkaufspreis; Lebensmittelgeschäfte liegen darunter, einige Branchen mit technischen Artikeln und Kosmetika darüber.

Dieser einheitliche Satz von 33Vs % dürfte darauf zurückzuführen sein, daß Handel und Hand werk jahrhundertelang zunftmäßig reglementiert waren. Gilden, Innungen und die Obrigkeit erließen zahlreiche preisregelnde Vorschriften und erst 1869, mit Einführung der Gewerbefreiheit, wurden die bestehenden Preis- und Absatzbindungen aufgehoben. Der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und die Preisstop Verordnung nach 1933 führten jedoch bald wieder zu behördlichen Eingriffen, so daß dem Handel eigentlich nur wenige Jahrzehnte der freien Kalkulation beschieden waren. Die Kritik an der Handelsspanne muß sich daher vor allem dagegen richten, daß auch heute noch viele Firmen nicht zur individuellen Kalkulation entsprechend der jeweiligen Absatz- und Kostensituation übergegangen ind. Den Verbraucher in der Bundesrepublik dürfte auch eine Untersuchung der volkswirtschaftlichen Abteilung der Belgischen Nationalbank über Einzelhandelspreise und spannen in sechs europäischen Ländern interessieren, die kürzlich veröffentlicht wurde. Die Studie kommt, zu dem Ergebnis, daß die Bundesrepublik hinsichtlich der Preise durchaus günstig abschneidet. Im Gegensatz zu der verschiedentlich vertretenen Meinung liegen auch die westdeutschen Einzelhandelsspannen nennenswert unter denen der Nachbarländer. Es sei nur auf die zwei wichtigsten Artikelgruppen hingewiesen: Bei Lebensmitteln liegen die ausländischen Spannen durchschnittlich um 2 °o und bei Textilien sogar um 5 % höher als die deutschen. Insgesamt kommen die Verfasser des Berichtes zu dem Schluß, daß sich die belgischen, italienischen, niederländischen tmd schweizerischen Handelsspannen etwa auf einer Ebene bewegen und im Durchschnitt über denjenigen Frankreichs und vor allem der Bundesrepublik liegen. Dies sind allerdings keine Lorbeeren, auf denen der Einzelhandel sich ausruhen könnte, denn es gibt — wie gesagt — noch viel zu tun. H.

 
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