"Reche Hand unter der linken Achselhöhle"

G. Z, Karlsruhe Gelassen nahm Valentin Alexandrowitsch Pripoizew seine Strafe an. Der Mitarbeiter des sowjetischen Nachrichtendienstes war wegen versuchter Ausspähung von Staatsgeheimnissen vom Bundesgerichtshof zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Zur gleichen Stunde aber war bekanntgeworden, daß sein großer amerikanischer Kollege, der U2 Flieger Powers, gegen einen ebenfalls auf der Strecke gebliebenen sowjetischen Agenten ausgetauscht werden sollte. Nun gibt es zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik ebenfalls Austauschobjekte, und vielleicht hatte Pripoizew die Hoffnung, in den üblichen Ringtausch verurteilter Nachrichten Agenten einbezogen zu werden — auf jeden Fall schien er von seiner Strafe kaum beeindruckt.

Auch die sowjetischen Journalisten, die an der Verhandlung gegen ihren Landsmann teilnahmen, zeigten sich schon nach wenigen Prozeßstunden nicht mehr sonderlich interessiert. Die für sie reservierten Plätze waren bald verwaist. Die nüchtern sachliche Atmosphäre im Bundesgerichtshof konnte f ü r - die Berichterstattung der Moskauer Korrespondenten — durch großangelegte SowjetSchauprozesse verwöhnt — nicht sehr anregend wirken. So beschränkte sich Tass Korrespondent Borissow darauf, nach Moskau zu telephomeren, daß die ganze Anklage absurd, alles ein „provokatorisches Vorhaben, ein Akt unzulässiger Willkür der westdeutschen Behörden" sei. Das Ziel sei klar, meldete Borissow aus Karlsruhe: „Eine Anheizung der Psychose und eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion " Die Sowjet Journalisten schrieben auch, von „grober Verletzung des Völkerrechts und der zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR abgeschlossenen Verträge". Sie unterließen es freilich, diese Verträge zu zitieren, denn darin wird ausdrücklich nur dem Leiter der sowjetischen Handelsvertretung in Köln und dessen drei Stellvertretern der diplomatische Status und damit die Immunität zuerkannt. Von Pripolzews Treiben in der Bundesrepublik wurde in den sowjetischen Presseberichten nichts erwähnt. Und damit wurde nicht nur der Kern des Prozesses, sondern auch eine filmgerechte Spionage Story den Sowjet Lesern vorenthalten.

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Da kam also der Spion Pripoizew, getarnt als Mitarbeiter der Handelsvertretung, vor zwei Jahren nach Köln am Rhein und begann seine Tätigkeit: Er kontrollierte seine Mitarbeiter. Den einen hatte er für die Weiterleitung des geheimen Briefverkehrs eingesetzt. In Parkanlagen waren „tote Briefkästen", also Verstecke für die Geheimdienstpost, angelegt. Wenn Punkt 13 00 Uhr am Fenster des Büros seines „Mitarbeiters" der Vorhäng halb zugezogen war, dann bedeutete - das für Pripoizew, daß im Versteck Nr l Post niedergelegt war; ein ganz zugezogener Vorhang machte ihn auf das Versteck Nr. 2 aufmerksam.

Auf dieses muntere Spiel mit den Vorhängen waren die Agenten verfallen, nachdem sich ein Helfer Pripolzews über die vorherige Methode bitter beschwert hatte. Zunächst nämlich sollte er mit Kreidestrichen auf einer Parkbank Nachricht geben, wenn im „toten Briefkästen" Material hinterlegt war. Diese Methode aber brachte ungeahnte Schwierigkeiten mit sich. Noch in der Verhandlung beklagte sich der Postlieferant: „Ich konnte doch nicht die Menschen von der Parkbank jagen, um meine Zeichen anzubringen " Auf gefährliche Situationen war man gut vorbereitet. An einer bestimmten Stelle an einer Brücke in Köln Deutz sollte ein großes „G" warnen, wenn etwas mulmig war. Für den Fall, daß Pripoizew verhindert war und einen Vertreter zu einem Treffen schicken mußte, hatte man sich einen besonderen Spaß ausgedacht: Abgesehen von der für Geheimdienste als Erkennungszeichen anscheinend obligatorischen Zeitung unter dem Arm, sollte der Pripolzew Stellvertreter die Kontrollfrage stellen: „Entschuldigen Sie, Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Spielten Sie nicht im 1. FC Köln?" Und die Antwort mußte lauten: „Nein, ich spielte in der Universitätsmannschaft von Wien Bei unvorhergesehenen Komplikationen sollte die „rechte Hand unter der linken Achselhöhle" auf Gefahren hinweisen.

Dem Ingenieur und Fachmann für Schwermaschinenbau Pripoizew muß das Agentenleben ins der frohsinnigen Stadt am Rhein außerordentlichen Spaß gemacht haben. Während er der Verhandlung meist mit unwirschem Gesichtsau sdruck: folgte, wurde er immer dann heiter und ausgelassen, wenn bei der Zeugenvernehmung das Gespräch auf die munteren Zechtouren durch das Kölner Nachtleben kam. Offensichtlich erinnerte er sich gern der Stunden, da der Wodka reichlich floß — auf Spesen versteht sich. Anlaß dazu gab es offenbar häufig, und die Zeugen hatten Pripoizew, den großzügigen Gastgeber, in bester Erinnerung.

Den Ernst der Verhandlung und die offizielle sowjetische Version, daß dieser Prozeß nichts weiter als eine „Provokation" sei, vergessend, schüttelte sich Pripoizew vor Lachen, als eine Zeugin die Frau, mit der er in Köln zusamm en lebte, zehn. Jahre zu jung einschätzte. Auch als die Sprache darauf kam, ob diese Frau, wie von den Zeugen allgemein angenommen, tatsächlich seine angetraute Ehefrau sei, schmunzelte Pripoizew genießerisch. Die Frage indes blieb ungeklärt. Frauen und muntere Nächte in Kölner Lokalen — das waren auf jeden Fall die einzigen Themen, die ihn aus seiner brummigen Reserve herauslocken konnten. Man mußte den Eindruck gewinnen, daß er noch lange an das lustige Agentenleben in Köln zurück denken wird.

Daß dieses Spiel von Anfang bis zum Ende nacH bewährtem Spionageklischee verlief, lag nicht zuletzt an Pripolzews Gegenspieler, dem Manne, der vom Bundesamt für Verfassungsschutz auf den sowjetischen Handelsmann angesetzt worden war. Nachdem der „Flugwelt" Redakteur Heckmann mit Pripoizew beruflich bekannt geworden war und schon bald Verdacht schöpfte, daß es dem Ingenieur weniger um den deutsch sowjetischen Handel, als um das „Starfighter Programm" der Bundeswehr ging, besorgte er gemeinsam mit der Abwehr Pripolzews Entlarvung mit dem Eifer eines Amateur Detektivs. Wie Sherlock Holmes verfolgte er sorgfältig, wie sich Pripoizew langsam von unverbindlichen Informationen über die internationale Luftfahrt zu unverblümten Wünschen nach Geheimmaterial vortastete.

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