Richtung Zukunft
t ine seÜsame Umkehrung kündig! sich an: ™" Die Menschen haben sich stets vor dem „Fluch der Armut und der Arbeit" gefürchtet. Jetzt beginnen sie, den „Fluch des Reichtums und des Müßiggangs" zu fürchten. Wir sind auf dos „Goldene Zeitalter" nicht vorbereifet.
Selten ist diese Perspektive so klar aufgezeichnet worden wie in der 48seiiigen Studie des amerikanischen Soziologen Donald N, Michael, die den etwas melodramatischen Titel trägt: „Kybernafion — die lauflose Eroberung". Für die Seriosität der Arbeit bürgt, daf; sie vom „Fund for the Repubiic" in Auffrag gegeben und herausgebracht wurde, einer in Santa Barbara (Kalifornien) arbeitenden Studiengruppe unter Leitung von Rektor Robert Huchins, die sich darum bemüht, durch rechtzeitige Entlarvung jene Gefahren zu entschärfen, die der geistigen und politischen Freiheit drohen.
In der „Kybernation", das heifjt der fortschreitenden Automatisierung und Mechanisierung nicht nur körperlicher, sondern auch mancher geistiger Arbeitsvorgänge, sieht der amerikanische Gelehrte ein Problem, das mit unheimlicher Geschwindigkeit auf uns zukommt. Schon habe die Automatisierung in Bergwerken, Fabriken und Hafenanlagen Zehntausende arbeitender Hände ersetzt. Nun dringe sie unaufhaltsam in die Gefilde der Angestellten ein, und bald werde sie sogar die meisten „mittleren Manager" arbeitslos machen, denn „es werden Maschinen vorhanden sein die so gut nachdenken können wie die meisten durchschnittlichen Leute, die dazu da sind, ihren Verstand zu gebrauchen " Die Liste kommender Nöte, die Michael als Folge radikaler Arbeitszeitverkürzung entwirft, ist eindrucksvoll: Jugendverwahrlosung durch Mühiggang, Familienschwierigkeiten (weil die Männer statt zu arbeiten, sich stunden- oder tagelang im Hause herumdrücken und ihren Frauen „auf die Nerven gehen"), Verlust des demokratischen Bewußtseins und der individuellen Freiheit in einer Gesellschaft, die nach den Edikten „besserwissender" elektronischer „Regierungsrriaschinen" gelenkt wird, Absinken der Kaufkraft groher Schichten bei steigender Produktion, daher öffentliche Arbeiten zur Bekämpfung der Unterbeschäftigung und wachsende „Vermassung". Schließlich „aus purer Frusfation": ein Verzweiflungskrieg, der zwar offiziell gegen einen „äuheren Feind" geführt wird, in Wahrheit aber die Welt der perfekten Automatisierung und Mechanisierung in die Luft sprengen will. Michael weist sicher den richtigen Weg, wenn er als wichtigstes Mittel gegen solche Entwicklungen vorschlägt, sofort ein großzügiges Erziehungsprogramm in die Tat umzusetzen. Denn eine Möglichkeif, den Marsch der Automation aufzuhalten und die Uhr zurückzustellen, sieht er nicht.
Allerdings müßte eine solche geistige Massenerweckung rechtzeitig beginnen. Menschen, die an Dichtung, Kunst und Wissenschaft interessiert sind (und nicht nur als passive „Konsumenten", sondern als aktive, weiterdenkende Persönlichkeiten) kann man vermutlich weniger schnell „herstellen" wie die fortgeschrittenen kybernetischen Geräte, die schon in zehn bis zwanzig Jahren zur Verfügung stehen dürften. Es isf also eher zu spät als zu früh wenn man sich an die Bekämpfung eines heute schon weiterverbreiteten, morgen aber vermutlich sich katastrophal auswirkenden geistigen Pauperismus machen will. So könnte vielleicht noch verhindert werden, was die deutsch amerikanische Philosophin Hannah Ahrendf als das vermutliche Schicksal des modernen „animal laborans" geschildert hat, des Menschen, der „schließlich in der tödlichsten sterilsen Passivität enden wird", weil er vergessen hat, daß es für ihn einen höheren Sinn als die Erwerbsarbeif gibl.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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