Ruhe ist die erste Dichterpflicht

Ein bayerischer Oberstudienrat stellt sich dem „Zivilisationssog" entgegen / Von Heinz Martius

An dem neuerlichen Elaborat des bayerischen Oberstudienrats Georg Ried: „Weltliteratur unserer Zeit"; LurzVerlag, München; 242 S, 5 80 DM ist sehr vieles fragwürdig. Fragwürdig ist die durchgehende scharfe Trennung zwischen Kultur und Zivilisation, noch fragwürdiger die simple Qualifizierung: Kultur sei gut, Zivilisation sei böse; am fragwürdigsten jedoch ist die weltanschaulich moralische Zensierung aller modernen Dichter. Ried hat von vornherein etwas gegen die „unruhige", „neue Wege suchende" „Moderne"; er bevorzugt „ruhige", von ihm selbst „konservativ" genannte Dichtung. Da auch Wörter wie „gesund", „optimistisch", „kraftvoll", „naturhaft" auf der einen Seite, und „überfeinert", „nihilistisch", „Intellektualismus", „krankhaft" auf der anderen immer wieder vorkommen, fühlt man sich an die nationalsozialistische Terminologie und ihre Unterscheidung von „gesund" und „entartet" erinnert. Der „Aufbau" ist eine Art Zerrbild der Danteschen Wanderung: Aus dem „Inferno" der Zivilisationsdichter über die „ur" kräftige „Heimatdichtung" geht es zu einer Dichtung, die „Antwort aus Erbe und Glauben" gibt. Alles schreckliche Vereinfachungen, die durch keine „pädagogischen" Gründe gerechtfertigt werden können. Freuen werden sich über das neue Opus nur diejenigen, die sich in ihrem generellen „Unbehagen an der Moderne" bestätigt sehen wollen.

Geschickt versteht es Ried, „kulturkritische" Zitate zu häufen. Mit ihrer Hilfe entrollt er zunächst ein apokalyptisches Monumental Gemälde der „säkularisierten" Welt in ihrer „Dauerkrise". Die Obergangszeit unserer Epoche, ihre „bösen", „weltzugewandten" Dichter werden so charakterisiert: Leere, Chaos, apokalyptische Ängste, heillos, entseelt, negativ, verlorenes Ich, Auflösung, Zerbrechen, Zerrissenheit, Zerfall, Verfall, Pessimismus, gärende Unruhe, Überzüchtung, Brüchigkeit, Verzärtelung, Unrast, Säkularisierung, Gerumpel der Zivilisation, Intellektualismus und immer und immer wieder: Nihilismus, nihilistisch, Nihilist.

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Auf der anderen Seite stehen die „nicht nihilistischen" Dichter, die „nicht den Tiefen des Daseins entfremdet" sind, die „noch aus einem kosmischen Grundgefühl leben"; ihr Werk ist urwüchsig, naturverbunden, bodenständig, kraftvoll, männlich, schlicht — gesund, konservativ, optimistisch, immer wieder optimistisch.

Unter den „ausgeprägten Vertretern einer Literatur der Auflösung bisher gültiger Formen, Inhalte und Sichten" ist als erster Andre Gide genannt. Er zeigt „den Reiz, aber auch die Schwäche überzüchteter Geistigkeit"; „er schleppt das bedrückend Hilf- und Ratlose eines Intellektuellen mit sich, der zwar reich an Lichtern, aber arm an Licht ist, weil er seine Hoffnung als radikaler Individualist ausschließlich auf Äen gebrechlichen Menschen setzt. Seine „Werke spiegeln Unruhe wider". Ja, „man kann in ihm geradezu den Typ des Nonkonformisten sehen". Von Gides Tagebüchern, von seinem brieflichen Dialog mit den großen Zeitgenossen darf die Jugend nichts erfahren „Die Heimkehr des verlorenen Sohnes" oder der „Theseus" sind nicht erwähnt, wohl um die jungen Leute nicht zu beunruhigen. An späterer Stelle ist nur noch einmal lapidar von dem „unruhigen Andre Gide" die Rede.

Auch Elisabeth Langgässer muß im DichterInferno verbleiben. Zwar attestiert ihr Ried eine „durchaus bejahende, christlich katholische Gläubigkeit" „Dennoch", so heißt es weiter, „strömt ihr Werk mehr Unruhe als Geborgenheit aus " Und auf Ruhe und Beruhigung kommt es Ried immer wieder an. Ruhe ist die erste Dichterpflicht! Selbst die Aufschließung Japans für die Fremden im letzten Jahrhundert war „für die Dichtung sehr beunruhigend" „Sie geriet in Unsicherheit", und das darf nicht sein. Auch bei der japanischen Dichtung tadelt der Pädagoge die „städtische Überzüchtung" und den „barbarischen Zivilisationsembruch", Die arabische Lyrik bekommt eine bessere Zensur: „Sie ist in den Strom einer ungebrochenen Überlieferung eingefügt. Revolutionäre Einbrüche haben sie nicht beunruhigen können Und das beruhigt unsere Jugend sicherlich ungeheuer. Wie gut, daß es als Leitbild einen Knut Hamsun gibt! Er „ist vor allem der große Hasser der Zivilisation „Er zeigt den zersetzenden Einfluß des Neuen und heimatlos Unruhigen " Oberstudienrat Ried stellt den Dichtern auch noch eine andere Aufgabe: sie müssen Antwort geben auf die Fragen (der Menschen, der Zeit). Da steht es klipp und klar: „Jede echte Dichtung ist nicht nur eine Frage, sondern auch eine Antwort. Wie schade aber, daß Ried anscheinend nur beruhigende, optimistische Antworten gelten läßt. Negativ werden daher gekennzeichnet: James Joyce mit seinem „metaphysischen Nihilismus"; Marcel Proust, der Empfindsame, Überfeinerte, weltanschaulich Gleichgültige; Virginia Woolf, die Feinnervige und allzu Literarische. Nach kurzer Erwähnung von Musil und Brach heißt es: „Einer Gruppe anderer Dichter brennt diese Frage (an de Zeit) auch in der Seele. Aber sie leiden nicht so sehr; sie entlarven und stellen bloß In diese Gruppe reiht er ein: Shaw, Anouilh, ONeill, Snclair Lewis, Hemingway, Dos Passos, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Huxley, Orwell, Wells. Die also „leiden nicht so sehr"! Thomas Mann wird wenigstens bescheinigt, daß ei nicht Gides „flackernde Unruhe" hat, daß er „größere Gelassenheit" zeigt, „Abstand" und „iberlegene Ruhe". Doch gemach! Thomas Mann steht ja unter dem Etikett „Prisma der Verfallsk:itik"; so muß es am Ende denn heißen: „Zu skhtender Schau aber oder gar zu ordnender Struktur und zündendem Aufruf hat er nicht gefunden " Natürlich wird auch Sartre abwertend beurteilt. Dennoch widmet man ihm einige Seiten; denn immerhin „hat er in einer gottlosen Zeit viele Hörer gefunden". Wie so mancher Kritiker des Existentialismus und seines angeblichen Nihilismus btgnügt sich unser Zensor, die Symptome festzustellen, aber er legt nicht die geistigen Ursachen frei. Sartres Existentialismus ist auf jeden Fall „negativ"; denn „seine Einwände gegen den Vorwurf, daß er ein Nihilist sei, klingen nicht überzeigend. Immerhin hat er darzutun versucht, daß in der Möglichkeit der Selbstentscheidung gerade du Würde des Menschen liege „Immerhin " welch großzügige Einräumung! Um aber Sartre dei tödlichen Schlag zu versetzen, heißt es am Ende: „Dem Weltkommunismus gegenüber nimmt er eine mindestens fragwürdige Stellung ein " Merkwürdig ist, daß jede Spur einer marxistischen oder bolschewistischen Ideologie aufgespürt und untersucht, dagegen vom faschistischen oder nationalsozialistischen „Geistesgut" viel vorsichtiger gesprochen wird. So ist etwa „Lorca von Falangisten erschossen worden", „tragiscHes Opfer menschlicher Verblendung auf beiden Seiten". Das Kriterium des dichterischen Ranges gilt bei Rieds weltanschaulich gefärbter Schau nur wenig. Verräterisch ist da die Zusammenstellung der einzelnen Dichter. Ist schon die Folge Kafka, Wolfgang Bordiert, Julien Green, Pirandello sehr buntgewürfelt, um wieviel mehr ist es die gleichmäßig kurze „Erledigung" folgender Autoren in folgender Reihenfolge: Emil Strauß, Wiechert, Schäfer, Flake, Thieß, Stefan Zweig, Hesse, Döblin, Werfet, Hofmannsthal, George, Rilke? Wie soll der junge Leser hier Bedeutendes und Unbedeutendes unterscheiden? „Positiv" ist für Ried anscheinend nicht der humanitäre Pazifismus eines Rolland und Stefan Zweig, „positiv" auch nicht Remarques Kriegsroman „Im Westen nichts Neues", der „stark pessimistisch" und „sensationell wirkend" ist, während „Walter Flex den Sinn des Krieges idealistisch zu deuten versuchte". Mit Erleichterung vermerkt Ried, daß „seit der Korea Krise" die negative Bewertung des Krieges in der US Literatur wieder in eine positivere umgeschlagen ist! Nicht verwunderlich, daß Ried im „Sozialistischen Realismus" der Sowjetliteratur „auch positive Ansätze" sieht: „Das Verlangen nach Natürlichkeit, Einfachheit und Lebenswahrheit, das Schöpfen aus gesunder Volkskraft, aus kampffrohem Optimismus, aus ungebrochenem Lebensgefühl. Das alles steht in bemerkenswertem Gegensatz zu manchen neurotischen (übernervösen) Erzeugnissen der westlichen Literatur, die oft allzusehr angekränkelt ist von des Gedankens Blässe, von Leere, Lebensangst und zersetzendem Nihilismus " Da haben wir wieder Rieds ganzes Inventar. Ein Glück für ihn ist, daß es auch außerhalb Sowjetrußlands „optimistische" Dichter gibt. Mit ihnen krönt er sein Werk; denn „die Kraftfuellen strömen noch, an denen sich das menschiche Herz in trüber Zeit aufrichten kann". Was sind das wohl für „Kraftquellen"? Zum Beispiel Thornton Wilder, der 1957 den „Friedensnobelpreis (sie!) des deutschen Buchhandels erhielt". Wie nett ist Inhalt und Gehalt des Stückes „Wir sind noch einmal davongekommen" erzählt: „der Gedanke , daß der Mensch allen Rückschlägen zum Trotz immer wieder weitermacht " Eine besondere Vorliebe hat der Autor für die skandinavische Literatur. Von dort sprechen Dichter „aus dem noch unberührten nordisch skandinavischen Raum in die Industrielandschaft des überzivilisierten Europa". Wie bekannt kommt einem dieser nordische Traum vor, ebenso bekannt wie die Vokabeln dieses Mythos: „derbe, aber gesunde Menschen", „urwüchsig", „Ur Bauer", „Ur Grundherr" (Hamsun), „Rhythmus der Natur", „schlichtes Dasein" (Sillanpää), „naturhafte Menschen" (Gulbranssen), „bodenverbunden", „unsterbliches Bauerntum" (Duun). Hamsun „steht dem Intellektualismus eines Gide und Joyce und der Leidenshaltung, aber auch Feinheit eines Proust fern . Dem Erdulden und Denken stellt er ein hartes und zugreifendes W ollen und Handeln gegenüber " . Freilich der U r enkel des Per Andre (bei Duun) ist „eine Führernatur, aber seine Wertweh ist nicht mehr so sicher wie die seiner Vorfahren". Früher war eben alles „ur iger" und gesünder, heute bleibt nur „ein Sichbewähren im Zivilisationssog". Ried tröstet die deutsche Jugend: „immer noch finden sich Dichter, die hinter dem Gerümpel der Zivilisation Kräfte freilegen, die aus der Natur, der Heimat, dem Volkstum oder den Tiefen der geschichtlichen Vergangenheit aufsteigen " Nein, auf keinen Fall kann es sich unsere Jugend leisten, sich unter Rieds Obhut in einen krankhaften Zivilisationshaß zu steigern, dem als „Positives" wieder einmal nichts anderes als die Rückkehr zum „einfachen Leben" gegenübergestellt wird. Hier sind uns die platten, provinziellen Literaturgeschichten der Nazizeit noch eine Warnung. Daher sei auch vor Rieds Schwarz WeißMalerei, seinem Unbehagen an der Moderne und seiner verschwommenen „Weltanschauung" gewarnt. Lieber gar keine Literaturgeschichte als eine solche.

 
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