Ski-Debakel
1962 wird es vielleicht keine „alpinen", aber „nordische" Ski Westmeisterschaften geben. Denn Chamonix liegt vor dem Eisernen Vorhang, und Zakopane dahinter. Jenseits der Mauer und Minenfelder werden internationale Sportmeisterschaften ohne alle Schwierigkeiten abrollen; können, diesseits, im freien Westen, jedoch liegen die Dinge anders. Hier hängt es davon ab, ob die kommunistischen Funktionäre unter den westlichen oder neutralen Vertretern der Verbände genug „Verbündete" finden, welche die Fiktion vom unpolitischen Sport in den Ostblock Ländern akzeptieren und mit ihrer Stimme diesen zu Majoritätsbeschlüssen verhelfen. Dann haben es die Sowjetrussell in der Hand, nach Belieben internationale Meisterschaften in „NATO Ländern" entweder mit einem Njet zu anullieren oder auch stattfinden zu lassen. Bei den alpinen Weltmeisterschaf ten im Abfahrtslauf, Riesenslalom und Slalorn, wo man mit einem Robotertraining allein nicht die besondere Begabung ersetzen kann, haben die Ostblockländer und speziell die Russen nichts zu bestellen. Also wurde Chamonix zu Fall gebracht; die russische Mannschaft — und die Satelliten folgten ihr — reiste in die Sowjetunion zurück. Man erwies damit der DDR mit einer großen Geste die Solidarität. Ganz anders aber verhalten sich die Russen bei den Weltmeisterschaften im Eisschnellauf, die gleichzeitig ebenfalls in einem NATO Staat, nämlich in Norwegen, durchgeführt werden. Hier treten die Sowjets an, denn hier haben sie beste Aussichten, einige Titel zu erobern und damit vor aller Welt, wie im eigenen Lande, wieder einmal die Überlegenheit der kommunistischen Ideologie zu demonstrieren. Die DDR Mannschaft bekam zwar wiederum keine Visa, nicht weil sie Sportler, sondern weil sie Propaganda Reisende seien, wie es in der offiziellen Stellungnahme des „Allied Travel Board" in Berlin heißt. Aber diesmal kümmerte das die Russen nicht. Nationales Prestige und internationale Propagandachancen rangierten jetzt vor der Satellitentreue —er.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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