Zeitfragen Sollte dieser Preis zurückgewiesen werden?

Lieber Preisträger Siegfried Lenz, recht handelten Sie, als Sie den Bremer Literaturpreis annahmen: ergab sich doch so Gelegenheit, den Leuten dort etwas über „Sprache und Macht" zu erzählen. Und wenn Sie nicht recht handelten, so handelten Sie versöhnlich, zumal das „Brüskieren" nicht Ihre Sache ist oder sein konnte oder sein durfte. Warum schreib ich erst jetzt, da der Preis schon am 26. Januar verliehen, Ihre schöne Rede am 27. Januar in der Tageszeitung „Die [Welt" veröffentlicht wurde? Es war mir unmöglich, vor der Großen PlanetenKonjunktion des 4 und 5. Februar den Blick vom unheilschwangeren Sternenzelt wegzuziehen und banal Irdisches, wie Bremen und seinen Preis, zu beachten; nun aber, da die Welt nicht untergegangen ist — nur bei Ilse Bergbau ergaben sich Schwierigkeiten, und der ehemalige Reichspostminister Ohnesorge verstarb kurz vor den kritischen Tagen — nun, da die Erde mich wieder hat, jwerden mir die Stadt Bremen, ihr Literaturpreis und dessen jüngster Preisträger einen Brief lang wichtig.

Wie mutig und geschickt zugleich Sie es verstanden haben, meinen unbescholtenen Namen in Ihre Preisträgerrede zu flechten „Wer die Äußea Wie vorurteilslos Sie alles sehen, lieber Preisträger! Und besonders dankbar bin ich Ihnen, weil Sie meinen Vornamen — für den ich nichts kann — richtig und nicht, wie es allzu oft vorkommt, mit „th" geschrieben haben. Aber Sie handelten nicht nur korrekt; Sie gaben sich auch bescheiden, indem Sie in Bremen, der freien Stadt, um Erlaubnis baten: erlauben Sie mir noch Und dann waren Sie so frei und nahmen einen Preis an, der mir, just vor zwei Jahren, von ehrenwerter Jury zugesprochen und aus hanseatischen Gründen verweigert wurde. Denn es kann nicht sein, daß Bremens Senatoren moralischer Bedenken wegen diesen unhanseatischen Schritt in die Öffentlichkeit getan haben; vielmehr war es alter hanseatischer Streit zwischen der Hansestadt Bremen und der Hansestadt Danzig — dort stand meine Wiege — der mich um den Preis und achttausend hanseatische DM brachte. Zur Information: Weil Johann Ferber, Ratsherr und Bürgermeister zu Danzig — das Wappen der Familie Ferber, drei Schweineköpfe, ist heute noch auf den Steinfliesen der Marienkirche zu erkennen —, seinen ältesten Sohn Eberhard Ferber, der später Ratsschöffe und Bürgermeister wurde, im Jahre 1481 nicht ins bürgerliche Bremen schickte, sondern den hochbegabten Sohn, der einst die Flotte Danzigs ergebnislos gegen Dänemark führen sollte, n Hof der Herzöge von Mecklenburg höfisch erziehen ließ, bekam ich, als Danziger und Hanseit, nicht den Literaturpreis der im Jahre 1960 immer noch verschnupften Stadt. Nun muß ich einräumen, gäbe es heute noch eine freie Hansestadt Danzig, niemals bekäme ein Schriftsteller von Brerr er Herkommen einen Danziger Literaturpreis. D!e Sache steht also fifty fifty, die Hansen haben sich gleichviel vorzuwerfen; aber Sie, als unbelasteter Ostpreuße, taten gut, sich über hanseatische, aus dem fünfzehnten Jahrhundert konservierte Quisquilien hinwegzusetzen.

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Auch taktisch handelten Sie richtig: denn hätten Sie den Preis, aus Gründen der Solidarität, abgelehnt, ojemine! wie hätten die Herren Sieburg, Siedler, Süskind — man verzeihe mir die crei großen S — spaltenlang frohlockt: „Da seht Ilrs! Die Vetternwirtschaft der Linksintellektuellen, Beide in der Gruppe 47. Beide heimatlos, verheiratet und aus dem Osten " So aber wurde, indem Sie den Preis annahmen, einer von rechts geführten Polemik die Spitze abgebrochen. Für alle Zeiten steht nun fest, daß die gefürchtete Solidarität oder Vetternwirtschaft der Linksintellektuellen ein Buschgespenst, ein tibetanischer Schneemensch, eine Ente ist, wie die Große Sternenkonjunktion vom 4. Februar im Zeichen Wassermann.

Darf ich Sie deshalb einen Winkelried der deutschen Nachkriegsliteratur nennen, Ihr Sempach hieß Bremen. Ihr Nonkonformismus wird toffentlich Schule machen. Zwar werden auf den beliebten Öffentlichen Diskussionen junge, unwissende Menschen für und wider den Preisträger Siegfried Lenz sprechen; aber was bedeuten öffentliche Diskussionen in Wirklichkeit für die Öffentlichkeit! Um zur Sache zu kommen: natürlich habe ich Ihren freundlich listigen Trick, der dem Kopfchen eines Odysseus hätte entspringen können, sofort durchschaut; für mich nahmen Sie den Bremer Literaturpreis an; stellvertretend lasen Sie Ihre Rede vom Blatt; an meiner Stelle waren Sie mutig, korrekt, bescheiden und preiswürdig. Ich bitte Sie deshalb, der Einfachheit halber — ich komme selten nach Hamburg — die 8000 (achttausend) hanseatische DM auf mein Konto überweisen zu lassen: Berliner Bank, Kontonummer 99963.

 
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