Unbehagen an der Themse

Die Bonner Politik ist den Engländern zu dogmatisch Dff., London, im Februar

Es gibt in England drei Hauptquellen der Meinungsbildung: Parlament, Presse und City. Mir wurde in diesen Tagen nach vielen Gesprächen mit Abgeordneten, Journalisten und City Angehörigen als Resümee deutlich, daß die Engländer unsere Politik nicht recht verstehen. Dies ist gewiß keine neue Entdeckung. Man hat bei einem solchen Rundgang durch London dies immer wieder feststellen können. Diesmal aber schien mir, als mische sich in das Nicht Begreifen ein gewisser Unterton von Ärger und Ungeduld. Dieses Volk hat eine erstaunliche Fähigkeit, aufmerksam zu beobachten, undogmatisch zu analysieren und immer wieder alles von neuem anzugehen. Die Engländer bringen es fertig, vor eine uralte, festgefahrene Situation zu treten und diese mit ganz neuen Augen zu betrachten, so als hätte man nicht längst alle Lösungen durchprobiert, alle Wege erkundet, manche Hoffnung verloren. Für sie ist unsere dogmatische Betrachtungsweise — Unter gar keinen Umständen dürfen wir uns Sie sehen sich die Ergebnisse an und sagen: Mit dieser Methode seid ihr doch der Wiedervereinigung keinen Schritt nähergekommen. Im Gegenteil, sie ist von Jahr zu Jahr ferner gerückt. Ihr müßt euch entscheiden, worum es euch wirklich geht: Wollt ihr um jeden Preis eure Theorie durchhalten (Operation gelungen, Patient tot), oder wollt ihr versuchen, unter Verzicht auf Doktrinen und Theorien praktisch das Bestmögliche aus der Situation zu machen? Natürlich, so sagten mehrere, könnt ihr das verbrecherische Regime unter Ulbricht nicht anerkennen, aber daß es zwei Staaten gibt, das könnt ihr, die ihr auf dem Wege nach Berlin euren Paß an der Grenze in Helmstedt vorzeigen und damit die staatlichen Hoheitsrechte der anderen anerkennen müßt, doch nicht leugnen. Warum setzt ihr euch nicht erst einmal das Ziel, Ulbricht loszuwerden? Schließlich ist er der letzte Stalinist, und es mag sehr wohl der Tag kommen, an dem es Moskau wichtiger ist, ihn loszuwerden, als ihn zu halten. Wenn das gelingt, dann seid ihr doch schon einen Schritt weiter — einen kleinen Schritt. Aber auf mehr kann man nicht hoffen. Wer auf einen großen Schritt wartet und darauf, daß die Russen plötzlich aus freien Stükken Konzessionen anbieten, der wird so lange warten, bis alles verloren ist.

Und einige setzen warnend hinzu: Ihr seh doch, daß die Verhandlungsversuche zwischen Washington und Moskau schon ziemlich weit gediehen sind, schließlich seid ihr es doch, die davon betroffen werden, da müßt ihr versuchen, aktiv mitzugestalten, sonst kommt ihr unter die Räder. Auch wenn alle entschlossen sind, euch nicht in Stich zu lassen. Denn, so sagte einer, wenn die Bremer etwas für ihre Stadt wollen, dann überlassen sie das ja auch nicht den Leuten in Hamburg, selbst wenn deren Interessen parallel oder gar identisch sein mögen.

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„Wenn aber nun solche Aktivität zu deutschsowjetischen Verhandlungen führen sollte, wird man dann in London nicht von Rapallo sprechen?" Diese Frage habe ich immer wieder gestellt, schließlich auch im Foreign Office. Und dort, wo man es sich wirklich nicht leisten kann, unbedacht daherzuschwätzen, lautete die Antwort ohne jedes Zögern und ohne alle Einschränkung: Nein, ganz gewiß nicht. Nur wer die Geschichte nicht kenne, könne meinen, die heutige Situation habe auch nur von ferne etwas mit den zwanziger Jahren zu tun. Nein, sie hätten nichts, gar nichts dagegen. Wogegen man aber auch im Foreign Office etwas hat, das ist die deutsche Methode, selber keinen Beitrag zur allgemeinen Diskussion zu leisten — den der anderen aber grundsätzlich abzulehnen. Auf diese Weise werde die ganze Verantwortung den. Allianzpartnern aufgebürdet, und das habe auf die Dauer niemand sehr gern, Diese etwas ärgerliche Feststellung kann man heute immer wieder hören.

Gewiß, die Realpolitiker werden einwenden, es kann gar nichts passieren, wir sitzen ja alle im gleichen Boot. Und man mag hinzufügen: Die Engländer sind loyale, zuverlässige Verbündete, also brauchen wir nichts zu fürchten. Aber das, worauf es in einer Allianz ankommt, das ist genau jene Differenz zwischen der Verpflichturg zur Bündnistreue und der Überzeugung, durch dick und dünn zusammenhalten zu wollen, weil man eine gemeinsame Sache vertritt.

 
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