Kenner aus Leidenschaft ...und ticken durch die Jahrhunderte

Alte Uhren unter Gerumpel — Plötzlich war ich Sammler/ Von H.M.NieterO'Leary

f~ h sind es reine Zufälle, die uns zu gewissen Handlungen, bewegen oder Neigungen auslösen. So kam meine Passion, Taschenuhren zu sammeln, durch eine Turmuhr und weil ich Zahnweh hatte.

Als ich vor vielen Jahren einmal durch Deutschland fuhr, sah ich an der Turmuhr eines uralten Domes die Worte: nescis qua bor a dominus veniet (Du weißt nicht, zu welcher Stunde der Herr zu dir kommen wird). Diese Mahnung hat mich sehr beeindruckt, und irgendwie mußte sie sich in meinem Unterbewußtsein verankert haben, denn geraume Zeit später, in einer englischen Provinzstadt, kamen mir die Worte wieder ins Gedächtnis. Um ein Geschenk zu kaufen, stöberte ich in einem abgelegenen alten Antiquititätengeschäft herum. In einem Glasschrank, der mit Porzellanfiguren und vielem scheußlichen Krimskrams angefüllt war, sah ich ganz zufällig auch eine altmodische bauchige Taschenuhr. Eigentlich hatte ich kein Interesse, denn welcher moderne Mensch will schon so eine dicke Zwiebeluhr zum Geschenk? Aber beim Durchstöbern des Schrankes kam sie mir doch in die Hand. Auf dem Zifferblatt waren hübsche Rokokorosen aufgemalt, und die Zeiger standen komisch kummervoll wie ein chinesischer Schnurrbart. Ich wollte sie schon weglegen, aber da sah ich auf dem Zifferblatt einige Worte, die ich im Dämmerlicht des hinteren Ladens nicht recht lesen konnte. Schließlich ging ich nach vorne zum Schaufenster; es standen nur drei Worte auf der Uhr: nescis qua bora. Das kam mir bekannt vor. Wo hatte ich das schon einmal gelesen? Richtig, an der Turmuhr in Deutschland. Plötzlich entsann ich mich des ganzen Spruchs und ergänzte dominus veniet.

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Die Erinnerung an jene schöne Reise wurde übermächtig, und ohne Nachdenken stand es fest: Diese Uhr mußte ich haben. Wozu, wußte ich nicht, aber haben mußte ich sie unbedingt. So uninteressiert wie möglich — man muß bei solchen Gelegenheiten die Jagderregung aus der Stimme halten — fragte ich nach dem Preis, und nach einem kleinen Handel war die Uhr mein Eigentum.

Nun hatte ich eine alte Taschenuhr, und da sie von allein nicht ging, stellte ich erst einmal die Zeiger in eine vergnügtere Stellung. Als ich die Uhr dann sachte auf meinen Schreibtisch legte, tönte sie dankbar und silbern „Ping". Später, als ich sie genauer untersuchte, fand ich im Werk den Namen des Handwerkers Thomas Tompion und die Jahreszahl 1714. Erst später erfuhr ich, daß im gleichen Jahre die englische Admiralität den damals enormen Preis von 10 000 Pfund aussetzte für einen Chronometer, der auf der Reise von England nach Westindien um nicht mehr als eine Minute variierte. Den Preis gewann der gute Thomas Tompion nicht, aber vielleicht hatte er sich auch ohnedies eine Reise nach Deutschland geleistet und war von den ernsten Worten an der Domuhr so beeindruckt gewesen wie ich. Meine Taschenuhr blieb noch fast ein ganzes Jahr einsam auf dem Schreibtisch und mußte oft als Briefbeschwerer dienen. Bis eines Tages mich ein Zahn plagte und ich widerwillig den Gang zum Zahnarzt machte.

Wenn mein Arzt mit dem Bohrer hantiert, wird er gesprächig, wohl um abzulenken. Meistens erzählt er dann Hundegeschichten. Diesmal fragte er, was für Hobbys ich hätte. Die Frage war wohl mehr rhetorisch, denn mein Mund war voller Instrumente und seiner halben Hand. Er wartete auch gar nicht auf Antwort, sondern sprach von seiner Als mein Mund wieder leer war, erzählte ich ihm von meiner Uhr und sah in seinen Augen einen leichten gelben Schimmer von Sammlerneid aufleuchten. Partout wollte er meine Uhr sehen — und außerdem verstehe er etwas vom Reparieren. Später — bei einem Glas Wein — zeigte er mir seine Sammlung von etwa vierzig Uhren. Fast alle funktionierten und tickten sich fleißig durch die Jahrhunderte. Es hörte sich an wie Bienensummen, das Rauschen der Zeit.

Als er mir von seinen Schätzen erzählte, verwandelte sich der nüchterne Zahnarzt urplötzlich in den zügellos begeisterten Horologen und Historiker. Mit seinen Uhren führte er mich zurück in die Zeit des 16. Jahrhunderts, als der Nürnberger Meister Peter Henlein zuerst die neuerfundene Feder als Kraftquelle benutzte und „tragbare Uhren" herstellte. Leider sind diese ersten Taschenuhren verschollen und nur durch ein HolbeinGemälde bekannt: Da steht ein Kaufmann vor einem Tisch, auf dem eine dieser Uhren liegt. Später kamen dann die „Nürnberger Eier", die manchmal heute noch auf Auktionen angeboten werden, aber für den Durchschnittssammler unerschwinglich sind. Erst in der Mitte des 17. Jahrund anderen Meistern rundliche Taschenuhren in größeren Mengen hergestellt. Auch mein Mentor, der mich in das faszinierende Gebiet der Zeitmesser einführte, besaß einige Uhren aus der Zeit zwischen 1670 und 1700.

Als ich später selbst zu sammeln begonnen hatte, bezauberten mich immer wieder zwei Aspekte: Die Uhr in ihrer Entwicklung als mechanisches Kunstwerk — und die Identifizierung mit ihrer Zeitepoche. Zumeist ist natürlich das Werk kaputt, wenn man die Uhren erwirbt, und die Schlüssel fehlen. Aber die Werke lassen sich reparieren, und wenn man etwas mechanisches Geschick hat, entwickelt sich die Fähigkeit dazu. Es ist ungemein befriedigend, so eine alte Uhr wieder in Gang zu bringen, nachdem sie oft ein Jahrhundert lang die Zeit verschlief. Der größte Zauber liegt jedoch in der Ornamentik der Kapsel und dem Zifferblatt. Es genügte den Meistern keineswegs, nur funktioneile Zeitmesser zu machen. Die Uhren zeigen auch den Stil ihrer Entstehungszeit und persönlichen Geschmack. Oft kann man Schlüsse ziehen auf den Besitzer von einst. So habe ich einen Taschenchronometer, der noch heute die honorige Aura seines ersten Trägers ausstrahlt — eines biederen Skippers der christlichen Seefahrt. Oft muß die Uhr die Reise ums Kap Hörn gemacht haben, und wenn man genau hinhört, vermeint man das Ächzen der Mäste und der Takelage zu vernehmen. Eine französische Uhr, aus der Vorrevolutionszeit, die ich in einem Ramschladen in Paris entdeckte, hat dagegen etwas Dandyhaftes an sich. Irgendein Incroyable mag sie getragen haben, ehe Madame La Guillotine ihm ein Rendezvous gab. Die Uhr ist so fein und zierlich, daß sie mit Recht gewohnt war, nur in seidenen Taschen getragen zu werden. Auch ich biete ihr nur Brokat als Unterlage an.

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