Vom Segen der Überschüsse

Nur ein vernünftiges Agrarprogramm des Westens kann den Entwicklungsländern helfen Von Hermann Bohle

Der bisherige französische Finanzminister Baumgartner unterbreitete Ende letzten Jahres einen Vorschlag, auf den die Überschüsse produzierenden Agrar Exportländer des GATT verblüffend schnell reagieren: Studiengruppen sollten produktweise prüfen, wie man mit Hilfe einer Internationalen Organisation der Agrarmärkte — beileibe nicht auf Wegen liberaler Handelspolitik mit Agrarprodukten! — dem absurden Nebeneinander von Hunger und Überschüssen zum Wohl beider Seiten ein Ende bereiten könne. Mitte Februar beginnen in Genf die Untersuchungen für das Getreide, also das wichtigste Überschußerzeugnis der Industriestaaten, vor allem der USA. Man muß sich das klar machen: In den USA kostet die Lagerung von einer Tonne Überschußgetreide jährlich 10 Dollar. Der Gesamtaufwand des USSteuerzahlers im Interesse seiner „Grünen Front" dürfte 1961 etwa 1 35 Milliarden Dollar erreicht haben. Die Neuanlieferung von unverkäuflichem Weizen in die Lagerhallen der USA betrug kürzlich in einem einzigen Vierteljahr genausoviel wie der Gesamt Weizenverbrauch der Welt im gleichen Zeitraum. Dieser Aufwand beschränkt sich nicht auf Getreide. Mehr noch: Auf die Europäer rollt eine gleiche Last zu. Die Brüsseler EWG Kommission muß in diesem Jahr die erste Runde ihres Kampfes um niedrige Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse eröffnen, um unseren Steuerzahlern eine mit den USA vergleichbare Überschuß KostenBelastung zu ersparen.

Denn nur bei niedrigem Getreidepreis besteht eine bescheidene Chance, daß uns solche Milliarden Subventionen erspart bleiben. Oder warten die hungernden Völker der wirtschaftlich noch nicht entwickelten Welt etwa darauf, daß sowohl Europäer wie USAmerikaner, Kanadier, Australier und z. B. Argentinier endlich ihre lästigen Überschüsse vor die Haustiiren der Afrikaner und Asiaten kippen? Dafür gibt es nicht nur Erwägungen — etwa bei den europäischen Bauernverbänden, oder (vor Jahren schon) beim damaligen Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Heinrich Lübke. Das konkrete Beispiel des US amerikanischen „Food for Peace Program" liegt vor. Zwischen 1954, als es begann, und dem 31. Dez. 1959 wurden landwirtschaftliche Lagerprodukte im Werte von 4 1 Mrd. Dollar an Entwicklungsvölker verschenkt oder auf Kredit (bezahlbar in Landeswährung, also nicht in „harten" Dollars) verkauft. Diese Beträge sind 1960 und 1961 enorm gestiegen. Für die kommenden fünf Jahre wurden dem Präsidenten Kennedy nochmals erhöhte die Möglichkeit, die Bedürfnisse und Sorgen aller , , , , ., , noch intensivieren würden. Zweitens hat die Or- , , , , ,, ° , , JLJ 7 i?pr Mppamr WW rlip 7 ah1 der Aussteller in Europa bestehende Illusion, daß man Getreide - eine Steigerung der Getreidelieferungen, sondern Ausgaben für diese Aktion in Höhe von insgesamt 11 Milliarden Dollar vorgeschlagen.

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Nun wird man allerdings den Verdacht nicht los, daß auch der Vorschlag des französischen ExMinisters von dem Gedanken getragen ist, auf diese Weise Absatzmöglichkeiten nicht nur für Frankreichs jetzige landwirtschaftliche Überschüsse sondern auch für die z. B im neuen Wirtschtftsplan vorgesehenen agrarischen Produktionssteigerungen zu schaffen. Wenn wir richtig informiert sind, trug General de Gaulle Ende vergangenen Jahres zu seinem Besuch beim britischen Pretrierminister ähnliche, flüchtig notierte Überlegungen mit sich. Man fragt also: Sucht Paris letztlich Entschuldigungen für kommende Überproduktion? Wird es damit etwa dem Deutschen Bauernerband vordemonstrieren, wie man auf einmal :ine christliche Rechtfertigung für hohe Agrarpteise und wachsende Überproduktion erhalt? Denn — , Hilfe für Hungernde ist in der Tat ein übeneu- ™ gendes Argument.

Betrachtet man es zunächst so oberflächlich, dann tauchen zwei politische Gefahrenmomente auf: 1 würde der Versuch, auch die Europäer in ein weltweites „Food for Peace Programm" einzuschalten, zu bedenklichen Spannungen mit den USA führen. Sie nutzen ihr teures Programm, um die riesigen Lager bei sich abzubauen. Wenn Europa erst Überschüsse durch hohe Preise künstlich ermuntert, um sie dann in Konkurrenz zum USProgramm bei den hungernden Völkern abzusetzen, dann trifft man die US Innenpolitik an ihrem empfindlichsten Punkt; 2 braucht man nur die Presse des Ostblocks zu lesen, um dort immer neue Argumente für die Behauptung zu finden, die „Imperialisten" suchten und praktizierten neue Formen des Kolonialismus, indem sie neue Abhängigkeitsverhältnisse in Asien, Afrika und Lateinamerika schafften. Die Abhängigkeit dieser Entwicklungsländer von der Nahrungsmittelversorgung aus dem Westen müßte deshalb eines Tages sehr ernste politische Folgen Angesichts solcher Problematik, die in den weltpolitischen Rahmen gehört, wird das Studium der wirtschaftlichen Details erst recht notwendig. Nur dann ist ein Urteil möglich. Wie wir hören, wird die Europäische Wirtschaftskommission in Brüssel in die Diskussion bald mit einer eigenen, fundierten Stellungnahme eingreifen. Dabei wird sie die Gelegenheit haben, ein unparteiisches Dokument zu unterbreiten: weder kann sie gewisse französisehen Überschuß Überlegungen unterstützen, noch liehen Folgen etwa die deutschen Agrarpreiswünsche (was „hochhalten" bedeutet), Der EWG Kommission entsteht Beteiligten — der Hungernden, der Amerikaner und der Europäer — aus dem übergeordneten Blickfeld zu analysieren. Nach dem Beginn der Genfer Agrarstudien kommt dem Bedeutung zu. Drei Grunderkenntnisse stehen jetzt schon fest: Erstens ist für eine Nahrungsmittel Entwicklungshilfe das Getreide als Kohlehydrat Produkt in kaum noch über die US Lieferungen gesteigertem Maße brauchbar — denn wissenschaftlich ist erhärtet, daß den hungernden Völkern vor allem Eiweißnahrung fehlt. Mehr noch: In den unterentwickelten Ländern essen die Menschen in mehr als bekömmlicher Menge Kohlehydrat Nahrung, so daß größere Getreidelieferungen dieses mangelnde Gleichgewicht im Ernährungshaushalt nur ( ) errechnet, daß der Anteil der Ernährungs güter an der gesamten Wirtschaftshilfe nicht mehr als 20 °o bis höchstens 30 °o betragen darf, weil sonst der Zweck des finanziellen A u f wands der Geberländer — wirtschaftliche Entwicklung des Empfängerlandes — nicht mehr erfüllt wird. Ein Übermaß an Nahrungsmittellieferungen in Geschenkform lahmt den Willen der Entwicklungsländer zum Aufbau der eigenen Landwirtschaften und lenkt statt dessen die finanziellen Anstrengungen dieser Völker auf einen verfrühten, übergroßen, ambitiösen industriellen Ehrgeiz ab. Drittens ist andererseits eine Nahrungsmittelhilfe für die jungen Nationen äußerst wichtig, wenn ihr Industrialisierungsgrad die Kaufkraft erhöht: dann muß es auch genügend zu essen geben, muß Gegenwert für den erhöhten Geldumlauf, für diewachsenden Löhne da sein — sonst führt Industrialisierung zur Inflation mit ihren politischen, sozialpolitischen und wirtschaftDieser Liste darf man noch eines hinzufügen: wo einfach nackter Hunger herrscht, wo Katastrophen, Dürre oder Überschwemmung die Not verursachten, wird der Westen wie bisher schon ohne kommerzielle Rücksichten eingreifen. Nur der mit . Entgegen früheren Gewohnheiten hat das Leipüberschüssen versehene freie Westen hat einstweilen überhaupt diese Möglichkeit. Das verdient Beachtung.

Der Bedarf der hungernden Massen nach eiweißreicherer Nahrung beseitigt hoffentlich die auch überschüsse in nennenswerter Menge in die Entwicklungshilfe schleusen kann. Denn ausschließlich, die Bedürfnisse der Entwicklungsländer müssen auch diesen Lieferungen zugrunde liegen. Damit kommt man zum zweiten Punkt: Die Nahrungsmittelhilfe sollte in allgemeine Programme für jedes Land zur Wirtschaftsentwicklung eingegliedert werden. Die technische Hilfe zum Erstellen solcher Pläne ist unerläßliche Voraussetzung für die Verwendung von Ernährungsgütern in der Entwicklungshilfe. Eine fühlbare Steigerung des Einsatzes von Nahrungsmitteln bedingt aber — haben.

im Hinblick auf die bisher unbestrittene Grenze von 20 bis 30 °o — eine ganz beträchtliche Erhöhung der technischen, finanziellen Gaben und Kredite für den Aufbau der neuen Volkswirtschaften. Der amerikanische Unterstaatssekretär Ball sprach davon, daß jedes Land l °o des Brutto Sozialprodukts dazu verwenden solle. Damit käme der Westen auf 8 Mrd. Dollar Entwicklungshilfe statt momentan knapp 5 Mrd. Eine solche Erhöhung der allgemeinen Aufwendungen — erst sie — würde höhere Nahrungsmittellieferungen erlauben. Hier aber wird die Organisation der Agrarmärkte der freien Welt unerläßlich. Denn nicht ,vielmehr die Verachtfachung von Eiweißprodukten wie, Fleisch, Milch — also Veredelungserzeugnissen — nach Entwicklungsländern ist nach wissenschaftlichen Untersuchungen der UNO allein für 1962 nötig. Die gemeinsame Rahmenplanung der westlichen Industrienationen zur Umgestaltung ihrer Agrarproduktion auf die Bedürfnisse der Hungernden muß also das Ziel sein. Denn: die vorhandenen Überschüsse reichen nicht zum Sieg über den Hunger. Die Welt braucht tatsächlich Nahrungsmittelüberschüsse — aber die riditisen.

 
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