Pariser Börse Vorfreude auf Algerien-Frieden
Die Pariser Börse scheint sich entschlossen zu haben, den Abschluß der Algerienverhandlungen vorwegzunehmen, auch auf die Gefahr hin, daß Einzelheiten im Statut des neuen nordafrikanischen Staates enttäuschen könnten. Die Gewißheit aber, daß die französischen Erdölinteressen in der Sahara auf jeden Fall gewahrt bleiben, beginnt sich, mit einer gewissen Überzeugungskraft nun doch durchzusetzen. Sie findet in lebhaften Umsätzen und erheblichen Kurssteigerungen aller Werte der Erdölwirtschaft Ausdruck. Weitere Kurssteigerungen sind möglich, weil die Regierung nunmehr bereit zu sein scheint, das Vertrauen des Privatkapitals, das den Erdölforschungsgesellschaften ihre überaus erfolgreiche und risikovolle Arbeit in der Sahara allein ermöglicht hatte, durch Statutenänderungen der sogenannten REP Gesellschaften zu belohnen. Sie dürfen künftig auch Beteiligungen in der Erdölchemie eingehen und mit anderen Gesellschaften fusionieren.
Die Hausse in Erdölwerten hat sehr schnell den gesamten Aktienmarkt elektrisiert, ohne daß einstweilen eine echte allgemeine Haussestimmung zum Durchbruch gekommen wäre. Wohl aber haben sich lange zurückgehaltene wirtschaftliche Motive in den Vordergrund geschoben. Zunächst sind die lange vernachlässigten Banken unter Führung der beiden großen Finanzinstitute Banque de Paris et des PaysEas und Union Parisienne, die beide sehr große Portefeuilles in Erdölwerten besitzen, in Bewegung geraten. Der internationale französische Erdölkonzern Francaise des Petroles, der als stark unterwertet gilt, gewann gegenüber dem letzten Liquidationskurs mehr als 40 NF und dürfte, mit Unterbrechungen, neue Kursgewinne erzielen. Petroles dAquitaine haben neue Rekordkurse von über 100 NF erreicht. Es wird die Ausgabe von zwei aufeinanderfolgenden Gratisaktienemissionen erwartet. Auch die früher so beliebte Esso Standard Aktie ist zu neuem Leben erwacht und hat zunächst einen Wertzuwachs von 10 % verzeichnen können. Ungewöhnlich große Umsätze haben sich von Automobilwerten in Simca (täglich 3000 bis 5000 Aktien) abgespielt, die offenbar systematisch aufgekauft werden.
Zu einem anderen Sensationszentrum entwickelten sich die Werte der Kunstfaserindustrie anläßlich der Einführung der neuen PRICEL Aktien. PRICEL ist der neue Name für Celtex. Fünf RhonePoulenc Aktien werden in drei Celtex umgetauscht — auf sechs Celtex entfällt eine Pricel Aktie. Die Nachfrage nach Pricel Aktien ist so groß, daß bisher kein Kurs festgestellt werden konnte. In Zusammenhang mit dieser Umstellung entwickeln sich Haussebewegungen in Progil, Novacel und Cellulose du Pin. Rhone Poulenc hat Beziehungen zur britischen ICI und Celtex zu Courtaulds. Die gesamte internationale Kunstfaserindustrie ist in Bewegung. Retlaw
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



