Wenn man den Schnee mißt...

Schwarzwaldwinter 1962 — Jllusion und Desillusion an jedem Wochenende / Von Peter Mörser

Immer wieder unbekannt ist der Sdvwarzwald auch denen, die ihn zu kennen glauben. Der Schwarzwald bezieht sein Lebenselement Schnee aus dem Westen, aus den Wetterküchen Biscaya oder Nordsee. Die — reichlichen — Lieferungen von der Biscaya sind aber je länger je. öfter so warm, daß für sie wirklich das Wort gilt: see kommt, ist zwar kalt, aber quantitativ dürftig. In Ermangelung von Schnee muß man sich dann schon ein paar Attraktionen einfallen lassen. Die erste Kälteperiode dieses allgemein schneearmen Winters ging auch am Schwarzwald ohne eine einzige Flocke Schnee vorüber. Der Schwarzwald bringt es bei aller Anstrengung ja nur auf 1500 Meter in seinen höchsten Höhen — und was sich dann auf den 300 „schneesicheren" Höhenmetern des engsten Feldberg Umkreises abspielt, das kann einem den Winter, den Sport und manches andere verleiden.

Die Fünftagewoche zaubert die Städter der ganzen weiteren Umgebung einmal wöchentlich auf den Feldberg. Und jedesmal setzt die Desillusion erst ein, wenn man dort ist. An dem einen Sonntag findet man: Wind WSW, Stärke 6, Nieselregen, plus 5 Grad. Am nächsten Wochenende herrscht Wind ONO, Stärke 6, Nebeltreiben, minus 15 Grad. Alles wird geboten, nur kein Schnee. So geht man ins Hotel und trinkt viel Kaffee.

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Man sitzt da wie bestellt — und vom Schnee nicht herausgelockt. Denn allen modernen Kommunikationsmitteln zum Trotz gibt es keine Quelle, aus welcher der Niederungsmensch, ehe er abfährt, zuverlässig Informationen über die herrschende (noch nicht einmal die künftige) Wetterlage im Schwarzwald beziehen könnte. Wohl gibt es den „amtlichen" Wintersportbericht. Mit dem ha); es aber so seine eigene Bewandtnis.

Die Schneehöhen nämlich werden einer Zentralstelle vermittelt — vom Hotelier, vom Skilift Kondukteur oder der lokalen Kurdirektion. Was da gemessen wird, bezieht sich auf den schneesichersten Nordhang im Umkreis von 5 Kilometern. So kann es durchaus heißen: Schauinsland Halde 40 Zentimeter — bei einer Durchschnitts Schneehöhe von 5 Zentimetern im Schauinsland Gebiet. So kann es heißen: „Abfahrten auf Pulverschnee bis in xlie Täler möglich" — wenn tatsächlich nur 8 Zentimeter lockeren Pulvers liegen, wenn es selbst auf Wiesengelände kracht und knirscht bei jedem Stemmbogen, und wenn jeder Maulwurfshaufen gemieden sein will b ei Gefahr für Skispitzen, Stahlkanten und Hosenböden. Da wird im Rundfunk von Pulverschnee geschwärmt in der Gewißheit, es werde schon niemand darauf kommen, daß selbst , 10 Zentimeter kalter Neuschnee auf gefrorener Erde keine Grundlage sind für Wintersport — während 10 oder sogar 5 Zentimeter Harsch immerhin Möglichkeiten bieten (wenn auch kerne schönen). Da spricht man von „Temperaturen um null Grad schwankend", wenn es Mitte Januar auf 1300 Meter Höhe kaum noch nachts friert.

So balgt sich denn ganz Südwestdeutschland k manchmal fünf Kilometer langen Parkplatzschlangen um wenige Hektar „Skilift Gelände". Mituntei sehr abenteuerliche Patent Geräte ziehen einer nach langem Anstehn maximal 200 Höhenmetei aufwärts zum Preise von etwa fünfzig Pfennigen für hundert Höhenmeter (Zum Vergleich ein renommierter alpiner Schlepplift: Arosa Hörnli, Höhendifferenz 500 Meter, ebenfalls etwa 50 Pfennig füi 100 Meter). Dermoch rentieren sich diese Lifte kaum, wie die Stillegung des (bei gutem Schnee) schönsten Schwarzwald Liftes am Todtnauer wird künstlich gezüchtet— und die Desillusion folgt auf dem Fuß.

Ein besonderes Bild am Rande gibt übrigens die Polizei ab, die hier wider das Auto Chaos einzuschreiten versucht. Neuerdings werden mitunter Winterreifen und Ketten dekretiert — bei zwei Zentimeter hartgewalztem Neuschnee, obwohl auf den mäßigen Steigungen der großen Schwarzwaldstraßen (sofern gepflügt und gestreut ist) Feinprofilreifen immer ausreichen. Indes, irgendeine Auslese muß man ja treffen, um das Chaos zu lichten. Warum also nicht die Normalbereiften zurückschicken? Gewiß, bei Unvorhergesehenem wären es vielleicht gerade sie, die katastrophale Unfälle oder Verkehrsstockungen hervorrufen Verständlicherweise resultiert dieser starke private Autoverkehr aus der Unzulänglichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel. Der erste „Sportzug" der wunderschönen Höllentalbahn fährt um 7 28 Uhr in Freiburg ab. Das ist dem Bürger (und recht hat er, zumal im Hochwinter) zu früh. Und der zweite Sportzug fährt sozusagen ins Leere, denn er hat keinen Postbus Anschluß zum Feldberg, Aber eher wird der Mond auf die Erde fallen, als daß sich daran etwas änderte.

Und für all das kann der liebe, gute, alte Schwarzwald gar nichts Übrigens gibt es natürlich auch noch- zwei, drei Zufahrten zum FeldbergGebiet abseits der Bundesstraße — es gibt sogar noch zwei, drei „ausbaufähige", kaum entdeckte Nordhänge über 1000 Meter, etwa Zastlertal und weise —, daß es möglich ist, dort mit dem Wagen trotz Winterpneus im Schnee steckenzubleiben. Aber das ist auch ein Erlebnis, ein durch keine Art von Polizei getrübtes Erlebnis, welches mir viel sagt. Immerhin reichen ja zwei Stück komo sapiens schultern, oder?

 
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