Wer fliegen will, muß laufen können
Orly, Aeroport de Paris: Luftpassagiere werden mündig Von Eka von Merveldt
Zehn Minuten wird ein rüstiger Fußgänger brauchen, um die lange Front des Glashauses in Paris Orly abzuschreiten; das Passagierabfertigungsgebäude wird mit den beiden Abflugrampen 700 Meter lang sein, wenn alles fertig ist. Das grüne Glasgebäude, das vor nun einem Jahr dem Verkehr übergeben worden ist und mit sieben Stockwerken über und zwei Etagen unter der Erde so groß ist wie zwei Corbusier Häuser vom Typ der Marseiller Cite radieuse — es ist das modernste und am großzügigsten angelegte Haus für Fluggäste auf dem europäischen Kontinent, und das will etwas heißen bei der dynamischen Entwicklung des Luftverkehrs.
Wenn man die Mode, alles einzustufen, mitmacht, dann steht der Aeroport de Paris (Orly und Le Bourget), was die Kapazität angeht, erst an achter Stelle (der größte ist New York International mit jetzt 20 5 Quadratkilometern, der geplante Flugplatz Hamburg Kaltenkirchen — oder Holstenfeld, der Name ist noch umstritten — soll 20 bis 30 umfassen; Orly allein 14 9 Quadratkilometer). Aber wenn man nach der Zahl der Flugpassagiere und der gebuchten Kilometer und dem Wert des Frachtumschlags klassifiziert — was wirtschaftlich gesehen mehr zählt —, dann rangiert Paris hinter New York, Chikago und London an vierter Stelle.
Was die Zweckmäßigkeit, die Großzügigkeit, die Schönheit, den Luxus des Empfang shauses in Orly angeht, so übertrifft er sogar noch die anderen Anlagen. Orly, Aeroport de Paris, die Empfangshalle einer reichen Nation, wurde mit öffentlichen Geldern gebaut. Air France, die französische Gesellschaft mit dem größten Streckennetz der Welt (325 000 km), wetteifert hier mit vielen anderen Fluggesellschaften aller Kontinente. Alle vier Minuten startet oder landet hier ein Flugzeug; Orly allein zählte im letzten Jahr 3 080 Millionen Fluggäste (Hamburg Fuhlsbüttel: 1 022 Millionen). Für 1965 erwartet Paris sechs Millionen Passagiere, und man rechnet damit, daß diese Zahl hier 1975 auf zwölf Millionen steigt. Das neue Flugplatzgebäude in Orly ist für eine Kapazität von sieben bis acht Millionen geplant. Das neue Orly Gebäude ist wegen seiner Weiträumigkeit als Irrgarten kritisiert worden; aber es wurde von diesen Kritikern nicht erkannt, daß es ein neuer Typ für den Massentourismus ist. Zwar fühlt sich der Fluggast durch die Kostbarkeit des Baues und die Umsicht, der Organisation auch hier noch als ein in jeder Beziehung bevorzugtes Wesen mit dem Status einer überdurchschnittlichen Persönlichkeit. Die „psychologische Kleinkunst der Luftfahrtgesellschaften", um mit Friedrich Siebürg zu sprechen, die vor keinem Raffinement zurückschrecken, habendem Passagier, schon immer dieses "Air gegeben; aber Orly zeigt, daß der Fluggast in die Masse zurück muß. Die immer größer werdenden Geschwindigkeiten der Flugzeuge lassen das Mißverhältnis zwischen der reinen Flugzeit und der Wartezeit auf dem „Boden", wie die Flugexperten diese Vielfalt der Aufenthaltsräume, Gänge, langen Wege auf dem Flugfeld nennen, immer krasser werden.
Das „Orly System", das schon weithin gerühmt wird, hat entscheidende Voraussetzungen für eine rationelle, bequeme, schnelle Abfertigung der Fluggäste geschaffen, die heute im Effekt oft wichtiger ist als die Fluggeschwindigkeit. Um ein Beispiel zu geben: Man fliegt mit der Caravelle von Paris nach Düsseldorf 45 Minuten, für die Anfahrt mit dem Bus vom Aerogare des Invalides auf der neuen Schnellstraße braucht man, wie die Fluggesellschaften vorsorglich mitteilen, norrmlerweise 35, in starken Verkehrszeiten 45 Minuten. Die Busse verkehren alle Viertelstunde, das heißt, der Fluggast muß hier schon selbständig kalkulieren und handeln und wird nicht mehr wie anckren Orts in eigenen Bussen der Fluggesellschaften befördert. Es stehen auch, bedingt durch den Personalmangel, nicht mehr so viele Helfer zur Verfügung, die einst den Fluggast leiteten und betreuten, als sei er ein Kind. Und was die langen Wege in dem großen Flughafen Orly angeht, so sigte dazu einer der Erbauer: „Es ist nicht unsere Schuld, wenn die Gesellschaften ihre Fluggäste bisher so verwöhnt haben, daß die Passagiere nicht mehr selbständig denken können. Der Weg, den der Fluggast hier zurücklegen muß, ist genau so weit wie die Strecke, die er im Lyoner Bahnhof von Paris laufen würde, wenn er in den ersten Wagen des Mistral (des Schlafwagenzuges Paris Nkza) einsteigt. Er findet ja auch dort seinen Weg " Nun ist aber der Aufenthalt, im Glashaus Orly sehr viel angenehmer als der auf zugigen Eisenbahnhöfen. Das Haus ist glänzend organisiert, gegen Lärm geschützt und ventiliert. Der Fluggast hält sich hier unter dieser Glasglocke in einer Art Überdruckkabine auf, die die schlechte Luft und Abgase von draußen fernhält, ebenso den Düsenlärm. Auf dem Flugplatz stehen vor dem Gebäude in Art der Gitter gegen Schneeverwehungen zusätzlich noch lärmschluckende Metallbarrieren. An den Abfahrtschaltem braucht der Gast nicht mehr das Schild seines Reisezieles zu suchen. An jedem Schalter seiner Fluggesellschaft wird er abgefertigt. Der Zoll macht bei der Abreise nur noch Stichproben, und das Gepäck geht über ein lörderband. An diesem „Kolbenklavier" stellt ein Mann durch Knopfdruck die Bestimmungsorte ein, und mit Kolbendruck werden die Koffer in die richtige Richtung expediert. Man kann nur hoffen, daß der Mann, niemals Kopfschmerzen oder Sorgen und seine Gedanken woanders liat; aber auch ohne diese Kolbenklaviere sind Koffer mit dem Bestimmungsort Kairo schon in Madrid angekommen und haben den Besitzer in Verlegenheit gebracht. Das gehört zu den Abenteuern in der Luft.
aparte Mädchen am Schalter, als ich mich nich Hamburg via Düsseldorf abfertigen Keß „WöFür: fragte ich. Das Mädchen mit Pariser Charme antwortete unbekümmert: „Das Haus hier hat viel ich nur von. Athen, und Griechenland ist ein armes Land, aber Frankreich ist reich — „Nicht 1sah den langen, blanken Empfangskorridor entlang und zahlte gern Tribut für die ingeniöse Phantasie, und Frankreichs Gloire.
Mit leichtem Handgepäck gelangt man durch die Abfahrtssperren über Rolltreppen in den ersten Stock, wo eine schwarze Tafel auf zwanzig Feldern die nächsten Abreisen anzeigt mit der Flugnummer und dem Abfahrtstor. Sachsundvierzig solcher Ausstiegtore leuchten grün; nicht krächzende, sondern nervenschonende Flüsterlautsprecher, die man an allen Ecken in allen Stockwerken des großen Hauses mit der gedämpften Atmosphäre hört, wiederholen die An- und Abflüge. Die Bauten sind so groß, daß der Fluggast, der ja viel sitzen muß, sich tüchtig Bewegung machen kann.
Gehe ich schon über die Grenze? Siebzehn Kontrollschleusen des Zolls warten auf den Ansturm der Passagiere in der Hauptreisezeit; in dieser Vormittagsstunde eines lichten Pariser Februartages sind nur zwei besetzt.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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