Werkstattgespräche
Von Walter Abendroth
Die Publikation von Künstlerbriefen ist eine Unsitte, wenn die Lektüre lediglich die indiskrete Neugier sensationslüsterner Spießer zu befriedigen vermag; sie bereichert die Welt um wertvolles Kulturgut, wenn die privaten Äußerungen Einblicke in das Wesen künstlerischer Arbeit vermitteln, wenn sich in ihnen nicht so sehr die bürgerliche (oder unbürgerliche) Person wie der durch sie wirkende creator Spiritus kundgibt. Zu den wertvollsten Dokumenten dieser Art gehört die Korrespondenz des meistgefeierten deutschen Komponisten der jüngsten Vergangenheit mit seinem Textautor. Ein Buch wie dieser Gedankenaustausch bedarf indessen einer gewissen Orientierungshilfe. Die bietet sich nunmehr an in einer kleinen, aber ebenso kenntnisreichen wie zweckentsprechenden Schrift — Günther Baum: „Hab mirs gelobt, ihn Heb zu haben — Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal nach ihrem Briefwechsel dargestellt; Max Hesse Verlag, BerlinWunsiedel; 44 S , 5 80 DM.
Der Autor kommentiert die brieflichen Auseinandersetzungen der beiden Arbeitspartner auf eine nüchterne, sachlich unbestechliche Weise. Sie zeugt von der Abwesenheit jeglicher Spekulation und der Allgegenwärtigkeit praktischer Erfahrung. So gelingt hier restlos, was der Titel verspricht: eine Darstellung der künstlerischen (übrigens auch menschlichen) Persönlichkeiten des Musikers und des Dichters aus den Kontakten und den Kontrasten ihrer geistigen Impulse. Wobei nicht verschwiegen werden soll, daß der Vergleich dem Meister des verhaltenen Wortes in mehr als einer Beziehung wärmere Sympathien einträgt als dem Meister der nichts verheimlichenden Töne.
- Datum 16.02.1962 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.2.1962 Nr. 07
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